• Home
  • Nachrichten
  • Business
  • Warum Salomon eine Schuhfabrik 4.0 in Europa baut, nachdem Adidas scheiterte

Warum Salomon eine Schuhfabrik 4.0 in Europa baut, nachdem Adidas scheiterte

Business |INTERVIEW

Von Regina Henkel

11. Jan. 2021

Die Zukunft der Produktion ist digital und vollautomatisiert: Im September 2020 fand die Grundsteinlegung der neuen, vollautomatisierten Schuhfabrik 4.0 von Salomon, Millet und Babolat in Frankreich statt.

Im französischen Ardoix, in der Region Auvergne-Rhône-Alpes, entsteht gerade die erste vollautomatische Schuhfabrik mit digital gesteuerter, intelligenter Fertigung. Die vier vollautomatisierten Produktionsstraßen reichen vom Zuschnitt der verschiedenen Schuhkomponenten bis zur Verpackung des fertigen Produkts, einschließlich aller Montagephasen. Bei voller Auslastung im Jahr 2025 soll die „Advanced Shoe Factory 4.0“ (ASF 4.0) in der Lage sein, 500.000 Paar Sportschuhe pro Jahr zu produzieren.

Entwickelt wurde die ASF 4.0 als gemeinsames Großprojekt von dem französischen Textilhersteller Chamatex als Haupteigner, den Schuhherstellern Salomon, Millet und Babolat, dem Technologieanbieter Siemens Digital Industries und der Innovationsschmiede Groupe Zebra. Bereits im Sommer 2021 soll die Fabrik ihre Arbeit aufnehmen, 2022 kommen die ersten Produkte auf den Markt. Das Ziel des Zehn-Millionen-Euro Projekts: Relokalisierung der Fertigung von Asien nach Europa, Verkürzung der Reaktionszeit, Flexibilisierung der Fertigung.

Guillaume Meyzenq, VP Footwear Category bei Salomon, erklärt, was genau er plant und warum Salomon glaubt, ein solches Projekt jetzt besser zu machen als Adidas, das mit seinen Speedfactories in Europa vorerst scheiterte.

Wie kam es zu der Idee, eine eigene Produktion in Frankreich aufzubauen?

Guillaume Meyzenq: Vor etwa zehn Jahren wurde klar, dass die Art und Weise, wie wir bisher in Asien produziert haben, auf Dauer nicht mehr die einzige Lösung sein würde – mit großen Fabriken, Tausenden von Arbeitern et cetera – und dass wir eine eigene Produktion in Frankreich aufbauen müssen. Neue Materialentwicklungen, neue Produktionsmethoden und digitale Designtechnologien haben zusammen mit der fortschreitenden Digitalisierung und Automatisierung völlig neue Möglichkeiten geschaffen.

Wie muss man sich die neue Fabrik vorstellen?

Es wird eine einzigartige Fabrik sein: vollautomatische, digital gesteuerte Produktion mit Robotern. Statt 500 Menschen werden dort 50 bei gleichem Produktionsvolumen arbeiten. Das Ziel ist es, viel schneller zu werden und Produktlinien schneller wechseln zu können. Dank der Digitalisierung und der neuen Produktionsmethoden und Materialien wird das viel einfacher gehen als bisher.

Inwieweit ist die neue Art zu produzieren anders?

Heute besteht zum Beispiel ein Trailrunning-Schuh aus 50 bis 80 Komponenten. Mit der neuen Materialtechnologie und neuen Klebetechniken können wir die Anzahl drastisch auf bis zu zehn Teile reduzieren. Die Materialtechnologie hat sich sehr verändert, vor allem durch neue Stricktechnologien. Dadurch können wir mit nur einem Material völlig unterschiedliche Leistungen einbauen, ohne verschiedene Teile verwenden zu müssen. Das ist die Zukunft der Schuhindustrie.

Dank der 4.0-Technologie werden wir in der Lage sein, verschiedene Modelle gleichzeitig zu produzieren. Im aktuellen Produktionsprozess richten wir die Produktionslinie mit einem Style und hauptsächlich einer Farbe ein, und produzieren große Stückzahlen. Wenn die Technologie ausgereift ist, wird die Automatisierung es ermöglichen, verschiedene Styles gleichzeitig zu produzieren.

Wie sind Sie bei der Entwicklung der neuen Prozesse vorgegangen? Bislang gibt es keine derartigen vollautomatischen Produktionssysteme.

Wir haben angefangen, uns mit dem Thema zu beschäftigen und haben in Annecy eine eigene kleine Produktionsanlage mit zwei Robotern entwickelt. Es ist wichtig zu wissen, dass viele Teile unserer R&D-Abteilung immer noch in Annecy angesiedelt sind, auch wenn wir in Asien produzieren. Unsere Prototypen werden immer noch hier entwickelt, und wir haben alle Maschinen, die in der Produktion benötigt werden. Deshalb konnten wir auch einen Schritt weiter gehen und eine neue Generation von Fabriken entwickeln.

So haben wir schon vor einigen Jahren begonnen, mit der Automatisierung zu experimentieren. Im Jahr 2017 haben wir die erste Kollektion von 10.000 Paar Schuhen auf den Markt gebracht, die in Annecy als limitierte Auflage Made in France produziert wurden, wir haben dort auch individuelle Produkte hergestellt.

Das heißt, Sie haben die Produktion im kleinen Maßstab bereits durchgespielt?

Ja, und je mehr wir dort gelernt haben, desto besser konnten wir mit der Suche nach geeigneten Partnern beginnen. Natürlich können wir so eine große Produktionsanlage nicht selbst aufbauen. Unsere Zusammenarbeit mit Chamatex begann vor drei Jahren. Zur gleichen Zeit begann Chamatex Gespräche mit Siemens in Frankreich, einem Pionier auf dem Gebiet der digitalen Fabriken. Siemens ist schon sehr weit in der Entwicklung des digitalen Zwillings, der es ermöglicht, zu jedem Zeitpunkt in der Prozesskette genau zu sehen, wo sich das Produkt befindet.

Sie wollen die Fabrik gemeinsam mir Outdoormarke Millet und dem französischen Tennisausrüster Babolat nutzen. Wie sieht diese Kooperation zwischen den Marken aus?

Bei der Kooperation geht es nur um die reine Produktion. Wir haben keinen Einblick in das Design oder deren Kunden. Außerdem sind Babolat und Millet für uns keine direkten Konkurrenten. Aber wir wissen natürlich, dass es in unserer Branche viele Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit gibt. Jeder will immer alles alleine machen, aus Angst, Wettbewerbsvorteile zu verlieren. Aber in unserer Denkweise sehen wir mehr Vorteile in der Zusammenarbeit. Man muss und kann heute nicht mehr alles selbst erfinden. Außerdem ist es natürlich immer einfacher für eine Fabrik, mehrere Kunden zu haben, nicht zuletzt um eine bessere Auslastung zu erreichen.

Wie ist der aktuelle Stand der Fabrik? Woran arbeiten Sie gerade?

Das Gebäude wird gerade errichtet und die Produktionskette aufgebaut. Wir arbeiten daran, wie das Produkt so gestaltet werden kann, dass es zur Anlage und ihren Möglichkeiten passt. Wir lernen, die neuen Möglichkeiten der neuen Technologien in ihrer ganzen Bandbreite zu verstehen. Und sie zu nutzen.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

Die ersten Produkte sollen im Jahr 2022 verfügbar sein, die Produktion sollte also im Sommer 2021 beginnen.

Salomon ist jetzt Teil eines chinesischen Sportbekleidungskonzerns, und gerade China will in der automatisierten Produktion weltweit führend werden. Gibt es in dem Bereich auch Kooperation?

Die neue Eigentümerschaft ist noch zu jung, um hier wirklich etwas sagen zu können. Natürlich gibt es schon einige Kooperationen im Bereich R&D und 3D. Aber das geschieht noch nicht im großen Stil. Es gibt auch keine Art von Wettbewerb zwischen China und Frankreich, wo in Zukunft produziert wird. Es geht vor allem darum, lokal zu denken und dadurch schneller, reaktiver und nachhaltiger zu werden.

Wie viele Paar Schuhe wollen Sie in der neuen Fabrik produzieren?

Unsere Vorstellung von einer guten Größe sind zwei Millionen Paar Schuhe pro Jahr. Am Anfang rechnen wir mit 500.000 Paar. Und unsere Vision ist es, solche Fabriken überall dort zu installieren, wo es geeignete Märkte gibt. Auf diese Weise erhalten wir eine stabile Produktion und einen geringeren ökologischen Fußabdruck. Wir werden dann wirklich sehr nah an der Produktion sein – von Annecy aus sind es nur zwei Stunden bis dorthin.

Ihre Idee erinnert natürlich an das Projekt der Adidas Speedfactory, das in Europa eingestellt wurde. Warum glauben Sie, dass Ihr Projekt jetzt Erfolg haben wird?

Als Adidas anfing, seine Speedfactorys zu bauen, haben wir in Frankreich angefangen, mit einer eigenen Produktion zu experimentieren. Durch die Zusammenarbeit mit Chamatex und Siemens gehen wir jetzt auf die nächste Stufe der Produktion. Die Art und Weise, wie wir heute produzieren, ist anders, als wir uns das vor zehn Jahren vorgestellt haben. Es gibt jetzt viel mehr Erfahrung in der Industrie mit solchen Prozessen und mit Automatisierung – auch in der Schuhindustrie. Jetzt ist einfach der richtige Zeitpunkt, um ein solches Projekt zu starten. Soweit ich weiß, ist auch Adidas nicht gescheitert, sondern hat viel daraus gelernt und setzt die Technologie jetzt in China ein.

Was denken Sie: Werden wir bald auch in der Bekleidungsbranche eine automatisierte Produktion sehen?

Siemens sagt, dass alles automatisiert werden kann! Aber so weit denken wir noch nicht. Zunächst einmal muss die Schuhproduktion funktionieren.

Inwieweit ist "Made in France" für Salomon wichtig?

Das ist natürlich ein gutes Verkaufsargument in Europa. Die Menschen achten mehr auf die Herkunft der Produkte und darauf, ob eine Marke Verantwortung übernimmt. Die Menschen wollen den Produkten vertrauen, auch in der Art und Weise, wie sie hergestellt werden. Deshalb legen wir großen Wert auf CSR und verantwortungsvolle Produktion. Zum Beispiel werden ab FW20 alle Salomon Schuhe PFC-frei sein und wir werden im nächsten Sommer den ersten kreisförmigen Schuh, den Index 01, auf den Markt bringen. Wir denken, dass je mehr wir lokal produzieren, desto transparenter wird die Lieferkette und desto mehr Vertrauen bekommen wir auch vom Konsumenten. In dieser Hinsicht ist der Verbraucher tatsächlich der Game Changer. Letztlich ergeben all die einzelnen Puzzleteile wie lokale Produktion, zirkuläre Produkte und neue Materialentwicklungen ein völlig neues Produktionssystem.

Fotos: Salomon / Grundsteinlegung: Chamatex