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Der neue Bangladesch Accord: Deshalb haben Marken unterzeichnet

Von Regina Henkel

10. Jan. 2022

Business |HINTERGRUND

Takko

Im August wurde nach langen Verhandlungen und viel öffentlichem Druck das Nachfolgeabkommen des sogenannten Bangladesch Accords ratifiziert. Das neue Abkommen mit der Bezeichnung Internationales Abkommen für Gesundheit und Sicherheit in der Textil- und Bekleidungsindustrie trat am 1. September 2021 in Kraft. 159 Unternehmen der internationalen Mode- und Textilbranche haben es nach einigen Startschwierigkeiten seither unterzeichnet. Welche Probleme gab es beim neuen Abkommen, warum haben die Unternehmen doch unterzeichnet und was bedeutet der Accord für Bangladesch? Wir haben nachgefragt.

Größte Modernisierungsinitiative der Branche

Das ursprüngliche Abkommen zur Brand- und Gebäudesicherheit in Bangladesch wurde 2013 als Reaktion auf den Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes geschlossen, bei dem 1134 Arbeiterinnen und Arbeiter ums Leben kamen. Rana Plaza war keinesfalls das erste Unglück in der Bekleidungsindustrie des Landes, das auf schlechte Gebäudesicherheit zurückzuführen war. Seine Dimension bewirkte jedoch ein Umdenken bei allen Akteuren, und innerhalb weniger Wochen wurde mit dem „The Bangladesh Accord on Fire and Building Safety“ der Grundstein für einen umfassenden Umbau der Textilindustrie in Bangladesch gelegt.

„Der Accord setzte die größte Modernisierungsinitiative in der Bekleidungsbranche in Gang“, zieht Julia Thimm, Menschenrechtsbeauftragte bei Tchibo, Bilanz. Das Hamburger Unternehmen gehörte zu den ersten, die das Abkommen unterzeichnet haben. In den vergangenen Jahren wurden im Rahmen des Abkommens in über 1600 Fabriken, die mehr als 200 Marken beliefern und mehr als zwei Millionen Bekleidungsarbeiter:innen beschäftigen, Inspektionen durchgeführt, Reparaturen überwacht und Belegschaften im Bereich der Sicherheit geschult.

Übergabe der Kontrolle in nationale Hände

Im Laufe der Jahre hat es verschiedene Updates des von vornherein befristet angelegten Abkommens gegeben. Da im Accord-Gremium neben Gewerkschaften und NGOs nur die internationalen Modeunternehmen, aber nicht die Fabriken in Bangladesch vertreten waren, versuchten diese immer wieder, mehr Einfluss zu gewinnen. 2021 schließlich sollte der nächste große Schritt des Abkommens in die Tat umgesetzt werden: Die Übergabe des Accords an eine nationale Organisation, den neu gegründeten RMG Sustainability Council (RSC), in dem dann auch die Fabriken vertreten sind, sowie die Öffnung des Accords für eine internationale Ausweitung.

Was auch mit einem neuen Abkommen unbedingt beibehalten werden sollte: Die Rechtsverbindlichkeit des Abkommens. Thimm: „Der Accord war von Anfang an als rechtsverbindliches Abkommen zwischen Gewerkschaften und Markenunternehmen angelegt, und genau darin liegt ein Teil des Erfolgs. Nur an die Freiwilligkeit der Unternehmen zu appellieren, die Maßnahmen umzusetzen, hätte bei weitem nicht diese Ergebnisse gebracht.“ Das heißt, Marken werden in Mitverantwortung gezogen und rechtlich belangt, wenn sie es versäumen, bei ihren Zulieferern in Bangladesch auf die Einhaltung von Sicherheitsstandards zu achten.

Marken vs Gewerkschaften: Anpassung des Regelwerks

Das 2021 in Kraft getretene, neue Internationale Abkommen für Gesundheit und Sicherheit in der Textil- und Bekleidungsindustrie setzt diese Rechtsverbindlichkeit unvermindert fort, auch darum dauerten die Verhandlungen länger als erwartet (neben der Tatsache, dass die Corona-Pandemie Verhandlungen generell erschwerte und viele Ressourcen in Anspruch nahm).

Zum einen hatten NGOs und Gewerkschaften Sorge, ob der RSC schon in der Lage sei, die Aufgabe zu übernehmen – auch weil das Land und seine Bekleidungsindustrie durch die Corona-Krise hart getroffen war. Zum anderen liefen Bemühungen seitens der Marken, eine eigene Dachorganisation zu gründen, die als Vertragspartner des Abkommens fungieren würde. Damit müsste nicht jedes einzelne Unternehmen selbst Vertragspartner der Accord-Gewerkschaften werden und stünde bei Verstößen auch nicht direkt in der Schusslinie. Laut den beteiligten Gewerkschaften gehörte das jedoch zu den zentralen Erfolgsfaktoren des Vertrages - die individuelle Verantwortlichkeit der Marken und die unabhängige Überwachung der Marken. Ein Verzicht auf diese Regelungen bedeutete für sie ein Rückschritt in die Zeit vor Rana Plaza, als Arbeitssicherheitsmaßnahmen allein freiwillig waren. Ihre öffentliche Drohung, aus dem Vertrag auszusteigen, trug schließlich dazu bei, dass die Marken nachgaben.

Doch es ging auch darum, durch niedrigere Hürden mehr Marken für den Accord zu gewinnen und damit seine Wirksamkeit zu erhöhen, gibt beispielsweise Alexander Kohnstamm von der Fair Wear Foundation zu Bedenken. Schließlich hänge die Wirksamkeit des Accords nicht nur von der Strenge seines Regelwerks ab, sondern auch von der Anzahl der Unternehmen, die es umsetzen wollen. Besonders die großen US-amerikanischen Brands wie Gap, VF, Amazon oder Levi’s blieben von Anfang an dem Abkommen fern – und haben bis heute nicht unterzeichnet.

Ist eine sichere Industrie ein Wettbewerbsvorteil oder ein Nachteil?

Die Umsetzung des Accords durch die Fabriken verlief auch in der Praxis nicht immer reibungsfrei. Vor allem am Anfang gab es Anlaufschwierigkeiten, weil das Wissen über die nötigen Baumaßnahmen im Land selbst ja noch gar nicht im benötigten Umfang zur Verfügung stand. Zudem mussten auch Belegschaften geschult werden, damit sie im Notfall das Richtige tun konnten.

Viele Fabriken mussten viel Geld investieren, um den Anforderungen zu genügen. Verständlicherweise wurde das nicht immer positiv gewertet. „Bangladesch hat viel investiert. Es ist das einzige Land der Welt, dass Vorschriften in diesem Umfang umgesetzt hat“, erklärt Rabea Schafrick, Leitung Nachhaltigkeit bei Brands Fashion, das den Accord ebenfalls schon lange unterstützt. „Ich verstehe auch die Aussage von Firmen in Bangladesch, die jetzt sagen: Wir haben alles gemacht was ihr wolltet, jetzt lasst uns mal in Ruhe. Andere Länder müssen derartiges nicht leisten. Das ist auch ein Wettbewerbsnachteil.“

Erfolgsmodell: Kooperation bewirkt mehr als Einzelmaßnahmen

Die beteiligten Marken werten den Accord dennoch als große Erfolgsgeschichte. „Der Accord ist einzigartig und aus meiner Sicht ganz klar ein Erfolgsmodell“, erklärt Rabea Schafrick weiter. „Es ist ein Beispiel dafür, dass gemeinsame Anstrengung wirklich etwas bewirken kann. Der Accord hat immens viel Verbesserung ins Land gebracht im Bereich der Arbeitssicherheit und des Brandschutzes. Viele Länder sind heute noch nicht so weit wie Bangladesch.“

Das Gemeinsame betont auch Tchibo: „Ich denke, dass der Accord mehr gebracht hat als es einzelne CSR-Maßnahmen von Unternehmen je tun können“, sagt Julia Thimm von Tchibo. „Für uns ist der Zusammenschluss über den Accord günstiger als die Alternative, nämlich Einzelmaßnahmen in all unseren Zulieferbetrieben selbst anstoßen zu müssen.“

Auch die Otto Group hat unterzeichnet und will mit der Fortsetzung des Vertrags das bisher Erreichte nicht gefährden: „Die neue Vereinbarung ist nicht nur ein wichtiger Schritt zur weiteren Stärkung der Rechte der Beschäftigten, sondern auch zur Wahrung bereits erreichter Fortschritte im Bereich des Gebäude- und Brandschutzes”, sagt Tobias Wollermann, Group Vice President Corporate Responsibility der Otto Group.

Bangladesch ist heute führend im Bereich Sicherheit

Letztlich sieht auch Bangladesch selbst die Veränderungen positiv. Faruque Hassan, seit 2021 Präsident des Verbands der Bekleidungsindustrie in Bangladesch (BGMEA): “Wir haben ein Beispiel für die ganze Welt gesetzt, wie Zusammenarbeit und Partnerschaft die Dinge zum Guten wenden können. Wir machen weiterhin große Fortschritte in unserer Zusammenarbeit mit ILO BetterWorks, UN und vielen anderen NGOs, die sich für die Sicherheit der Arbeiter:innen, die Stärkung der Frauen und viele weitere Initiativen einsetzen. Wenn es eine Mentalität der Bevormundung gäbe, wäre die Geschichte anders verlaufen, und wir hätten nicht so weit kommen können.” Seit dem Entstehen des Accords stieg der Export von 21 Milliarden Dollar auf 34 Milliarden Dollar an - ob er trotz oder wegen des Accords anstieg, lässt sich schwer beurteilen.

Hassan: “Das Engagement, das die Industrie gezeigt hat, die Anstrengungen und Ressourcen, die investiert wurden, und die Verbesserungen, die wir in Bezug auf Sicherheit und die Befähigung der Arbeiter:innen gemacht haben, werden weltweit gelobt. Wir haben unsere Fabriken umgestaltet und sind heute führend in Sachen Sicherheit, Nachhaltigkeit und ethischer Fertigung.”

Aufbruch in neue Märkte

Nicht nur Bangladesch hat(te) viel aufzuholen im Bereich der Gebäude- und Arbeitssicherheit. Auch in anderen Ländern gab es schreckliche Unglücke in der Bekleidungsindustrie, und dort herrschen nach wie vor gefährliche Arbeitsbedingungen. Dennoch blieb der Ruf dieser Länder weitgehend unbeschädigt, und sie stehen nicht derart unter Beobachtung wie Bangladesch.

Allen voran Pakistan, wo schon 2012 mehr als 250 Arbeiterinnen und Arbeiter bei einem Brand in einer Fabrik ihr Leben verloren. Vor allem dort fordern die Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen seit vielen Jahren eine Ausweitung des Abkommens auf ihr Land. Gerade weil Unternehmen hierzulande Verantwortung wesentlich ernster nehmen als noch vor wenigen Jahren, fürchten pakistanische Arbeitnehmerorganisationen, ohne bessere Standards bald abgehängt zu werden.

Mit dem neuen Regelwerk des Internationalen Accords wird genau das jetzt möglich. Erste Sondierungen und Durchführbarkeitsstudien sollen bereits laufen. Letztlich werden die Vertragspartner des Accords dann per Votum entscheiden, welche Länder dafür infrage kommen.