Clinton: Gaastra-Launch, Camp David-Hype und Ungewissheit bei Harlem Soul
Es ist einiges los beim deutschen Bekleidungsanbieter Clinton. Das in Hoppegarten bei Berlin ansässige Unternehmen hat gerade die niederländische Marke Gaastra wieder gelauncht. Nun fiebert es auf das bevorstehende Jubiläum der Flagship-Marke Camp David hin, die kurz vor dem 30. Geburtstag eine Verjüngungskur verpasst bekommt. Währenddessen entwickelt sich die Streetwear-Marke Harlem Soul zum Problemfall.
Über Clinton:
Der Grundstein für die heutige Clinton Großhandels-GmbH mit Sitz in Hoppegarten bei Berlin wurde 1992 gelegt. Die Gründer sind die aus Baden-Württemberg stammenden Brüder Hans-Peter und Jürgen Finkbeiner. Später traten zwei weitere Finkbeiner-Brüder ins Unternehmen ein. Zur Bekanntheit des Unternehmens trug die mehr als zehnjährige Kooperation mit dem deutschen Musikproduzenten Dieter Bohlen bei, der bis vor wenigen Jahren Markenbotschafter von Camp David war.
Zum Portfolio des Unternehmens gehören neben der Menswear-Marken Camp David auch die Womenswear-Marken Soccx und Senses sowie das Streetwear-orientierte Label Harlem Soul. 2025 übernahm das Unternehmen die Lizenzrechte der niederländischen Marke Gaastra.
2023 hat erstmals in der Geschichte von Clinton ein Wechsel an der Unternehmensspitze stattgefunden. Die Leitung wurde an langjährige Mitarbeitende aus verschiedenen Bereichen übertragen. Aktuell besteht das Führungsteam aus Marketing- und Vertriebschef Mathias Voigt, Alexandra Krüger-Simon, zuständig für Design, Produktion und Warenmanagement, sowie Nicholas Hasslacher, der die Bereiche IT, Finanzen, HR und Legal verantwortet.
Clinton bringt Gaastra zurück
Vor wenigen Wochen ist der niederländische Outerwear-Spezialist Gaastra wieder mit einem eigenen Onlineshop und einer Herrenkollektion für Frühjahr/Sommer 2026 an den Start gegangen, nachdem sich Clinton im Oktober die Lizenzrechte gesichert hat. Man habe die Kollektion recht kurzfristig auf die Beine gestellt und konnte dennoch die Liefertermine zuverlässig einhalten, erklärte Geschäftsführerin Alexandra Krüger-Simon im Interview. In der kommenden Frühjahr/Sommer 2027-Kollektion soll dann das Sortiment um Womenswear erweitert werden.
„Wir sind mit dem bisherigen Verlauf sehr zufrieden“, resümierte Krüger-Simon, die bei Clinton Design, Produktion und Warenmanagement verantwortet. „Dafür, dass wir für den Endverbraucher wieder neu starten und der Webshop bisher kaum beworben wurde, war der Auftakt wirklich gut.“
Bei Gaastra hat Wholesale aktuell klare Priorität, sodass das Ziel lautet die Anzahl der Handelspartner:innen moderat zu steigern und die Präsenz in den Kernmärkten – Deutschland, Österreich und Schweiz (DACH) sowie Belgien, Niederlande und Luxemburg (BeNeLux) – zu vertiefen, ohne dabei an Exklusivität zu verlieren, heißt es vom Unternehmen. Aktuell ist die 1897 gegründete Marke, die in den vergangenen Jahren nach mehreren Insolvenzen wiederholt vom Markt verschwand, bei insgesamt 70 Points-of-Sales erhältlich.
„Die Marke hat in der Vergangenheit Vertrauen eingebüßt, weil bestellte Ware nicht geliefert wurde“, so Krüger-Simon. „Dieses Vertrauen müssen wir uns jetzt zurückerarbeiten. Die aktuelle Frühjahrskollektion beweist dem Handel, dass wir die Qualität liefern und unsere Termine halten. Sobald diese Beständigkeit zurückkehrt, können wir darauf aufbauen.“
Gaastra soll in Zukunft neben dem Wholesale-Geschäft und Onlineshop auch über Marktplätze vertrieben werden. Ein eigenes Filialnetz, wie es bei den Marken Camp David und Soccx besteht, ist allerdings nicht geplant.
Auf Konzernebene macht das Großhandelsgeschäft, auf das nicht nur die neue integrierte Marke Gaastra, sondern auch das Womenswear-Label Senses ausgelegt ist, gerade einmal zehn Prozent aus. Der Großteil des Umsatzes wird derweil mit dem Direktvertrieb der Flagship-Marken generiert.
Camp David expandiert über digitale Kanäle
Camp David und Soccx teilen sich nicht nur einen gemeinsamen Onlineshop, sondern auch rund 250 eigenbetriebene Stores, von denen sich 230 im Heimatmarkt befinden. Die übrigen Läden sind derweil in Österreich (zwölf), der Schweiz (zwei), Spanien (drei) und Tschechien (acht).
Dazu kommen noch rund 100 Betreiber:innen-Stores in Deutschland, wobei die Partner:innen sich auf Personal und Verkauf konzentrieren. Clinton kümmert sich derweil um den Rest. Dadurch soll eine flexible Warensteuerung sowie eine effiziente Arbeitsteilung zwischen den Partner:innen gewährleistet werden.
Aktuell hat Clinton keine konkreten Pläne, das Standortnetz der beiden Marken weiter auszubauen. Das Unternehmen konzentriere sich darauf, die starken Standorte zu halten, erklärt Krüger-Simon. Gegebenenfalls würde man schwächere Filialen schließen und dafür „neue, gute Flächen“ eröffnen. „Eine allumfassende Expansion planen wir nicht; wir versuchen, uns auf diesem Level zu stabilisieren.“
Neue Märkte sollen derweil über die digitalen Kanälen erschlossen werden. Dafür setzt das Unternehmen für die Marken in den Niederlanden und Frankreich auf das Marktplatz-Geschäft. Außerdem ist für den polnischen Markt gerade ein eigener Webshop online gegangen.
Insgesamt habe sich Clinton – unter anderem auch durch die Einführung der neuen Konzepte – 2025 stabil positionieren und an das Vorjahresniveau anknüpfen können, berichtet Vertriebschef Mathias Voigt. „Für 2026 zielen wir angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen auf eine stabile Entwicklung. Aktuell liegt der Fokus deshalb weniger auf starkem Wachstum als vielmehr auf Konsolidierung und nachhaltiger Weiterentwicklung.“
Steht Harlem Soul vor dem Aus?
Während die anderen Marken Clinton auf Kurs halten, hat sich Harlem Soul zum Sorgenkind im Portfolio entwickelt. Das 2019 gelaunchte Streetwear-Label wird aktuell neu bewertet, da sich in der vergangenen Saison gezeigt habe, dass sich die wirtschaftliche Dynamik im Vergleich zu anderen Marken im Portfolio verlangsamt hat. Daher habe man sich als kleines mittelständisches Unternehmen entschieden, die Prioritäten zu schärfen und die Kapazitäten gezielt auf diejenigen Marken zu legen, die aktuell das größere Wachstums- und Ertragspotenzial bieten.
Dementsprechend gibt es derzeit auch kein eigenes Design-Team mehr, das für Harlem Soul neue Kollektionen entwirft. Die bestehende Ware wird weiter über Marktplätze wie Zalando und About You sowie über den eigenen Onlineshop reduziert vertrieben.
Das soll aber nicht unbedingt bedeuten, dass Harlem Soul eingestellt wird, betont Krüger-Simon. Eine finale Entscheidung über das weitere Vorgehen soll erst in den nächsten eineinhalb bis zwei Jahren fallen.
Hype um Camp David – Clinton modernisiert seine Marken
Clinton überarbeitet aber nicht nur sein Portfolio, sondern auch die Ausrichtung der einzelnen Marken. So soll Gaastra zwar seine ehemalige Kundschaft ansprechen, aber auch ein neues Publikum begeistern. „Wir lassen die Kollektion nicht auf dem alten Stand, sondern integrieren moderne Elemente, um gezielt neue Zielgruppen zu gewinnen“, erklärt Designchefin Krüger-Simon.
Auch Camp David und Soccx sollen zukünftig ein breiteres Publikum ansprechen, ohne die bestehende Kundschaft zu verschrecken. Dafür hat Krüger-Simon mit ihrem Team die Ausrichtung der Artworks für Camp David überarbeitet und jüngere Designs in die Kollektion aufgenommen. Sportive Themen, die etwas schlichter in der Ausrichtung sind, wurden ebenfalls integriert. „Es steht zwar Camp David drauf, aber die Umsetzung ist toniger, mit neuen Druckarten und Qualitäten. Die Optik bleibt zwar laut, ist aber nicht mehr so bunt.“
Dieser Ansatz soll durch verschiedene Marketing-Aktionen untermauert werden. Dazu gehört Kleinfeld-Fußballturnier, das Mitte Juni auf dem Berliner Uber Platz mit sechs Influencer:innen-Teams stattfinden soll. Mit dabei sind Youtuber Aaron Troschke, Musiker und Extremsportler Joey Kelly sowie der Verein Eintracht Spandau, der in Verbindung mit dem deutschen Webvideoproduzenten HandOfBlood steht.
Damit scheinen die Verantwortlichen auch auf einen Hype bei einer jüngeren Zielgruppe zu reagieren. So zeigte sich unter anderem der Berliner Rapper Ski Aggu, der mit bürgerlichem Namen August Jean Diederich heißt, im vergangenen Sommer mehrfach im Poloshirt der Marke und widmete diesem im Song Palermo (2025) sogar eine eigene Zeile. Zuvor hat aber auch schon der schwedische Künstler Yung Lean ein weißes Longsleeve der Marke angehabt, als er die Musikerin Charli XCX bei ihrem ‘Brat’-Tourstop in London besuchte.
Diese Strömung wird bei der Gen Z mit der Y2K-“Ugly Fashion” in Verbindung gebracht, bei dem eine Mischung aus Nostalgie und vermeintlich “unmodischen” Pieces im Stil der 00er und 10er Jahre einen zeitgenössischen Twist bekommen. Das Phänomen war unter anderem beim Comeback der US-Marke Ed Hardy zu beobachten.
Ob die Neuausrichtung von Camp David an diesen Hype allerdings anknüpfen und die junge Zielgruppe wirklich längerfristig für sich begeistern kann, bleibt dahingestellt.
Eine tieferen Einblick in diesen Hype um Camp David, gibt das Youtube-Format Hypeculture von Funk, dem Content-Netzwerk des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ARD und ZDF)
ODER ANMELDEN MIT