Studie: 158.000 Jobs und 13.000 Modeunternehmen könnten bis 2021 verschwinden

Eine nie zuvor dagewesene Störung von Einzelhandel und Produktion wie die gegenwärtige könnte die europäische Textil- und Bekleidungsindustrie ins Trudeln bringen. Kreditversicherer Euler Hermes prognostiziert in seinem jüngsten Bericht „Bruised but Not Beaten“ einen Umsatzrückgang von 19 Prozent im Jahr 2020, einen Rückgang von bis zu 8 Prozent der Gesamtbeschäftigung der Branche und ein Verschwinden von 6 Prozent der Unternehmen - rund 158.000 Arbeitsplätze und 13.000 Unternehmen - bis Ende 2021. FashionUnited wollte mehr über diese düstere Prognose wissen und sprach mit einem der Studienautoren, Aurélien Duthoit, dem Sektorleiter von Euler Hermes für Einzelhandel, Technologie und Haushalt.

Euler Hermes hat EuroStat-Daten für verschiedene europäische Länder gesammelt und analysiert, sie mit den Beschäftigungsdaten korreliert und einen Blick auf vergangene Rezessionen geworfen. Dadurch kam die Studie zu der Zahl von potentiell 158.000 Arbeitsplätzen, die verloren gehen könnten, und etwa 13.000 Unternehmen, die aufgeben müssten. Dies trotz der Unterstützung durch verschiedene Programme zur Erhaltung von Arbeitsplätzen und reichlich vorhandene Finanzmittel.

Die gute Nachricht ist, dass sich die Lage schon bis zum nächsten Jahr erheblich verbessern könnte: „Wir erwarten, dass der Umsatz im Jahr 2021 um etwa 15 Prozent steigt und erst 2023 wieder das Vorkrisenniveau erreicht, vorausgesetzt, dass die weltweite Notlage sich allmählich bessert und die Wirtschaft finanziell und monetär erheblich unterstützt wird“, heißt es im Bericht.

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Mode-Einzelhandel am meisten betroffen

Während technische Textilien - zum Beispiel solche, die in der Luft- und Raumfahrt verwendet werden - zwar vom Einbruch betroffen sind, ist es die auf Konsumausgaben und Verbrauchervertrauen angewiese Modebranche, die am stärksten betroffen ist. „Betrachtet man den Bekleidungseinzelhandel, so ist er derzeit am stärksten betroffen. Wir sehen keinen starken Aufschwung wie etwa bei anderen Produkten wie Möbeln, Computern und Smartphones“, bestätigt Duthoit nach Prüfung der jüngsten Daten.

Während starke europäische Märkte wie Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland immer noch tief in den roten Zahlen stecken, könnten sich die beiden letzteren schneller erholen, da Deutschland einen weniger dramatischen Start ins Jahr 2020 hatte als andere Länder und Italien auf ein riesiges Handelsnetz zurückgreifen kann, das neben Asien auch Europa und Afrika einbezieht.

Importsubstitution ist ein weiteres Stichwort: „Ein 10-prozentiger Rückgang der französischen und deutschen Bekleidungsimporte würde einem 8-prozentigen Anstieg des Umsatzes der europäischen Bekleidungsproduktion entsprechen. Bemühungen, den Übergang von linearen zu zirkulären Herstellungsverfahren zu fördern, könnten auch erhebliche Chancen für die lokale Produktionsbasis bieten“, so der Bericht.

Für den Modesektor scheint das Problem die Verbraucherstimmung zu sein; es gibt kaum Kauflaune, jedenfalls nicht mehr in dem Maße wie früher. „In den Niederlanden gab es keine Schließung von Geschäften mit nicht-essentiellen Produkten, aber Bekleidungsverkäufe gingen von Januar bis Juli um 19 Prozent zurück. Mode ist das einzige Segment des Einzelhandels, das noch negativ ist“, sagt Duthoit und fügt hinzu, dass „genauere Informationen erforderlich sind, um das mittelfristige Potenzial des Sektors zu bestimmen“.

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Ist Digitalisierung die Antwort?

Die große Frage ist, wie die Modeindustrie tatsächlich aus der Flaute herauskommen kann. „Für die Bereiche, die eine gewisse Entlastung bringen könnten - Nachhaltigkeit, Digital - gibt es mittelfristige Herausforderungen. Außerdem muss sich die Wirtschaft insgesamt wieder normalisieren, und das wird vor 2022 nicht geschehen“, prognostiziert Duthoit.

„Das Internet reicht nicht aus, um die Krise zu kompensieren“, mahnt er und verweist auf die Zahlen des Onlinehandels, der zwar boomt - mit einem Plus von 16-17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr beispielsweise in Deutschland - aber die Lücke des fehlenden Einzelhandelsumsatzs des stationären Handels nicht füllen kann. „Das gilt selbst für frühe Anwender von Online-Strategien wie Zara; obwohl während des Lockdowns eine Online-Präsenz vorhanden war, reichte sie nicht aus, um die verlorenen Umsätze in den Geschäften auszugleichen. Außerdem sind die Retourenquoten hoch, und trotz des Erfolgs beim Online-Wachstum verhindert dies die Rentabilität.“

Wie wahrscheinlich ist es letztendlich angesichts der Tatsache, dass Nachhaltigkeit als das Gebot der Stunde gepriesen wird, dass die Bekleidungs- und Textilindustrie tatsächlich grüner wird und nicht einfach zu alten Mustern zurückkehrt? „Dies würde von neuen Unternehmen kommen“, sagt Duthoit. „Es geschieht in Frankreich mit sehr spezifischen Produkten oder solchen, die zu 100 Prozent in Frankreich hergestellt werden.“

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Ist eine ‘grünere’ Textilindustrie in der Zukunft wahrscheinlich?

Eine umweltfreundlichere Textilindustrie würde mehr Wert auf Qualität statt auf Quantität legen, findet der Bericht und weist auf den Fall Italiens hin, wo die übereinstimmenden Interessen von Verbrauchern, Einzelhändlern und Herstellern es dem Land ermöglicht haben, eine Vorliebe für teurere, aber qualitativ hochwertigere und lokal hergestellte Bekleidung beizubehalten, die für den Rest der Region richtungsweisend ist.

„Für etablierte Akteure ist es schwierig, nachhaltiger zu werden, da dies eine Innovation des Geschäftsmodells erfordern würde. Vor allem für Fast Fashion, die auf Volumen baut und zwar versuchen wird, mehr Recyclingfasern zu verwenden, jedoch steht die Textilindustrie noch ganz am Anfang, was die Verwendung organischer Fasern und Standards wie Öko-Tex und andere angeht. Ein Wechsel der Geschäftsmodelle kann nicht von heute auf morgen erfolgen. Die 'Ökologisierung' der Branche kommt daher also von neuen Akteuren“, fasst Duthoit zusammen.

Bilder: Euler Hermes

 

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