Angesichts leer gefegter Regale wächst bei vielen Verbrauchern die Angst vor Warenengpässen in Deutschland: Doch Handel, Logistikunternehmen und Paketzusteller geben Entwarnung. Die Lager seien noch gut gefüllt, die Lieferketten in Deutschland angespannt, aber stabil. "Wir haben keine Fälle, in denen die Logistik einen Aussetzer hat, um Industrie, Handel und Bevölkerung zu versorgen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Spedition und Logistik (DSLV), Frank Huster, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Die größte Herausforderung sei es derzeit, die Ware schnell genug in die Läden zu bekommen, um dem derzeitigen Kundenansturm gerecht zu werden, betonte der Handelsverband Deutschland (HDE). Es sei genug Ware da. Die Werksschließungen in der Industrie und die Ladenschließungen im Handel erleichterten diese Aufgabe sogar, hieß es beim DSLV. Denn durch den Wegfall dieser Lieferungen würden Lastwagen für Versorgungsfahrten frei.

Der Handel hofft allerdings auf ein baldiges Nachlassen der Hamsterkäufe. "Die Leute werden schnell merken, dass die Versorgung gesichert und alles da ist - und das nimmt ihnen die Angst", sagte ein Sprecher des Handelsverbands Bayern am Mittwoch. Das sei in Italien ähnlich gewesen. Zudem seien die Bestände derjenigen, die Vorräte anlegten, irgendwann auch gefüllt. "Wenn ich 100 Rollen Klopapier habe, was will ich dann mit den nächsten 50?"

Stattdessen könnte in den nächsten Wochen der Online-Handel einen neuen Boom erleben. Schließlich sind viele Geschäfte in den Innenstädten vom Modeladen bis zur Parfümerie für Wochen geschlossen. Doch zeigten sich die Paketzusteller wie die Deutsche Post, Hermes oder DPD bei einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur überzeugt, auf eine mögliche Paketflut vorbereitet zu sein.

Der Marktführer Deutsche Post DHL spürt momentan noch keinen Anstieg des Paketvolumens. "Aber das kann sich natürlich in den nächsten Tagen ändern", sagte ein Unternehmenssprecher. Auf jeden Fall sei die Post gewohnt, mit starken Schwankungen im Paketaufkommen umzugehen. "Wir können das schultern.". Das gelte auch in Zeiten der Coronavirus-Epidemie. Selbst wenn wegen der neuartigen Krankheit einzelne Brief- und Paketzentren zeitweise geschlossen werden müssten, sei die Post in der Lage, einen solchen Ausfall durch die Umleitung auf andere Standorte auszugleichen.

Auch beim Wettbewerber Hermes gibt es bislang nach Unternehmensangaben keine Einschränkungen oder Verzögerungen bei der Zustellung in Deutschland. Die angeordneten Geschäftsschließungen dünnen zwar das Netz der Hermes-Paketstationen aus. Doch ist der Effekt begrenzt. "Wir gehen derzeit davon aus, dass 70 bis 80 Prozent unserer bundesweit über 16 000 Paketshops weiterhin geöffnet bleiben, weil sie in Einrichtungen für die Grundversorgung integriert sind", betonte ein Unternehmenssprecher. Der Paketzusteller DPD berichtete, er verzeichne zwar mehr Sendungen im Privatkundenbereich, dafür aber weniger von Business-Kunden, was sich insgesamt ausgleiche.

Die Lieferketten in Europa werden aktuell einem enormen Stresstest unterzogen. Denn die wegen des Coronavirus eingeführten Grenzkontrollen führen teilweise zu langen Staus und großen Verzögerungen beim innereuropäischen Gütertransport. Vor allem an der Grenze zu Polen und auch in Richtung Tschechien gebe es lange Wartezeiten, betonte der deutsche Logistikverband. Angespannt sei die Lage zudem an Grenzübergängen zwischen Elsass und Deutschland. Zwischen Belgien, der Niederlande und Deutschland hingegen laufe es erstaunlich reibungslos.

Noch keinen messbaren Einfluss hat die Coronavirus-Pandemie nach Angaben des Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) auf den Gütertransport per Binnenschiff. Einschränkungen im grenzüberschreitenden Verkehr seien hier zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch kein Thema. Zunehmende Probleme bereiten der Branche jedoch die strengen Einreise- und Quarantänebestimmungen der europäischen Nachbarländer, wie etwa in Tschechien, Ungarn, Polen oder der Slowakei. Auf zahlreichen Binnenschiffen sei internationales nautisches Personal unterwegs, betonte der BDB. Schiffsbesatzungen, die während ihrer Freischicht in ihr Heimatland reisten, liefen Gefahr, keine Ausreisegenehmigung mehr zu erhalten oder bei der Einreise in eine 14-tägige Quarantäne zu geraten. "Wir werden in den kommenden Tagen massive Probleme bekommen, die Schiffe in Fahrt zu halten, weil uns schlicht das Personal für den Schiffsbetrieb fehlt", warnte BDB-Präsident Martin Staats. (dpa)

 

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