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Bangladesch: „Unsere Bekleidungsindustrie gehört heute zu den sichersten der Welt“

Von Regina Henkel

2. Juni 2021

Faruque Hassan ist der neue Präsident von Bangladeschs Bekleidungsindustrie (BGMEA). Das Land ist hart getroffen von der Corona-Pandemie. Mit dem nahenden Ende des Bangladesch Accords hat zudem ein neues Tauziehen zwischen Marken, Fabriken, Gewerkschaften und NGOs um Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten im Bereich des Arbeitsschutzes in der Bekleidungsindustrie begonnen, das international mit großem Interesse verfolgt wird.

Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Bekleidungsproduzent der Welt. Allein die Bekleidungsindustrie ist für rund 85 Prozent der gesamten Exporte des Landes verantwortlich. Seit April 2021 steht ein neuer Mann an der Spitze dieser mächtigen Industrie: Faruque Hassan. Er wurde zum neuen Präsidenten der Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA) gewählt, dem Industrieverband der Bekleidungshersteller in Bangladesch, in dem mehr als 2.300 Bekleidungshersteller und -exporteure des Landes organisiert sind. Selbst Managing Director des Strickproduzenten Giant Group mit mehreren Tausend Angestellten, übernimmt er das Amt in herausfordernden Zeiten. Nicht nur die Corona-Krise hat die Bekleidungsindustrie des Landes hart getroffen. Auch der sogenannte Bangladesch Accord sollte am 31. Mai 2021 auslaufen und wurde um drei Monate für weitere Verhandlungen verlängert. Das stellt die angesichts der Pandemie ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Produzenten, Marken und Gewerkschaften vor neue Herausforderungen.

Der Accord ist ein international verbindliches Abkommen zur Brand- und Gebäudesicherheit in Bangladesch, das 2013 als Reaktion auf das verheerende Unglück von Rana Plaza zwischen Unternehmen, Gewerkschaften, Verbänden und NGOs geschlossen wurde. Mit dem Auslaufen des Abkommens soll die Überwachung der Sicherheitsstandards an die Regierungsbehörde RMG Sustainability Council (RSC) übergehen, so sieht es der Accord vor. Allerdings unter der Voraussetzung, dass die rund 200 Marken und Händler, die inzwischen dem Accord beigetreten sind, auch für diese neue nationale Organisation ein ähnlich bindendes Abkommen unterzeichnen. Das genau ist nun aber nicht der Fall. Als Folge davon drohten die beteiligten Gewerkschaften bereits mit ihrem Austritt, verlängerten aber jetzt ihr Ultimatum um drei Monate.

Wir haben mit Faruque Hassan über die aktuelle Situation in Bangladesch gesprochen.

Herr Hassan, Sie haben das Amt des Präsidenten des BGMEA in einer schwierigen Zeit übernommen. Wo liegen Ihre aktuellen Prioritäten?

Faruque Hassan: Die Branche ist durch die Covid-19 Pandemie in beispielloser Weise getroffen. Wir haben im Geschäftsjahr 2019/20 im Vergleich zum Vorjahr sechs Milliarden Dollar an Exporten verloren. Im Zeitraum Juli bis April des laufenden Geschäftsjahres 2020/21 sind die Exporte um 8,72 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2018/19 zurückgegangen. Im Moment hat also die Bewältigung der Pandemie und das Beibehalten des Kurses oberste Priorität für uns, und unsere Strategie besteht darin, die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten zu verbessern. In Anbetracht des Lebensunterhalts von Millionen von Arbeitern und ihren Angehörigen ist die Sicherstellung eines kontinuierlichen, ununterbrochenen Produktionsbetriebs der RMG-Fabriken in einer sicheren und hygienischen Arbeitsumgebung die höchste Priorität. Der Schutz der Industrie vor weiteren negativen Folgen, die Unterstützung der Fabriken bei der Erholung von den Schäden und die Sicherstellung der kontinuierlichen Überwachung und Durchsetzung des Gesundheitsprotokolls in den Fabriken sind einige der Prioritäten, an denen wir arbeiten. Gleichzeitig werden wir uns bemühen, neue Wege zu finden, um unsere Wettbewerbsfähigkeit durch Effizienzsteigerung, Automatisierung, Digitalisierung und Kostenoptimierung zu verbessern.

Der Bangladesch Accord, der gerade auslief, war eine direkte Reaktion auf das Rana-Plaza Unglück von 2013. Wie hat der Accord die Bekleidungsindustrie in Ihrem Land verändert?

Der Einsturz von Rana Plaza 2013 war für uns der unglücklichste Industrieunfall. Aber der Vorfall markiert auch den Beginn einer neuen Ära für die Branche durch viele bis dahin beispiellose Maßnahmen, einschließlich der Initiativen zur Überarbeitung der Sicherheit in der gesamten Branche, der Gesetzesreformen und des Aufbaus von Verwaltungskapazitäten sowie der Zusammenarbeit, die wir zwischen den Partnern in der Lieferkette und den Entwicklungspartnern erlebt haben.

Heute ist der RMG-Sektor in Bangladesch ein Vorreiter in Sachen Fabriksicherheit, verantwortungsvolle Produktion und Wohlbefinden der Arbeiter. In den vergangenen acht Jahren seit dem Vorfall hat sich in diesem Sektor viel verändert. Heute werden 100 Prozent der Fabriken auf Gebäude-, Feuer- und Elektrosicherheit überprüft. Die Berichte über die Fabrikinspektionen werden im Internet veröffentlicht, was weltweit ein einzigartiges Beispiel für die Sicherheit am Arbeitsplatz darstellt und dazu geführt hat, dass Bangladesch wahrscheinlich das sicherste und transparenteste Land für die Herstellung von Bekleidung ist.

Daher kann die Rolle des Accord und anderer Initiativen wie die Alliance und ILO BetterWorks, die uns geholfen haben, die Gesamtsituation zu verbessern, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Von Anfang an bestand die Herausforderung darin, die Industrie sicherer und gesetzeskonformer zu machen, und damit transparenter. Alle unsere Fabriken gewährten dem Accord größtmögliche Unterstützung bei der Durchführung von Sicherheitsaudits, Sanierungsmaßnahmen und Schulungen. Es war in der Tat eine herausfordernde Aufgabe, aber wir konnten es möglich machen, weil es eine positive und ehrliche Absicht der Fabriken gab, sich zu ändern, und sie taten es.

Das Bangladesch-Abkommen lief am 31. Mai aus. Was bedeutet das für Sie?

Die Industrie hat den Rana-Plaza-Unfall genutzt, um umzukehren und die Arbeitsplätze Fabrik für Fabrik sicherer zu machen. In diesem Transformationsprozess haben wir Unterstützung und Hilfe von allen Beteiligten erhalten, einschließlich Einkäufern, Entwicklungspartnern und Regierungen. Aus dem Geist der Zusammenarbeit haben wir zahlreiche Initiativen ergriffen, die uns den Status eingebracht haben, innerhalb der Bekleidungsindustrie heute das Land mit den zweithöchsten ethischen Produktionsstandards der Welt zu sein. Das Engagement, das die Industrie gezeigt hat, die Anstrengungen und Ressourcen, die investiert wurden, und die Verbesserungen, die wir in Bezug auf Sicherheit und die Befähigung der Arbeiter gemacht haben, werden weltweit gelobt. Wir haben unsere Fabriken umgestaltet und sind heute führend in Sachen Sicherheit, Nachhaltigkeit und ethischer Fertigung.

Das heißt, die Situation ist heute eine andere und Sie bevorzugen eine neue Vorgehensweise?

Für eine vollständige Überprüfung des Sicherheitsstatus und für die Sicherstellung von schnellen Sanierungsmaßnahmen war externe Unterstützung erforderlich, aber ein solches externes und privates Regelwerk kann keine nachhaltige Lösung für eine Branche sein.

Accord und Alliance spielten eine entscheidende Rolle, dennoch darf die Notwendigkeit des Aufbaus nationaler Kapazitäten nicht außer Acht gelassen werden. Dies wurde ja auch im Sustainability Compact bekräftigt, nämlich, dass Bangladesch einen eigenen Sicherheitsmechanismus und eine eigene Behörde haben sollte. Mit dem Ziel, ein unabhängiges nationales Sicherheits-, Compliance- und Nachhaltigkeitsüberwachungssystem für die Konfektionsindustrie aufzubauen, wurde der RSC (RMG Sustainability Council) gegründet. Alle Richtlinien und Verfahren wurden vom Accord entwickelt, einschließlich der konsensbasierten Entscheidungsfindung, und die Standards für alle Gesundheits- und Sicherheitsprotokolle wurden auf den RSC übertragen. Eines der Hauptziele des RSC ist es, Neutralität, Transparenz und Glaubwürdigkeit durch einen Multi-Stakeholder-Ansatz zu gewährleisten. Das RSC arbeitet unter dem gesetzlichen Rahmen der Regierung von Bangladesch und in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Ministerien, darunter das Handelsministerium, das Ministerium für Arbeit und Beschäftigung und das Department of Inspection for Factories and Establishment (DIFE). Diese Initiative wird unsere nationalen Kapazitäten stärken und den einseitigen Sicherheitsregelungen ein Ende setzen und den Weg zu einer nationalen Überwachung ebnen. Jeder Versuch, der die nationale Initiative zum Aufbau von Kapazitäten schwächen könnte, die durch die Einrichtung des RSC bereits begonnen hat, wird ihre Nachhaltigkeit beeinträchtigen.

Die Marken, die den Accord unterzeichnet haben, versuchen derzeit, sich der Verantwortung zu entziehen, indem sie selbst eine Dachorganisation gründen. Das würde bedeuten, dass die einzelnen Marken nicht mehr rechtlich belangt werden können, wenn ihre Zulieferer Sicherheitsregeln missachten. Was halten Sie von dieser Vorgehensweise?

Ich möchte mich klar und ehrlich dazu bekennen, dass beim Thema Sicherheit ein Umdenken stattfinden sollte. Sicherheit und ethische Herstellungspraktiken sollten im Geschäftsmodell verinnerlicht werden. Dies kann nicht immer durch einen Erlass und die Durchsetzung von Gesetzen gewährleistet werden, solange es keine positive Absicht und kein Engagement gibt. Es sollte nicht nur erwartet werden, dass rechtlich bindende Verpflichtungen die Einhaltung garantieren, sondern es sollte ein förderliches Umfeld und eine Kultur entwickelt werden. Ich kann die Gründung von Dachverbänden durch Marken nicht kommentieren, aber alles, was ein Kernmandat zur Sicherstellung der Sorgfaltspflicht in der Lieferkette hat und die Unterstützung und Mitarbeit der meisten Interessengruppen hat, sollte geschätzt werden.

Es gibt auch Stimmen, die diese Art der Einmischung in Ihre Angelegenheiten nicht schätzen. Das sei eine Form der Bevormundung. Wie sehen Sie das?

Wir waren nie voreingenommen oder hatten eine pessimistische Sichtweise auf irgendwelche externen Initiativen, die kamen und uns unterstützten, als wir sie brauchten. In den letzten acht Jahren haben wir mit größter Aufrichtigkeit und Rücksichtnahme für das Wohlergehen und die Sicherheit unserer Arbeiter und Angestellten gearbeitet. Unsere Fabriken haben immer sowohl die privaten als auch die nationalen Initiativen unterstützt. Auch wenn wir in diesem Transformationsprozess auf viele Herausforderungen gestoßen sind - was ganz offensichtlich ist - waren die Unternehmer geduldig, ehrlich und positiv. So haben wir gemeinsam eine Geschichte des Erfolgs und der Zusammenarbeit geschrieben. Wir haben ein Beispiel für die ganze Welt gesetzt, wie Zusammenarbeit und Partnerschaft die Dinge zum Guten wenden können. Wir machen weiterhin große Fortschritte in unserer Zusammenarbeit mit ILO BetterWorks, UN und vielen anderen NGOs, die sich für die Sicherheit der Arbeiter, die Stärkung der Frauen und viele weitere Initiativen einsetzen. Wenn es eine Mentalität der Bevormundung gäbe, wäre die Geschichte anders verlaufen, und wir hätten nicht so weit kommen können. Daher ist grundsätzlich nicht davon auszugehen, dass die Erwähnung von Paternalismus oder Bevormundung aus einer positiven Absicht heraus entsteht oder entstanden ist.

War der Accord ein Wettbewerbsnachteil für Bangladesch? Hat der Accord Einkäufer dazu veranlasst, Aufträge in andere Länder zu verlagern, die keine solchen Anforderungen an Marken und Fabriken stellen?

Seit dem Entstehen des Accords ist unser Export von 21 Milliarden Dollar auf 34 Milliarden Dollar gestiegen, und globale Marken und Einzelhändler vertrauen uns, da wir weiterhin einen Mehrwert für ihr Geschäft schaffen. Es ist auch wahr, dass das Sicherheitsregelwerk, das durch den Accord durchgesetzt wird, für die Zulieferer gewisse Kosten zur Folge hat, was den Wettbewerb für Produzenten aus Bangladesch ungleich macht. Es ist wirklich schwierig zu beurteilen, inwieweit solche ungleichen Bedingungen unseren Handel und Markt verzerrt haben. Wir setzen uns für die positive Weiterentwicklung der Industrie ein, und wir glauben, dass die Nachhaltigkeit selbst dafür sorgt, dass der Accord sich auszahlt. Selbst wenn sich Käufer dazu entschließen, mehr Aufträge in Nicht-Accord-Länder zu vergeben - oder in Länder, in denen die Sicherheitsstandards nicht dem von uns erreichten Niveau entsprechen, wird dies gewisse Kosten verursachen, wenn man die langfristige Rentabilität des Unternehmens berücksichtigt. Wir werden auch weiterhin führend in der ethischen Produktion sein, da sie mittlerweile Teil unserer DNA geworden ist.

Foto: Faruque Hassan beim Bangladesh Fashionology Summit 2019 / Bangladesh Denim Expo