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Blutsgeschwister: „Die Aufmerksamkeit für nachhaltige Produkte ist gestiegen“

Von Regina Henkel

27. Okt. 2020

Business |INTERVIEW

Die deutsche Modemarke Blutsgeschwister ist ein Unikat mit einer unverwechselbaren eigenen Handschrift. Zudem engagiert sich das Berliner Label seit vielen Jahren für Nachhaltigkeit. Hilft das in Krisenzeiten?

Im September veröffentlichte die Fair Wear Foundation (die sich inzwischen nur noch Fair Wear nennt) ihren Brand Performance Check von Blutsgeschwister. Das Fazit: „Nach sieben Jahren Fair Wear-Mitgliedschaft brilliert Blutsgeschwister weiterhin und behauptet seinen Platz als ‚Leader Brand‘ in der Fair Wear Rangliste“, heißt es dort. Grund genug mal nachzufragen – ganz besonders in einer Zeit, wo Lieferantenbeziehungen in der Modeindustrie gerade einem Stresstest unterzogen werden. 2001 von der Designerin Karin Ziegler gegründet, betreibt das Label inzwischen 15 eigene Flagship Stores in Deutschland und beliefert rund 300 Handelspartner. Seit 2010 ist Stephan Künz als Geschäftsführer mit an Bord. Wir haben mit ihm und CSR-Managerin Katharina Fest gesprochen.

Blutsgeschwister hat eine unverkennbare Handschrift und lebt von seinem fröhlichen Design. Wie geht es Blutsgeschwister in der aktuellen Lage?

Stephan Künz: Tatsächlich haben wir im Herbst-Winter eine Warenverknappung! Wir haben im April strategisch entschieden, dass wir den Warendruck im Herbst/Winter rausnehmen müssen und deshalb die dritte Kollektion ins nächste Jahr geschoben. Damals wusste ja niemand, wie sich die Situation entwickeln würde, und der Handel war sehr dankbar für diese Entscheidung. Die Sommersaison lief dann aber wesentlich besser als erwartet. Als im April die Geschäfte wieder öffneten, haben wir eine schnelle Erholung gesehen – in den eigenen Flagship Stores und bei unseren Händlern. Das Feedback lautete: Die Marke wird wirklich nachgefragt. Die Menschen denken nach: Was brauche ich, und wofür will ich Geld ausgeben? Die Aufmerksamkeit für nachhaltige Produkte ist gestiegen, und das tut uns als Marke gut.

Wie sieht die Entwicklung in aktuellen Zahlen aus?

Künz: Wir sind fast bei Pari. Ende September lagen wir aufgelaufen bei zwei Prozent unter Vorjahr. Wir haben den Verlust des Lockdowns also fast wieder aufgeholt.

Viele Marken setzen jetzt verstärkt auf den Onlinehandel. Wie halten Sie das?

Künz: Wir sind seit Jahrzehnten ein faires Multichannel-Unternehmen und gehen beispielsweise erst spät in die Reduzierungsphase in unseren eigenen Kanälen. Für uns hat der Fachhandel auf jeden Fall seine Berechtigung und soll auch weiterhin gut leben können. Es gibt Kundinnen, die wollen online einkaufen, und es gibt Kundinnen, die wollen Beratung in den Filialen und bei den Händlern. Händler mit Alleinstellungsmerkmal wird es auch in Zukunft geben, davon bin ich überzeugt. Beides hat also seine Berechtigung, und das eine soll möglichst nicht das andere kannibalisieren.

Welche Art von Produkten kaufen Ihre Kunden derzeit? Hat sich das Kaufverhalten verändert?

Künz: Man kann schon sagen, dass Produkte für zu Hause besser laufen als beispielsweise Jacken. Aber zum Glück machen wir auch keine Anlassmode oder Businessmode.

Die Pandemie betrifft auch viele Produktionsbetriebe in Asien und Europa. Wie geht es Ihrer Supply Chain?

Künz: Die ist erstaunlich stabil. Bei unseren fünf direkten Lieferpartnern gibt es keine Verzögerungen. Nur bei deren Zulieferern gab es kleine Probleme, aber die waren für uns nicht spürbar.

Viele Modemarken haben sich in der Krise gegenüber ihren Produktionspartnern nicht fair verhalten. Gerade wurde Blutsgeschwister von der Fair Wear Foundation erneut als „Leader Brand“ ausgezeichnet. Was machen Sie besser?

Künz: Wir arbeiten schon lange an unseren Lieferantenbeziehungen und haben diese auch schon vor unserem Beitritt zur Fair Wear vor sieben Jahren gepflegt. Wir haben nie zu den „Die Karawane zieht weiter…“-Marken gehört. Mit der Fair Wear konnten wir aber systematischer an einzelnen Themen arbeiten und mehr in die Tiefe gehen. So bauen wir Jahr für Jahr mehr Expertise auf und festigen so auch unser Verhältnis zu den Lieferanten. Wir konnten so schon einige Meilensteine erreichen.

Welche zum Beispiel?

Katharina Fest: Wir arbeiten beispielsweise intensiv an den Lohnniveaus in der Supply Chain und konnten unsere Lieferkette sehr gut durchleuchten. Wir kennen auch viele Zulieferer unserer Lieferanten, das heißt wir gehen bereits über die klassischen Tier 1 Beziehungen hinaus, und auch unsere Agenten sind komplett in unsere Arbeit mit eingebunden. Wir können also guten Gewissens sagen, dass unsere Produkte fair produziert werden.

Sie haben 2017 angefangen, eine offene Kostenkalkulation von Ihren Zulieferern zu fordern. Warum, und wie entwickelt sich das?

Fest: Wir haben 2017 zunächst nur mit einem Langzeitlieferanten eine offene Kostenkalkulation eingeführt. So ein Schritt erfordert viel Vertrauen und ist für alle Beteiligten sehr aufwändig. Aber Transparenz ist wichtig, um Lohnvergleiche anstellen zu können und Lohnniveaus festzulegen. Bei Preisverhandlungen dürfen jetzt beispielsweise bestimmte Lohnhöhen nicht mehr unterschritten werden. 2019 hatte etwa 50 Prozent unserer Produktion schon das Niveau eines existenzsichernden Lohns erreicht und liegt damit weit über dem gesetzlichen Mindestlohn. Aber natürlich müssen wir weiter daran arbeiten.

Künz: Auch die Produzenten profitieren davon. Mir fällt ein Lieferant ein, der schon sehr weit war auf dem Weg zu Living Wages, aber nicht weiterkam. Wir konnten mit unserer Analyse zeigen, dass die Preise pro Produkt höher waren als anderswo. Im Vergleich zeigte sich, dass der Zuschnitt-Abfall zu hoch war. Nach einer Schulung und der Einführung neuer Prozesse konnte sich der Produzent verbessern und effizienter werden. So konnte der Lieferant von unseren Erfahrungen mit anderen Herstellern profitieren.

Wie mischt man sich bei Missständen in Produktionsbetrieben überhaupt ein – als kleines deutsches Label?

Fest: Wichtig ist die Ursachenforschung. Warum wird zu wenig bezahlt, und warum werden zu viele Überstunden gemacht? Wir müssen auch darauf achten, dass wir nicht selbst die Ursache sind. Deshalb arbeiten wir mit langen Vorlaufzeiten und sind sehr flexibel bei den Lieferterminen. Wir platzieren beispielsweise auch Aufträge in Low-Season-Zeiten, damit Lieferanten durchgehend ausgelastet sind.

Die Fair Wear verifiziert das Engagement für mehr Fairness, und nicht, dass alles schon fair ist. Wie gehen Sie mit Lieferanten um, die nicht Ihren Forderungen entsprechen?

Künz: Wir kommunizieren niemals, dass alles komplett fair zugeht. Ich kann nicht überall sein und alles überprüfen. Aber ich kann vorleben, wie wir sein möchten. Wenn ich einen Lieferanten habe, der daran kein Interesse hat, trennen wir uns. Nicht, weil er noch nicht dort ist, wo er sein sollte, sondern weil er nicht daran arbeiten möchte.

Fest: Wir haben auch eine Lieferantenbewertung eingeführt. Dabei geben wir Lieferanten anonymisiert die Möglichkeit, zu sehen, wie sie im Vergleich stehen und geben entsprechend Feedback. Wenn ein Exit nötig wird, kommt es also nie überraschend für den Produzenten.

Sie haben einen neuen Produzenten in Portugal aufgenommen. Man hört immer häufiger, dass Modeunternehmen wieder näher am Markt produzieren wollen. Warum war Portugal interessant?

Künz: Dort werden Hosen und Röcke produziert, also schlichtere Durchläufer und Kombi-Artikel zu unseren besonderen Teilen. Wir stellen dort Rohlinge her, die dann nach Bedarf in kleinen Mengen nachproduziert und eingefärbt werden können. Das Tempo war hier das Entscheidende.

Was ist Ihr CSR-Ziel für 2020?

Fest: Wichtig ist erstmal, uns alle gut durch Corona zu navigieren. Dazu gehört auch, dass es den Lieferanten gut geht. Der Fokus wird darauf liegen, alles zu stabilisieren und das Erreichte sicherzustellen. Erst dann kommen neue Ziele hinzu.

Fotos: Blutsgeschwister

Blutsgeschwister
Fair Wear Foundation