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Secondhand-Mode: Re-Seller Momox Fashion wächst fast 50 Prozent

Von Regina Henkel

5. März 2021

Business |INTERVIEW

Gerade hat der Berliner Re-Commerce Anbieter Momox sein Geschäftsergebnis für 2020 veröffentlicht: Mit 312 Millionen Euro Jahresumsatz war 2020 wieder ein Rekordjahr für den europäischen Re-Commerce Marktführer. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das ein Umsatzplus von 62 Millionen Euro und somit ein Wachstum von 25 Prozent. Die Kategorie Fashion wuchs fast 50 Prozent. Seit der Gründung in 2004 hat das Digitalunternehmen aus Berlin mehr als 250 Millionen gebrauchte Bücher, Medienartikel und Kleidung an- und weiterverkauft, hauptsächlich in Deutschland (77 Prozent). Ein weiterer wichtiger Markt stellt Frankreich mit 18 Prozent Anteil am Jahresumsatz dar. Hier konnte Momox den Umsatz um 21 Prozent auf 55 Millionen Euro steigern. Fashion ist der größte Wachstumsmarkt, hier investierte das Unternehmen in den letzten Monaten viel in die weitere Entwicklung. Wir haben mit CEO Heiner Kroke über die Entwicklung von Secondhand-Fashion gesprochen, über neue Ziele und natürlich auch über Corona.

Herr Kroke, wirkt sich die aktuelle Krise auf Ihr Geschäftsmodell aus?

Heiner Kroke: Die Pandemie betrifft alle. Aber wir sehen ein ungebrochen starkes Wachstum und hatten auch 2020 wieder ein Rekordjahr mit einem Wachstum von 25 Prozent im Vergleich zu 2019. Corona hat viele Trends verstärkt, so auch den Secondhand-Trend. Zunächst aber gingen bei uns die Zahlen runter: Als Bundeskanzlerin Angela Merkel den ersten Lockdown verkündet hat, brach der Verkauf tatsächlich um 50 Prozent ein, in den Wochen danach haben sich die Umsätze aber schnell wieder erholt.

Kaufen die Leute in der Krise mehr Secondhand oder verkaufen sie mehr? Gibt es Veränderungen im Kundenverhalten?

Wir sind kein Marktplatz, das heißt, in unserem Geschäftsmodell müssen wir eine Balance halten zwischen Angebot und Nachfrage. Wir haben auf beiden Seiten Wachstum gesehen, die Motivationen dafür waren natürlich ganz unterschiedlich: Auf der einen Seite wollten die Menschen die Zeit nutzen, um zu entrümpeln und neuen Platz im Kleiderschrank zu schaffen, auf der anderen Seite kamen mehr Kundinnen und Kunden in unseren Shop, weil sie unseren Service schätzen, wie große Auswahl, kostenlose Retouren und so weiter. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber: Nachhaltigkeit. Denn wer Gebrauchtes kauft oder verkauft, handelt umweltfreundlich. Beides hat unser Geschäft beflügelt.

Wie entwickelt sich die Mode innerhalb Ihrer Produktgruppen?

Mode speziell entwickelt sich doppelt so gut wie das Gesamtgeschäft. Wir haben im Geschäftsjahr 2020 etwa 25 Prozent Wachstum als Gesamtunternehmen erreicht, aber Fashion konnte um 47 Prozent wachsen. Fashion ist allerdings noch nicht unsere größte Kategorie – nach 16 Jahren Erfahrung mit Büchern und Medien ist diese Kategorie immer noch am größten mit 64 Prozent Umsatzanteil. Aber das Potenzial von Fashion ist dafür wesentlich größer. Wir rechnen damit, perspektivisch einen 50:50 Anteil zu haben.

Nicht nur Konsumenten wollen ihre Schränke ausmisten, angesichts geschlossener Läden und voller Warenlager suchen auch Händler nach Absatzkanälen. Gab es da vermehrt Anfragen?

In der Tat haben wir solche Anfragen gehabt. Wir sind aber kein Abverkaufskanal für unverkäufliche Ware – dafür gibt es zum Beispiel die Shopping-Clubs. Wir wollen tatsächlich nur Secondhand Ware. Man könnte natürlich auch argumentieren, dass die Neuware, die jetzt nicht verkauft werden kann, ja auch schon produziert ist, und es wäre nachhaltig, für diese Ware Verkaufskanäle zu haben, aber langfristig sehe ich für uns darin keinen Markt.

Secondhand wird immer salonfähiger und damit wächst auch die Konkurrenz. Wie gehen Sie damit um?

Wir sehen aktuell in der gesamten Modeindustrie eine große Bewegung, viele Unternehmen denken über Nachhaltigkeit nach und suchen nach nachhaltigeren Lösungen. Händler wie H&M oder Zalando sind ebenfalls in den Markt eingetreten und versuchen, den Produktlebenszyklus von Kleidung zu verlängern. Aus unserer Sicht tut es dem Gesamtmarkt von Secondhand sehr gut, wenn so große Unternehmen aus dem Neubereich diese Entwicklung mit anschieben. Das schafft viel Aufmerksamkeit und hilft sehr, Secondhand Mode bekannter zu machen. Denn nach wie vor ist es ja so, dass ein Großteil der aussortierten Kleidung im Müll oder im Altkleidercontainer endet.

Und wie bewerten Sie die Konkurrenz von Secondhand-Shops aus dem Ausland?

Der Secondhand Trend ist weltweit gerade sehr groß, und es gibt weltweit weitere Player, die Secondhand Mode verkaufen - aber häufig mit einem anderen Schwerpunkt, wie beispielsweise Luxusmode. Wir unterscheiden uns oft auch mit unserem Konzept, wie wir die Ware ankaufen, und wir glauben, dass wir deshalb einen sehr starken Kundennutzen haben. Der Kunde, der in seinem Schrank Platz schaffen will, will seine Kleidung ja verkaufen, und das geht bei uns sehr einfach.

Es ist davon auszugehen, dass immer mehr Hersteller in Zukunft ihre Produkte selbst zurücknehmen werden, weil neue Kreislaufgesetze das so fordern. Schafft das für Sie neue Möglichkeiten für Kooperationen?

Wir sprechen mit verschiedenen Playern, aber Stand heute gibt es solche Kooperationen noch nicht. Natürlich wissen wir, dass wir sehr gute Prozesse geschaffen haben, und das macht uns sehr zuversichtlich – auch gegenüber Mitbewerbern. Unsere Expertise im Bereich Secondhand ist sehr tief, und das ist aus meiner Sicht entscheidend, um in diesem Geschäft erfolgreich sein zu können. Sogar Amazon hatte im Bereich Buch mal einen Service für gebrauchte Produkte gestartet und dann wieder aufgegeben.

Seit unserem letzten Gespräch 2018 haben Sie einige Veränderungen im Modebereich eingeführt: Eine eigene App, ein neuer Name. Warum war das nötig?

Ja, wir haben ein Rebranding durchgeführt. Wir sind seit sieben Jahren in der Fashionkategorie unterwegs und hätten nie für möglich gehalten, dass sich diese Kategorie so gigantisch entwickelt. Wir sind gestartet im Ankauf über Momox, und mit Ubup im Verkauf. Ubup kam von „used but precious“. Anhand von Kundenbefragungen wissen wir, dass uns viele Kunden von der Ankaufseite kennen, und viele positive Attribute mit uns verbinden. Das haben wir als Chance genommen, unsere Markenarchitektur neu aufzubauen und dem Fashion-Bereich einen neuen Anstrich, einen deutlich frischeren Look zu verpassen. Das ist sehr gut angenommen worden. Jetzt gibt es eine große Marketingkampagne über alle Kanäle, inklusive TV-Sports. Wir hoffen, mit unserem großen Sortiment, unserem sehr guten Service und guten Preisen weiter zu wachsen.

Wieviele Marken haben Sie inzwischen im Sortiment? Was läuft gerade gut?

Die Anzahl wächst kontinuierlich, inzwischen sind es über 2000. Viel tut sich gerade bei den nachhaltigen Marken. Sehr gut lief 2020 auch das Thema Leisure Wear. Weniger häufig wurden natürlich Ballkleider gekauft. Alles was oberhalb der Webcam bleibt, ging gut.

2018 haben Sie im Fashionbereich nur mit zwei Kanälen gearbeitet, ubup und ebay. Hat sich das geändert?

Wir arbeiten auch heute nur mit zwei Kanälen im Fashion Bereich, wobei über Momox Fashion 90 Prozent der Fashion verkauft wird. Ebay ist der zweite Kanal.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre, wo sehen Sie weiteres Wachstum?

Wir sehen in unseren Bereichen noch viel Potenzial. Der Secondhand-Markt heute macht lediglich einen unteren einstelligen Prozentsatz vom Neumarkt aus, da ist also noch sehr viel Potenzial. Studien sagen, in den nächsten Jahren werden wir auf 20 Prozent des Neumarktes anwachsen.

Wie wollen Sie das Wachstum bewältigen? Spielt bei Ihnen auch Automation eine Rolle?

Wir investieren gerade zehn Millionen Euro in unser Logistikzentrum in Leipzig und bauen ein neues in Stettin. Aber Automation funktioniert bei uns leider nicht. Bei uns wird noch viel händisch gemacht - das geht auch gar nicht anders, weil alle Artikel einzeln begutachtet werden müssen. Bei über 100.000 Artikeln am Tag wäre es natürlich toll, wenn das Roboter übernehmen könnten. Im Buchmarkt hat jedes einzelne Produkt seinen Barcode, über den wir alle wichtigen Informationen abrufen können. Für Kleidung gibt es bislang leider keinen weltumfassenden Katalog, wo alle Produkte hinterlegt sind. Das würde das Geschäft enorm erleichtern.

Fotos: Momox GmbH