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Unverkaufte Luxusgüter, die nicht vernichtet werden dürfen, sind auf der Suche nach neuem Leben

Von AFP

7. Feb. 2022

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Rabattierungen sind undenkbar und die Vernichtung ist nun verboten: Zwischen millimetergenauer Lagerverwaltung, Personalverkauf, Spenden und Recycling organisieren sich die Luxusmarken, um unverkaufte Produkte zu veräußern.

„Die großen Manöver sind schon seit zwei Jahren eingeleitet", erklärt die Luxusexpertin Julie El Ghouzzi von der Beratungsagentur Cultz gegenüber AFP. Die Unternehmen bereiteten sich damit auf die Einführung des kürzlich in Kraft getretenen französischen Gesetzes vor, das die Vernichtung von unverkaufter Ware verbietet. In Deutschland arbeitet die Regierung noch einer Rechtsverordnung zum Kreislaufwirtschaftsgesetz, das die Unternehmen in die Pflicht nehmen wird, keine Neuwaren mehr zu vernichten.

„Das Thema ist heute wichtig geworden“, fügt sie hinzu und erinnert an den Skandal von Burberry im Jahr 2018. In ihrem Jahresbericht hatte die britische Marke enthüllt, dass sie 2017 Waren im Wert von über 28 Millionen Britischer Pfund vernichtet hatte, um ihre Marke zu schützen – eine Summe, die etwa 20.000 ihrer ikonischen Trenchcoats entspricht.

Im Luxussegment gibt es keinen Schlussverkauf

Nachdem die Ankündigung für Entrüstung gesorgt hatte, kündigte das Unternehmen an, diese Praktiken bereits im folgenden Jahr zu beenden. Die Luxushäuser sind nun „extrem vorsichtig“, bestätigt Arnaud Cadart, Portfoliomanager bei Flornoy, gegenüber AFP, „die Mentalität hat sich geändert, wir befinden uns nicht mehr in einem Wirtschaftsystem, in der die ungezügelte Kreativität im Vordergrund steht“ und in der die Idee ist, „egal wie viel Abfall, wenn es nicht funktioniert, wird es vernichtet“.

Denn im Luxussegment gibt es keinen Schlussverkauf. Der Sale kann „ein Problem der Begehrlichkeit“ darstellen, so Julie El Ghouzzi. „In diesem Zusammenhang ist die erste Maßnahme, die ergriffen werden muss, eine strenge Verwaltung der Lagerbestände. Das französische Modehaus Kering, unter anderem Eigentümer von Gucci, Saint Laurent und Balenciaga, gibt an, zu diesem Zweck „in Technologien mit künstlicher Intelligenz“ zu investieren.

Bei seinem Konkurrenten LVMH, zu dem die Modehäuser Louis Vuitton, Dior und Celine gehören, sagte Hélène Valade, Direktorin für Umweltentwicklung, dass „das Luxusmodell bereits sehr stark auf die Nachfrage abgestimmt“ sei, mit geringen Lagerbeständen. Sie räumt jedoch ein, dass das neue Gesetz die Häuser dazu zwingt, die Kundschaft noch besser kennenzulernen, um die Nachfrage anzupassen.

Julie El Ghouzzi betont ihrerseits, dass Louis Vuitton, die Hauptmarke von LVMH, in diesem Bereich besonders leistungsstark ist: Dort wissen sie genau, was sie auf Lager haben und sind in der Lage, ihre Lagerbestände millimetergenau zu verwalten.“ Das sei „bei vielen anderen Häusern nicht der Fall“, betont sie. Wenn dennoch unverkaufte Ware übrig bleibt, ist der Verkauf zu günstigen Preisen an das Personal eine Lösung: 150.000 Mitarbeitende bei LVMH, 38.000 bei Kering, 16.600 bei Hermès; ebenso wie Spenden an Vereinigungen: LVMH hat eine Partnerschaft mit Cravate Solidaire, das Modehaus Kenzo eine mit Tissons la solidarité, Marc Jacobs in New York mit der Vereinigung Fabscrap.

„Schlummernde Stoffe“

Und dann gibt es noch das Recycling von Produkten zu neuem Rohmaterial. „Früher suchten die Designer:innen mit einer außergewöhnlichen Idee nach den Ressourcen, um diese Idee umzusetzen“, erklärte Hélène Valade gegenüber AFP. „Heute ist der Prozess manchmal umgekehrt: Es gibt einige Modeschaffende, die mit bereits existierenden Materialien beginnen – alte Kollektionen, Stoffe, die in Häusern schlummern, Lederreste – und daraus ihre geniale Idee entwickeln.“ Virgil Abloh habe bei Louis Vuitton auf diese Art gearbeitet.

LVMH unterzeichnete auch eine Partnerschaft mit WeTurn, einem Start-up, das sich auf die Wiedergewinnung von Fasern zur Herstellung neuer Garnspulen spezialisiert hat. Bei Kering haben Balenciaga und Saint Laurent – für Schuhe – oder Alexander McQueen Projekte mit Revalorem entwickelt, einem Unternehmen, das unverkaufte Artikel aus der Luxusgüterindustrie recycelt, um daraus Rohstoffe zu gewinnen. Hermès brachte im Jahr 2020 39.000 Produkte auf den Markt, die durch Upcycling hergestellt wurden.

„Die Praktiken, die am meisten Produkte zerstören, sind in den Bereichen Mode, Lederwaren und Kosmetik zu finden“, erklärt Arnaud Cadart. Aber heute führt ihr ausgezeichnetes Wachstum eher zu Knappheit als zu Überschüssen. „Seit 2014 hat Hermès praktisch nichts mehr zu entsorgen, alles geht weg“, so Arnaud Cadart. Bei LVMH bestätigte Hélène Valade, dass „Lederwaren im Moment eher ausverkauft sind“, und zitierte zum Beispiel eine Tasche der Marke Loewe, die aus Lederresten der Werkstätten hergestellt wurde. Und das trotz eines Verkaufspreises von 1.700 Euro. (AFP)

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.fr veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

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