Modeschule im Wandel: Warum Designstudierende heute Kostenrechnung lernen

„Die Mode ist nicht weniger kreativ geworden, sie ist komplexer geworden“: Jean-Baptiste Andreani, Direktor der IFA Paris, über Nachhaltigkeitszweifel und Berufe, die es noch nicht gibt.
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In der Modeschule IFA Paris Credits: IFA Paris
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Es gab eine Zeit, in der Modeschulen vor allem zum Entwerfen ausbildeten. Heute verlangt der Markt Verständnis – für einen Preis, eine Marge, einen Datensatz, eine Lieferkette, eine Umweltvorschrift und für digitale Werkzeuge, die einzelne Berufe schon jetzt verschieben.

Jean-Baptiste Andreani leitet die Pariser Modeschule IFA Paris seit 2015 und baut seine Vorstellung von Ausbildung auf genau dieser Beobachtung auf. Kreativität bleibt das Fundament, lässt sich aber nicht länger getrennt von Ökonomie, Technologie und den industriellen Zwängen unterrichten, die heute jedes Produkt umgeben.

Der Wandel zeigt sich nicht auf dem Laufsteg. Er zeigt sich in den Berufsbildern, die neu entstehen, in den Kompetenzen, die Unternehmen suchen, und in den Profilen derer, die sich heute an Modeschulen bewerben. Wer Design studiert, muss verstehen, was eine Kollektion kostet und zu welchem Preis sie verkäuflich ist. Wer ins Merchandising will, muss Daten lesen können – und erkennen, was sie aussagen und was sie verschweigen. Im Marketing kommt niemand mehr an Rückverfolgbarkeit, Umweltbilanz und neuen Kennzeichnungspflichten vorbei.

In der Praxis heißt das für den deutschsprachigen Markt vor allem europäische Regulierung. Die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte und der digitale Produktpass verlagern Nachhaltigkeitsfragen aus dem Marketing in Produktentwicklung, Einkauf und Datenmanagement – also genau dorthin, wo Absolvent:innen von Modeschulen einsteigen.

Unter Andreani ist IFA Paris in einem Jahrzehnt von rund 150 auf etwa 1.200 Studierende gewachsen, 70 Prozent davon international und aus 111 Nationalitäten. Die Kooperation mit der US-Universität Kent State illustriert das gut, jährlich kommen rund 120 US-amerikanische Studierende nach Paris. Die Internationalisierung kam damit nicht nach dem Wachstum, sie ist zu seinem Kern geworden.

Der Innenhof der Modeschule IFA Paris Credits: IFA Paris

Vom Umweg zur Laufbahn

Zur Leitung einer internationalen Modeschule war Andreani nicht vorgezeichnet. Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Vorbereitungsstudium für die Pariser Eliteschule HEC und einem Abschluss an der Business School SKEMA schien der Weg in einen Großkonzern zu führen. Dann kam, was seine Mutter freundlich als „Adoleszenzkrise mit 24" bezeichnete: ein Ticket nach Asien und ein spontaner Aufbruch.

In Bangkok unterrichtete er zunächst Kinder in einem Kloster in Englisch. Die Episode dauerte kaum sechs Monate, veränderte aber dauerhaft seinen Blick auf Unterricht. Er entdeckte eine Lücke, die zum roten Faden seiner Laufbahn wurde. Man kann Wissen einwandfrei vermitteln und jemanden trotzdem schlecht darauf vorbereiten, es zu benutzen. Ein Kurs kann fundiert und gut aufgebaut sein und dennoch weit von den realen Anforderungen des Berufslebens entfernt bleiben.

Aus dem Umweg wurde eine Laufbahn. Andreani ging zur singapurischen Bildungsgruppe Raffles, unterrichtete Marketing, wurde Programm- und dann akademischer Direktor in Bangkok und leitete Einrichtungen mit mehr als 2.500 Studierenden in Bangkok und Schanghai, bevor er 2015 nach Paris wechselte.

Als Modefachmann versteht er sich dabei ausdrücklich nicht. „Ich gehe immer davon aus, dass ich in Sachen Mode kein Wissender bin. Dafür bin ich von Natur aus sehr neugierig", sagt er. Statt zu dozieren beobachtet und fragt er, holt Praktiker:innen in die Schule und konfrontiert Gewissheiten mit dem Zustand der Branche. Über den eigenen Werdegang zu sprechen, wird ihm im Gespräch dann selbst zu viel – das sei „doch ein bisschen anmaßend, oder?".

Jean-Baptiste Andreani, Direktor von IFA Paris Credits: IFA Paris

Kreative müssen das Unternehmen verstehen

Lange ließen sich die Funktionen in Modeunternehmen recht klar trennen. Die Abteilungen arbeiteten im Silo, den Kreativen gehörte der Entwurf, dem Controlling die Zahlen, dem Marketing die Konsument:innen, dem Merchandising der Abverkauf.

Diese Aufteilung hält immer schlechter. Die Rentabilität einer Kollektion hängt von den Entwürfen ab, aber ebenso von Mengen, Preis, Materialien und Distribution. Eine Merchandising-Entscheidung stützt sich auf Daten, setzt aber voraus, das Produkt zu verstehen. Eine Umweltvorgabe kann das Sourcing verändern, damit die Herstellkosten und am Ende den Verkaufspreis.

Diese Komplexität muss für Andreani in den Unterrichtsraum. An der IFA Paris sind Finanzen, Buchhaltung, Business Planning und Cashflow-Steuerung deshalb nicht den Management-Studierenden vorbehalten. „Das kommerzielle Potenzial einer Kollektion zu verstehen, die Bedürfnisse des Markts zu erfassen, einen Preis zu bestimmen – das ist sehr wichtig", sagt er.

In den Räumen der Modeschule IFA Paris Credits: IFA Paris

Aus Designer:innen sollen dabei keine Controller werden. Es geht um genug wirtschaftliche Bildung, um zu begreifen, dass ein Entwurf in einem System von Zwängen existiert und dass diese Zwänge das Produkt mitdefinieren. Kreative arbeiten nicht mehr allein vor der Skizze oder dem Bildschirm, sondern im Austausch mit Merchandising, Sourcing, Finanzen, Produktion, Datenanalyse und manchmal mit Teams, die die Umweltwirkung ihres Entwurfs messen.

Für die technologische Seite arbeitet die Schule mit Industriepartnern zusammen, unter anderem über Kooperationen mit der Pariser Fachmesse Avantex, und stellt ein Fashion Tech Lab bereit, in dem Studierende neue Werkzeuge ausprobieren. Aus keinem Kreativen soll ein Ingenieur werden, wohl aber jemand, der die Technologien versteht, die seinen Beruf verändern.

Zweifeln lernen, bevor man entscheiden lernt

Nachhaltigkeit zeigt diese Pädagogik besonders deutlich. An der IFA Paris erschöpft sie sich nicht in einigen Kursen zu Upcycling, Recyclingmaterialien oder Naturfarben. Rückverfolgbarkeit, Umweltbilanzierung, Ökolabel und Regulierung gehören dazu, weil sie Entwurf, Fertigung und Vermarktung ganz konkret verändern.

Eine Orthodoxie will Andreani dabei nicht durch die nächste ersetzen. Seine Studierenden sollen hinterfragen, was ihnen als selbstverständlich präsentiert wird. Beruht ein Umweltversprechen auf belastbaren Daten? Ist ein als besser dargestelltes Material das über den gesamten Lebenszyklus betrachtet wirklich? Und was tun, wenn ein Umweltziel mit einer industriellen oder wirtschaftlichen Vorgabe kollidiert?

„Nachhaltigkeit ist wichtig, aber sie ist nichts Absolutes und Unveränderliches", sagt er. Der Satz fasst zusammen, was er konstruktiven Zweifel nennt. Es gehe nicht darum, alles zu relativieren, sondern darum, eine Regel nicht mit einer Wahrheit, einen Indikator nicht mit der Realität und eine Innovation nicht mit einem Fortschritt zu verwechseln. In einer Branche, die Daten, Label, Normen und Technologieversprechen anhäuft, wird dieses Unterscheidungsvermögen selbst zur beruflichen Qualifikation.

Wenn Daten in die Kreation einziehen

Dieselbe Verschiebung zeigt sich bei den Daten, am deutlichsten im Merchandising. Verkäufe, Bestände, Konsumverhalten und Produktperformance speisen inzwischen Entscheidungen über Prognosen, Sortimente, Rabatte und Produktionsmengen. Kompetenzen, die lange an Wirtschafts- und Ingenieurhochschulen verortet waren, gehören damit zum Alltag der Modeberufe.

Intuition durch Daten ersetzen will Andreani deshalb nicht. Es gehe darum, mit ihnen zu arbeiten, ohne ihnen das eigene Urteil zu überlassen. Mit Künstlicher Intelligenz (KI) gewinnt diese Unterscheidung an Gewicht. Eine KI kann produzieren, beschleunigen, vergleichen und zusammenfassen. Sie kennt aber nicht zwingend die Geschichte eines Hauses, seine Codes, seine Referenzen oder den Grund, warum ein Bild in einer bestimmten Markenwelt funktioniert.

Je schneller sich Vorschläge generieren lassen, desto wertvoller wird die Fähigkeit, auszuwählen, zu redigieren, einzuordnen und Sinn zu geben. Technologie beschleunigt die Produktion, ersetzt aber das Urteilsvermögen nicht. Studierende sollen die neuen Werkzeuge beherrschen und zugleich verstehen, was sie leisten, was nicht und was sie an ihrem Beruf verändern dürften.

In den Räumen von IFA Paris Credits: IFA Paris

„Es gibt eine Welt jenseits des Designs“

Mit den Inhalten weitet sich das Feld der Berufsaussichten, und das schlägt bereits auf die Wünsche der Studierenden durch. Der Traum vom großen Haus bleibt, ist aber nicht mehr das einzige Ziel.

Andreani ermutigt seine Studierenden, über die klassischen Berufsbezeichnungen hinauszuschauen. Produktdesign, Innenarchitektur, Automobil- und Luftfahrtindustrie, Bekleidungstechnologie, neue Materialien oder Datenanalyse sind Felder, an die beim Eintritt in eine Modeschule kaum jemand denkt. Eine Modeausbildung kann heute zu Raum- und Möbeldesign führen, zur Ergonomie von Fahrzeug- und Flugzeuginnenräumen, zur Biomaterialforschung oder zur Auswertung von Verkaufsdaten. Wer sich für Materialien begeistert, landet vielleicht im Labor, wer vom Produkt kommt, im prädiktiven Merchandising.

„Scheuen Sie sich nicht vor Umwegen", rät er – eine Formel, die mit seinem eigenen Weg offensichtlich zusammenklingt. Mode werde damit weniger ein Beruf als ein Berufsfeld mit Übergängen in andere Industrien. Gern zitiert er dazu Karl Lagerfeld mit der Formel, Mode heiße nicht vorschreiben, sondern vorschlagen. Eine Schule solle in diesem Sinne keine Laufbahn diktieren, sondern genug Bildung und Zutrauen mitgeben, um sie wechseln zu können.

Warum die USA so wichtig sind

Diese Offenheit prägt auch die internationale Strategie. Die USA sind heute der wichtigste Rekrutierungsmarkt der Schule, Indien ein weiterer. Andreani geht es dabei nicht um möglichst viele Partnerschaften auf der Landkarte, sondern um die Passung von Programmen und pädagogischen Überzeugungen.

Eingang der Modeschule IFA Paris Credits: IFA Paris

Studierende aus den USA, Indien oder China zu holen, internationalisiert nicht bloß einen Jahrgang. Es konfrontiert alle Beteiligten mit anderen Sichtweisen auf Produkt, Konsument:innen, Markt und Unternehmen. Das Projekt mit Kent State rund um die New York Fashion Week zeigt das, dort sollen Studierende unter anderem Roboter einkleiden, was Technologie, Gestaltung und Experiment zusammenbringt. Wer nur eine Art kennengelernt hat, Mode zu produzieren, zu verkaufen und zu denken, hält diese Art leichter für selbstverständlich – und kommt zu denselben Lösungen wie alle anderen.

Raus aus der Schule, bevor das Diplom da ist

Auf die Berufswelt vorbereiten heißt für Andreani nicht, über sie zu reden, sondern sie treffen zu lassen, mit ihren Codes, ihren Absagen und ihrem Schweigen. Studierende im ersten Jahr werden an der IFA Paris deshalb ermuntert, direkt in Unternehmen zu gehen, sich vorzustellen und ihren Lebenslauf abzugeben. In Zeiten, in denen ein großer Teil der Bewerbungen über Portale, Onlineformulare und Auswahlsoftware läuft, wirkt die Übung wie aus einer anderen Epoche.

Genau darin liegt der Zweck. Eine Absage übt sich besser ein, bevor sie von einer Personalabteilung kommt. Man lernt, sein Anliegen neu zu formulieren, zu verstehen, warum ein Lebenslauf nicht funktioniert, und zu erkennen, dass Unternehmen nicht einen Abschluss einstellen, sondern jemanden, der ihr Umfeld begreift.

Denselben Zweck haben für ihn Lehrende aus der Industrie. Sie beherrschen nicht nur eine Technik, sie wissen, was aus ihr wird, wenn Budget, Zeitplan, Kundschaft und Organisation dazukommen. Andreani erzählt von einer besonders fordernden Dozentin für Finanzen und Merchandising, deren Kurse bei den Studierenden nicht zu den beliebtesten zählten. Jahre später kamen einige zurück, um sich zu bedanken, nachdem sie in großen Häusern angefangen hatten. Eine gute Berufsschule müsse nicht liefern, was Studierende hören wollen, sondern manchmal das, dessen Notwendigkeit sie erst später bemerken.

Weniger für einen Beruf ausbilden als für den Wechsel

Keine Schule kann wissen, wie die Modeberufe in zehn Jahren aussehen. Sie kann ihre Studierenden aber darauf vorbereiten, nicht hilflos zu sein, wenn sich diese Berufe ändern. Rückverfolgbarkeit, Daten, Umweltregulierung, neue Materialien, KI und ein veränderter Konsum können jeweils neue Funktionen entstehen lassen oder bestehende tiefgreifend umbauen.

Die Antwort liegt für Andreani nicht in immer stärkerer Spezialisierung, sondern in einem Fundament, das breit genug ist, um die Beziehungen zwischen den Berufen zu verstehen. Entwerfen können, aber auch einen Markt verstehen. Daten analysieren, aber auch ein Produkt begreifen. Eine Technologie kennen, aber auch ihre Grenzen.

Technikbereich der IFA Paris Credits: IFA Paris

Die Mode wird weiter Gestalter:innen brauchen. Aber solche, die mit Controlling, Ingenieurwesen, Datenanalyse, Supply-Chain-Teams und Nachhaltigkeitsverantwortlichen sprechen können. Zu wissen, was man werden will, ist demnach der erste Schritt. Zu lernen, wie man etwas anderes wird, ist der entscheidende.

Studium an der IFA Paris
  • Private Hochschule, Teil der französischen Bildungsgruppe Groupe EDH, mit Campus in Paris und Istanbul sowie Onlineprogrammen.
  • Alle Programme werden vollständig auf Englisch oder auf Französisch unterrichtet, Französischkenntnisse sind also nicht zwingend erforderlich.
  • Bachelor über drei Jahre und 180 ECTS-Punkte, in Paris auf Englisch 11.480 Euro pro Jahr, auf Französisch 10.410 bis 10.470 Euro, online 7.760 Euro.
  • Postgraduate-Abschlüsse und MBA-Programme in Paris 10.900 Euro pro Jahr, online 7.900 Euro. Kurzkurse zwischen 580 und 4.580 Euro.
  • Dazu kommen 500 Euro Anmeldegebühr. Für Studierende aus der EU fallen keine Zusatzgebühren an, für Nicht-EU-Studierende können weitere Kosten entstehen.
  • Die Abschlüsse sind im französischen Register RNCP geführt. Kooperationen im deutschsprachigen Raum weist die Schule nicht aus, im Netzwerk der Gruppe finden sich Schulen in Spanien, den Niederlanden und den USA.
  • Angaben der Hochschule für das Studienjahr 2026/2027.
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