• Home
  • Nachrichten
  • Business
  • Assyst: „Sie sehen heute keinen Unterschied mehr zwischen einem digital generierten Produkt-Bild und einem Foto“

Assyst: „Sie sehen heute keinen Unterschied mehr zwischen einem digital generierten Produkt-Bild und einem Foto“

Von Regina Henkel

22. Juli 2021

Business |Interview

So hart die Pandemie war, so wichtig war sie für die Modebranche, davon ist Hans-Peter Hiemer überzeugt. Seit März 2021 ist er der neue Geschäftsführer des CAD-Spezialisten und 3D-Technologieanbieters Assyst aus Aschheim-Dornach bei München. Hiemer kennt die Modebranche schon lange und aus vielen Perspektiven. Als Berater und Manager arbeitete er bereits für Unternehmen wie S.Oliver, die CBR Fashion Gruppe, Orsay, Klingel, Zalando/Z-labels, Escada oder Beeline.

Er machte schon vor seiner Aufgabe bei Assyst keinen Hehl aus seiner Überzeugung, dass die Branche grundlegend umdenken müsse, wenn sie weiterhin erfolgreich sein will. Weg vom Ratespiel, was wohl die Bestseller der nächsten Saison sein werden, und hin zu einem daten- und nachfragegetriebenen Businessmodell mit mehr Kleinserien statt immer noch mehr Massenware. Die gute Botschaft: Die Technologien sind da, jetzt muss die Branche folgen. Wir haben mit Hans-Peter Hiemer über die digitale Transformation gesprochen und wie weit die Modebranche ist.

Herr Hiemer, Sie haben lange in der Modeindustrie gearbeitet, dann in der Unternehmensberatung, jetzt gehen Sie zu einem CAD-Anbieter. Warum ist Assyst interessant für Sie?

Ich hatte die letzten Jahre bei meinen Tätigkeiten immer das Glück, am Puls der Zeit zu sein und die großen Themen der Branche mitgestalten zu können. Der erste große Change-Prozess war die Globalisierung in den 1990er Jahren, dann kam die Vertikalisierung, wo es darum ging, Verdichtungen im Vertrieb herbeizuführen. Jetzt sind wir beim Thema Beschleunigung und Technologie, und da gehört Assyst zu den Vorreitern. Ich habe immer darüber nachgedacht, was kommt als nächstes, und da bietet Assyst eine geniale Kombination: Hier kommen Industrie, Handel und Technologie zusammen. Das neu zu gestalten und hier eine nennenswerte Rolle spielen zu können, ist interessant. So gesehen ist Assyst fast schon eine logische Konsequenz gewesen.

Lange war der Markt an CAD-Anbietern überschaubar, mit 3D tauchen auch neue Player auf. Worin unterscheidet sich Assyst vom neuen Wettbewerb?

Ja, das stimmt. Aus der Historie heraus gab es immer nur eine Handvoll CAD-Anbieter mit Spezialisierung auf die Modebranche. Assyst ist da sicher derjenige, der am weitesten entwickelt ist. Im Vergleich zu den neuen Playern muss man wissen, dass die im Wesentlichen nur Einzellösungen anbieten, beziehungsweise kleine Bereiche abdecken, und darin auch sehr gut arbeiten – übrigens auch zusammen mit Assyst. Wir haben jedoch eine durchgängige Lösung und bilden nicht nur Einzelschritte ab. Wir begleiten das Produkt von A bis Z und können, wenn der Kunde das will, Durchgängigkeit darstellen. Als CAD-Experte kommen wir aus dem Schnitt und können heute über den gesamten Prozess die vor- und nachgelagerten Prozesse integrieren. Das ist der große Unterschied.

Sie sind in den letzten Jahren hart mit der Modebranche ins Gericht gegangen – zu träge, zu wenig kundenorientiert, zu viele Abschriften. Das System funktioniert nicht mehr. Wie soll es besser werden?

So hart die Pandemie war, so wichtig war sie für die Modebranche. Bisher haben wir immer mit der gleichen Methode versucht die Probleme zu lösen, und natürlich funktioniert das nicht mehr. Wir müssen zu einem Demand-Driven Modell finden, und das passiert nicht freiwillig. Wir haben aktuell Millionen von nicht verkauften Artikeln im System, der Druck auf die Branche ist enorm. Aber die gute Nachricht ist: Es ist heute möglich, grundlegende Prozesse zu ändern! Die Tools sind da, und die Aufmerksamkeit der Unternehmen ist jetzt auch vorhanden. Die Situation birgt jetzt Chancen für die neuen Modelle auch gehört zu werden. Wahrscheinlich wird es noch zwei Jahre dauern, bis die Unternehmen sich finanziell erholt haben. Dann aber kommt der nächste Schritt.

Der nächste Schritt wäre Ihrer Meinung nach der Eintritt in die 3D Produktentwicklung. Warum ist das wichtig?

Bei der 3D-Produktentwicklung können sie 30 Prozent der Zeit aus dem Entwicklungsprozess rausnehmen. Aus ehemals zwölf Wochen werden acht - das ist absolut machbar. Es macht einen Unterschied, ob sie das Design zu einem Zeitpunkt starten müssen, wo sie noch gar keine Daten haben, oder eben später auf Basis von Kundenfeedback. Auch bei der Anzahl der Muster spare ich enorm, je nach Reifegrad mindestens zwanzig Prozent, bis rauf auf 70 Prozent. All diese Einsparungen fließen direkt in die Kalkulation ein, das ist Margenoptimierung bevor das Produkt überhaupt da ist.

Wie weit ist die 3D-Technologie inzwischen?

Wenn man von einem 5-Stufenmodell ausgeht, befinden wir uns gerade auf der mittleren Stufe des Reifegradmodells. Das heißt, wir befinden uns an der Schwelle zur Vorhersagbarkeit, wo wir externe Faktoren in die Produktentwicklung mit einbeziehen können. Was uns betrifft, ist unser Produkt in einem stabilen Zustand, unsere Lösungen sind sicher, reproduzierbar und bezahlbar. Sie sehen heute keinen Unterschied mehr zwischen einem digital generierten Produkt-Bild und einem Foto. Etwa 1.500 Kunden entwickeln jede Minute neue Produkte auf unserer Assyst-Plattform.

Wie weit sind die Marken bei der Integration von 3D-Technologie?

Die befinden sich eine Stufe darunter. Aber die Aufmerksamkeit ist da, und die Unternehmen sind bereit zu investieren. Assyst beschäftigt sich ja seit vielen Jahren mit dem Thema, das heißt, die Technologie geht voraus, jetzt kann der Markt aufholen, und das ist gut so. Schwierig wäre es, wenn die Industrie Forderungen hätte, die auf technologischer Seite noch nicht angeboten werden können. Was uns betrifft: Wir arbeiten schon mit Kunden, die digitale Produkte in ihren Shop integrieren und bereits 50 Prozent ihrer Kollektion nur digital verkaufen, wodurch der Go-to-Market-Prozess um Monate verkürzt wurde. Das heißt, hier werden Produkte ohne finanzielles Risiko verkauft, weil keine Muster produziert und kein Stoff vorab gekauft werden musste. Etwa 400 Firmen weltweit sind schon so weit integriert, dass sie digital verkaufen können. Teilweise wird der überwiegende Teil der Kollektion digital entwickelt.

Wie digital ist die Supply Chain bereits, beispielsweise die Stoffe?

Der Rollout steht bevor. Wir ermutigen die Stoffhersteller, ihre Stoffe selbst schon zu digitalisieren und bieten dafür ein offenes System an mit digitalen Parametern wie Gewicht, Rücksprung etc. Ich sehe darin eine große Entwicklungschance für die textile Vorstufe. Aber wir helfen auch unseren Kunden ihre eigenen Stoffbibliotheken anzulegen und zu lernen, wie man Stoffe als technisches Bild beurteilt. Die Mitarbeiter müssen ihren eigenen persönlichen Erfahrungsprozess durchlaufen, um diese Daten sicher lesen und ihr Wissen sicher reproduzieren zu können.

Wie sehen die Möglichkeiten von 3D-entwickelten Produkten in Richtung Handel aus. Gibt es schon Beispiele, wo digitale Produkte an Endkunden verkauft werden?

Von der technischen Seite ist das schon machbar, aber man braucht dafür ein passendes Vertriebskonzept. Wenn der Endkunde ein Produkt kauft, dann will er es auch schnell haben. Dauert es zu lange, sinkt das Interesse. Im Moment sind noch zu viele Einzelsysteme vorhanden, die nicht miteinander verbunden sind und an den falschen Stellen stehen. Wenn der Transport zehn Tage dauert, ist das zu lange. Aber im Bereich Avatare und virtuelle Anprobe gibt es schon Beispiele. In den USA läuft ein umfangreiches Forschungsprojekt zusammen mit einem großen US-amerikanischen Händler. Hier haben wir für alle Produkte auch die technischen Produktdaten eingespielt, damit der Endkunde das Produkt virtuell anprobieren kann. Dafür erfragen wir einige Informationen vom Kunden, wie z.B. Körpergröße und den gewünschten Tragekomfort – wir fragen nicht nach dem Gewicht – und gleichen die Daten mit der Datenwolke von Avalution [auf Körperdaten spezialisiertes Schwesterunternehmen - Anm. der Redaktion] ab. Über den Try-on-Button wird das Produkt auf den Körper gerechnet und gibt Auskunft darüber, wie die Passform ist.

Sie sehen in schnellen Kleinserien die Zukunft, hergestellt in dezentralen, digital unterstützten Microfactories. Adidas hat das vor drei Jahren schon mal mit Assyst in Berlin präsentiert. Wie ging es damit weiter?

Auf der Materialseite sind die Schritte schon sehr groß. Auf der letzten Drupa, der weltgrößten Druckmaschinen-Messe, wurde gemeinsam mit dem Textilinstitut Denkendorf und Assyst ein ausgereifter Produktionsprozess für bedruckte T-Shirts vorgestellt: Eine Rolle weißer Stoff wird in die Maschine eingelegt, die Maschine läuft los, das Design wir kreiert und die Maschine bedruckt den Stoff genau an der Stelle, wo später der Druck sein soll. Dann erst kommt der digital gesteuerte Cutter und schneidet die Teile aus. Die Integration von Drucker, Software und Cutter funktioniert also bereits, und es gibt auch erste Unternehmen, die damit arbeiten, vor allem Merchandising-Hersteller. Solche Maschinen sind die Eingangsvoraussetzung für Nearshoring und On-Demand-Produktion. Ich denke, in zwei bis vier Jahren sehen wir hier einen industriellen Durchbruch. Die Investitionen für solche Druckmaschinen belaufen sich von unter zehntausend Euro für Kleinserien bis in den Millionenbereich. Große Drucker-Hersteller wie Epson investieren hier gerade. Würden sie diesen Markt nicht interessant finden, würden sie das Thema nicht fördern.

Hat die Pandemie auch den Blick auf die Digitale Transformation der Wertschöpfungskette verändert? Oder schauen alle nur auf den Handel?

In zweierlei Hinsicht hat die Pandemie den Blick auf die Prozesse in der Modeindustrie verändert. Zuallererst muss eine Firma ihre Produkte verkaufen können. Damit das gelingt, braucht sie ganz neue Prozesse und hat damit ihren Veränderungsbedarf definiert. Dafür braucht sie Technologie. Es macht nämlich keinen Sinn, wenn ich meinen Vertrieb innerhalb von zwei Tagen schaffe, aber das Produkt Monate braucht, bis es fertig ist. Mit Technologie reduziert sich die Entwicklungszeit von früher zwölf Wochen auf heute zwei bis drei. Bei dieser Zeitersparnis ist es auch völlig in Ordnung, wenn das Design sechs Wochen braucht, genau darin sehen viele jetzt einen großen Nutzen. Zweitens eröffnet die digitale Produktentwicklung ganz neue Chancen, den Markt sofort abzuholen. Assyst-Kunden konnten als Reaktion auf die Lockdownphasen innerhalb von zwei Wochen eine Homewear Kollektion entwerfen und sofort digital verkaufen - nur weil es technisch möglich war.

Was ist Ihre Einschätzung als Branchenexperte: Hat unser Wholesale-Modell noch eine Chance?

Das ist eine regionale Diskussion. Unser 3-stufiges Wholesale-Modell ist eine zentraleuropäische Sondersituation, das gibt es weltweit eigentlich nicht. Das direkte Modell hat einfach den Riesenvorteil, dass man den persönlichen Kontakt zum Kunden hat. Ich kann mir Wholesale hierzulande in zwei Versionen weiterhin vorstellen: Einmal im Bereich Highend und Luxus. Hier spielen Kuration und Service eine zentrale Rolle. Das andere Beispiel ist im Bereich low-entries, also überall, wo es um Bedarfsdeckung geht. Schwierig wird es für Marken in der Mitte, die Wholesale, Retail und E-Commerce gleichzeitig machen. Diese Mainstream Mitte wird sich zwischen Retail und Wholesale entscheiden müssen - alle Bereiche zu bedienen wird zu teuer. Grundsätzlich glaube ich aber, dass die Pandemie eine große Chance für den stationären Handel gebracht hat, weil alle gemerkt haben, wie einsam online shoppen auf Dauer ist.

Fotos: Assyst GmbH