Wird die Mode nach Covid-19 noch gebraucht?

In der aktuellen Krise taucht in sozialen Netzwerken, in unseren persönlichen Gesprächen und in der Presse oft dieselbe Frage auf: Wird die Mode weiterhin gebraucht?

Auf Instagram interviewte der Modejournalist @Abou_sega seine Abonnenten zum Thema Mode. Die Antworten fielen vielfältig aus: Ein Anhänger antwortete: "Haben wir sie je gebraucht?", andere sprachen davon, Dinge verändern zu wollen, Dinge neu ordnen zu wollen, oder den Konsum künftig einzuschränken. Trotz ihrer unterschiedlichen Aussagen stimmten die meisten Antworten in einem Punkt überein: Veränderung und Evolution.

"Philosophen und Zukunftsforscher scheinen sich einig zu sein: Der fast völlige Stillstand der Wirtschaft wird seine Spuren im weltweiten Konsumverhalten hinterlassen. Wären die Veränderungen hin zu einem verantwortungsvolleren Konsum bereits vorhanden, "würden diese Verhaltensweisen mit 100 multipliziert", sagt Vincent Grégoire, Direktor der Abteilung Inspiration bei der Agentur Nelly Rodi, einer Markenstrategieberatung, die FashionUnited telefonisch kontaktierte.

Ich denke, dass sich der Einzelne durch diese Krise verändern wird, wir werden eine andere Beziehung zu Zeit, zu Geld und zu anderen haben. Wir befinden uns in einer Phase der Veränderung, wir werden Resilienz lernen, unsere Lehren daraus ziehen und dann eine Renaissance vollziehen", sagt Vincent Grégoire. Eine von Li Edelkoort geteilte Ansicht. Die Trendforscherin ist ebenfalls der Meinung, dass die Krise aufzeigen wird, was in unserer Gesellschaft nicht mehr richtig ist und uns entschleunigen wird, wie sie gegenüber Business of Fashion sagte.

Altruismus und Bürgerschaft

In den letzten Wochen haben Luxusmarken und -konzerne ihre Initiativen zur Beteiligung am Kampf gegen die Pandemie vorgestellt: Hauptsächlich sind es Maskenherstellung und finanzielle Spenden. Vincent Grégoire lobt diese Initiativen, die, auch wenn einige von ihnen kritisiert werden können, für ihre konkreten Hilfestellungen und den Widerstand: "Die Mode vergisst ihre merkantile, vergängliche Seite", erklärt er am Telefon. Dieser altruistische Geist ist ein Echo des Erwachens der französischen Bürger. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury erklärt, dass wir wiederentdecken, dass "kollektives Verhalten uns vor individueller Verwundbarkeit schützt", wie sie gegenüber Radio Rtbf sagte. In der Zeitung Libération ruft sie dazu auf, "die gemeinsame Verantwortung zu bewahren, die in dieser Gefangenschaft wiederentdeckt wurde, in der wir Solidarität durch Distanz leben".

 

« Wir werden eine neue Konsumgesellschaft gründen " Vincent Grégoire

Neue Verhaltensweisen, neue Regeln

Laut Vincent Grégoire werden sich am Ende dieser Krise vier Arten von Verhaltensweisen herauskristallisieren. Zuerst diejenigen, die den Konsumismus auf den Prüfstand stellen und reparieren wollen; zweitens diejenigen, die alles kontrollieren wollen, die “Vorbilder”; drittens diejenigen, die sich eine neue Welt des Staunens, ein neues Paradies in einer Hippie-Tech vorstellen eine Feel-Good-Vision verfolgen; und zuletzt gibt es diejenigen, die alles Bisherige wegwerfen wollen, die Systemsprenger, diejenigen, die das Feiern des Absurden und Unsinnigen befürworten.

Welchen Weg auch immer man einschlage, "einzelne Akteure nehmen die Macht wieder an sich mit neuen Werten, mehr Sharing, mehr Aufmerksamkeit füreinander und für die Umwelt. Wir werden eine neue Konsumgesellschaft beginnen", sagt Vincent Grégoire.

Was die künftigen Trends betrifft, so stellt Vincent Grégoire bereits einige Details fest: Hipster, die ihre Bärte rasieren, um Mikrobennester zu vermeiden, und eine Nachfrage nach Tätowierungen im Zusammenhang mit der Epidemie, mit lustigen Viren. Und natürlich eine neue Kultur der Masken. Mehr denn je sind die postapokalyptischen Looks der französischen Designerin Marine Serre jetzt in Mode.

Das lokale ja, aber mit neuen Werten

Auf die Frage des lokalen Konsums antwortet Vincent Grégoire mit Nuancen. Ja zum lokalen Einkauf, aber mit Marken, die auf Überzeugungen, Verpflichtung, Solidarität und Sharing setzen. "Es geht nicht nur darum, Made in France zu machen, um Made in France zu sein, es müssen echte Werte dahinter stehen. Im Moment gab es vor allem Greenwashing. Konsumenten wollen Nachvollziehbares, sie wollen Transparenz. Es gibt eine wirklich menschliche und humanistische Dimension, die aus all dem hervorgehen wird, auch wenn leider Menschen geopfert werden, weil es sich um eine ungleiche Krise handelt. »

Der "Gewinner"-Sektor

Es ist nicht überraschend, dass die Heimat potenziell als Gewinner hervorgehen wird", erklärt Vincent Grégoire. Die Modeindustrie hat keine "Priorität", mit Ausnahme der Kategorie der Leute, die nur feiern und alles wegwerfen wollen (siehe oben).

Die Kategorie der Homewear ist jedoch vielversprechend. Die Komfortkultur wird sich weiter entwickeln. "Dreamwear, Homewear, Softwear, wir werden kaufen, was bequem, fließend, anschmiegsam und gleichzeitig begehrenswert sein wird. Zusätzlich kann die Integration neuer Technologien, ein nachhaltiger Ansatz, und CSR zur Begehrlichkeit beitragen", sagt Vincent Grégoire. Es ist aber nichts in Stein gemeißelt, so der Experte, "Diejenigen, die es als Gewinner hervorgehen werden, werden die Wendigsten sein, diejenigen, die sich am schnellsten anpassen, das ist wie bei Darwin".

Am Ende des Interviews, als er nach einem zu empfehlenden Podcast oder Webinar gefragt wird, weist Vincent Grégoire auf die Kreativität der ‘normalen’ Menschen in den sozialen Netzwerken hin. Er bewundert den Humor und die Kreativität der Menschen und ist begeistert von den Videos und Bildern, die mit den zur Verfügung stehenden Mitteln gedreht werden - zu Themen wie Toilettenpapier und der Beschäftigung von Kindern zu Hause. Berührende und spontane Initiativen, die viel über uns aussagen.

 

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    Bild : Unsplash

    Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.fr veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

     

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