Wirtschaftspatriotismus: Chanel will Angestellte nicht in Kurzarbeit schicken

Bis jetzt beruhte der Erfolg von Luxusmodehäusern vorrangig auf drei Säulen: Der Kreativität der Designs, der Produktqualität und der unternehmerischen Finesse. In den letzten Jahren ist eine vierte Säule entstanden, die das Wachstum und das Prestige dieser Häuser maßgeblich beeinflusst: das soziale Engagement der Marke. Dieser Pfeiler beinhaltet Ethik im weitesten Sinne, also alles, was einen Sinn erzeugen und den Konsumenten durch Sympathie an die Markenwelt binden kann.

Wie wichtig diese Säule geworden ist, zeigt sich während der aktuellen Pandemie anschaulich. Es gibt viele Beispiele: Die Herstellung von Masken oder Desinfektionsmitteln anstatt Klamotten und Kosmetika, wie es beispielsweise LVMH oder Kering tun, zeigt den Wirtschaftspatriotismus der Marken. Das Haus Chanel setzt auf eine andere Zurschaustellung seiner Werte, nämlich die Entschlossenheit, das Kurzarbeitsprogramm in Frankreich nicht zu nutzen und keine Staatsgelder in Anspruch zu nehmen - und das, obwohl Chanel Anfang März alle seine Fabriken in Europa schloss, insbesondere in Frankreich. Fast zwei Drittel seiner Ladengeschäfte sind ebenfalls geschlossen.

Öffentliche Gelder nicht in Anspruch nehmen

Konkret hat sich Chanel - dessen Umsatz im Jahr 2018 9,91 Milliarden Euro erreicht hat - dafür entschieden, keine staatlichen Gelder in Anspruch zu nehmen: Das Unternehmen wird die vollen Gehälter seiner 8.500 Mitarbeiter in Frankreich für 40 Arbeitstage, für einen Zeitraum von acht Wochen, vom 16. März bis zum 8. Mai, weiterzahlen. Dazu gehören die Métiers d'Art-Manufakturen und Produktionsstätten wie Lesage, Montex, Act3, Lemarié, Lognon, Legeron, Paloma, Causse, Massaro, Maison Michel, Goossens, Lesage intérieurs, Barrie, Desrues, Ateliers de Verneuil en Mégisserie Richard, Bodin-Joyeux, HugoTag, Les Moulinages du Riotord, Defiluxe sowie die Firma Eres.

„Im Geiste der gemeinsamen Bemühungen, sich auf das Ende der Krise vorzubereiten und die Gehälter während dieser acht Wochen weiterzuzahlen, die vollständig von Chanel finanziert werden, werden die Mitarbeiter gebeten, sich an dieser Solidaritätsinitiative zu beteiligen“, heißt es auf der Website der Marke. „Es geht darum, die öffentlichen Finanzen nicht zu belasten, damit der französische Staat vorrangig den am meisten gefährdeten Unternehmen helfen und natürlich auch seine Ressourcen auf das Gesundheitssystem, das Gesundheitspersonal und die persönlichen Hilfsorganisationen konzentrieren kann.“

Als Beitrag zu den nationalen Solidaritätsbemühungen hat sich Chanel dazu entschlossen, 1,2 Millionen Euro für Krankenhäuser und Dienstleistungen in Frankreich durch Zahlungen an den von der AP-HP (Assistance Publique - Hôpitaux de Paris)-Stiftung, der Georges-Pompidou-Stiftung und den SAMU-Dienststellen eingerichteten Notfallfonds bereitzustellen. Diese Beträge werden zur Unterstützung des Krankenhauspersonals verwendet, das seit Beginn der Epidemie an vorderster Front steht.

„In unserem Wunsch, zur nationalen Solidarität beizutragen, haben wir auch bereits mehr als 50.000 Masken, die wir in unserem Besitz hatten, an Krankenhäuser, Feuerwehrleute, Polizei und Gendarmerie geliefert“, so die Erklärung weiter. „Heute mobilisieren wir unsere Partnerhersteller und unsere Teams - darunter 150 unserer Näherinnen aus den Haute Couture-, Prêt-à-Porter- und Maisons d'art-Workshops - um Schutzmasken und Schutzkleidung herzustellen. Wir sind dabei, die Genehmigung der öffentlichen Behörden einzuholen und werden die Produktion aufnehmen, sobald die Prototypen und Rohstoffe genehmigt sind.“

„Diese Entscheidung ist Teil unseres Solidaritätsplans. Denn der französische Staat wird andere Prioritäten haben. Er muss Unternehmen in Schwierigkeiten zu Hilfe kommen“, so Bruno Pawlowski, Präsident von Chanel SAS, gegenüber Le Monde. Diese Maßnahme wird das Unternehmen „mehrere Millionen Euro“ kosten, so der Direktor, der auch glaubt, dass Chanel seinen Partnern und Lieferanten eine ganz besondere Situation bieten muss.

Das Unternehmen will diesen Betrag aus seinem eigenen Etat beziehen. Das Unternehmen, so erinnert Le Monde, erwirtschaftete 2018 einen Cashflow 1,93 Milliarden Euro. Der CEO erklärte in der Tageszeitung auch, dass der Umsatz im Geschäftsjahr 2020 voraussichtlich um 15 bis 20 Prozent, vielleicht sogar noch mehr, zurückgehen wird. Zu den zum Teil durch die aktuellen Ereignisse bedingten Sparmaßnahmen gehören die Absage der ursprünglich in Italien geplanten Präsentation der Cruise Collection auf der Insel Capri im Mai sowie der Haute Couture-Modenschau, die Anfang Juli in Paris stattfinden sollte.

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Bild: Chanel, Backstage H/W 20/21.

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

 

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