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Wie nachhaltig ist eigentlich die Schuhindustrie?

Von Regina Henkel

23. Feb. 2022

Business |Hintergrund

Foto: Maksim Goncharenok via Pexels

Auch in der Schuhbranche nimmt das Thema Nachhaltigkeit an Fahrt auf – obwohl man im Vergleich zur textilen Modeindustrie von dort weitaus weniger hört, vor allem wenn es um Lederprodukte geht. Woran liegt das und wo genau steht die Branche?

Leder gehört zu den wichtigsten Rohstoffen in der Schuhbranche. Aber wie stellt man fest, ob ein Leder - oder sogar ein ganzer Schuh - nachhaltig hergestellt wurden? Zum Beispiel mithilfe von Zertifikaten. In der textilen Modeindustrie sind in den letzten Jahren viele solcher Nachhaltigkeitszertifikate für unterschiedlichste Bereiche entstanden. Auch wenn der Label-Wald unübersichtlich geworden ist, helfen Zertifikate Konsument:innen, zu erkennen, ob eine Marke Verantwortung übernimmt und ob ein Produkt nachhaltiger ist als ein anderes. Fangen wir also bei den Zertifikaten an: Welche Labels und Initiativen hat die Schuhbranche zu bieten?

Zertifikate und Initiativen: Wie erkennt man nachhaltiges Leder?

Da gibt es den Leather Standard by Oeko-Tex, der wie der Standard 100 by Oeko-Tex die gesundheitliche Unbedenklichkeit des Produktes zertifiziert. Er dient dem Verbraucher:innenschutz und nicht ökologischen oder sozialen Standards in der Prozesskette.

Der Standard „Naturleder IVN zertifiziert” des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft e.V. (IVN) gilt als das strengste Zertifikat für nachhaltiges Leder. Es enthält Vorgaben für sämtliche Stufen entlang der Prozesskette von der Rohware bis zum Verkauf und Gebrauch des fertigen Leders (nicht des verarbeiteten Lederprodukts). Dieser Standard ist aber bestenfalls im deutschsprachigen Raum bekannt (es gibt keinen englischsprachigen Begriff dafür, er heißt auf Englisch „Naturleder IVN certified“).

Hinzu kommt die Leather Working Group (LWG) mit Sitz in London, die als Multi-Stakeholder-Initiative mit verschiedenen Akteuren aus Industrie, Handel, NGOs und Instituten zusammenarbeitet. Sie zertifiziert jedoch Betriebe, keine Produkte und ist somit wenig bekannt bei Konsument:innen. Ihre Mitgliederzahl stieg in den letzten Jahren gewaltig: von 160 Organisationen Anfang 2017 auf heute 1.300, inklusive vieler großer Namen von Adidas bis Zalando.

Und dann gibt es noch Cads, die deutsche Brancheninitiative mit Sitz beim Deutschen Schuhinstitut (DSI) in Offenbach. Sie wurde 2008 gegründet um die Produktsicherheit zu verbessern und Grenzwerte für Schadstoffe festzulegen, darum auch der Bei-Name „Kooperation für abgesicherte definierte Standards bei den Schuh- und Lederwarenprodukten e.V.“. Derzeit gibt es 76 Mitglieder, darunter Größen wie ANWR, Sabu, Birkenstock, Görtz, Gabor, C&A, Deichmann, Ricosta, Picard, Lloyd und Lowa. Ein Zertifikat vergibt die Organisation nicht, Konsument:innen ist die Initiative vermutlich völlig unbekannt.

Nachhaltiges Terracare Leder von der Lederfabrik Josef Heinen. Foto: Lederfabrik Josef Heinen

Cads: Pionierarbeit bei der Vermeidung von Chrom VI

Dabei hat Cads tatsächlich einiges vorzuweisen: „Historisch sind wir aus der Schadstoffvermeidung heraus entstanden und haben 2015 erstmalig einen Leitfaden für Lederhersteller publiziert, um sie darin zu schulen, die Entstehung von Chrom VI zu vermeiden“, erklärt Manfred Junkert, Geschäftsführer von Cads. Das Handbuch wurde in viele Sprachen übersetzt und zu einem Standardwerk für die globale Lederindustrie. Junkert: „Ich habe oft gehört, unser Cads Handbuch ist so etwas wie die Bibel der Produzenten. Wir haben in den letzten Jahren eine deutliche Verbesserung und einen erheblichen Einfluss unserer Arbeit auf die Produktionsländer gesehen.“ Immer geht es darum, Wissen zu bündeln und an die Produzenten weiterzugeben. So veröffentlicht Cads eine RSL (Restricted Substances List), die jährlich weiterentwickelt und verschärft wird, um schädliche Substanzen aus dem Produktionsprozess zu eliminieren oder ihre Verwendung weiter zu begrenzen. Cads-Grenzwerte liegen oft über den gesetzlichen Anforderungen und über REACH, so Junkert.

Inzwischen hat sich der Fokus erweitert, um jetzt auch Sozialstandards, Umweltschutz, Kreislaufwirtschaft und CO2-Emissionen in den Blick zu nehmen.

Wer bei Cads mitmacht, verpflichtet sich freiwillig, den bewusst hoch gesteckten Zielen gerecht zu werden. „Cads hat sich immer verstanden als eine Allianz der Willigen. Wir versuchen ein Vorreiter zu sein“, so Junkert weiter. Nur die Kommunikation nach außen wurde bislang vernachlässigt, das will Cads nun ändern.

Wie nachhaltig kann Leder sein? Die Lederfabrik Josef Heinen

Leder ist ein Naturprodukt, das als Nebenerzeugnis der Fleischindustrie ohnehin anfällt. Es wird also nicht extra hergestellt. Es nicht zu nutzen, wäre nicht nachhaltig. Allerdings gilt die Verarbeitung von Leder als besonders schmutzig, weshalb Gerbereien heute vorwiegend in Billiglohnländern anzutreffen sind. Das es auch anders geht, beweist die Lederfabrik Josef Heinen aus Deutschland, die in vierter Generation betrieben wird und seit Jahrzehnten dem Umweltschutz oberste Priorität einräumt.

Schon vor über 15 Jahren entwickelte Heinen das Label Terracare als Markenzeichnen für seine nachhaltigen Leder. Nachhaltigkeit fängt schon bei der Herkunft der Tierhäute an. „Wir arbeiten nur mit deutschen Schlachthöfen zusammen, die ihre Tiere aus dem nahen Umland beziehen und die gut kontrolliert werden“, erklärt Geschäftsführender Gesellschafter Thomas Heinen. So kann er sicherstellen, dass alle Prozesse gesetzeskonform und möglichst schnell und schmerzfrei für das Tier ablaufen. Damit die Häute auf dem Weg zur Gerberei nicht Schaden nehmen, lässt Heinen sie kühlen. „So konservieren wir die Häute und können komplett auf das umweltschädliche Salzen der Häute verzichten.“ Diese umweltschonende Maßnahme ist in der globalisierten Gerberzunft unmöglich: Da die meisten Häute aus Nord- und Südamerika stammen, aber das meiste Leder in Asien gegerbt wird, kann auf dem langen Transport keine Kühlkette aufrechterhalten werden.

Der Gerbeprozess benötigt viel Chemie, aber auch da lässt sich viel verbessern. „In den meisten Ländern geht es bei den Chemikalien nur um den Preis“, sagt Heinen. „Es gibt gute Alternativen, aber die sind oft wesentlich teurer.“ Heinen arbeitet auch mit der Chromgerbung und managt seinen Chemikalien-Input anhand von RSL-Listen und der REACH Verordnung, achtet aber auch darauf, wie nachhaltig die Stoffe transportiert werden, ob sie biologisch abbaubar sind und ob sie später im fertigen Produkt zurückbleiben.

Lauflernschuh von Ricosta, zertifiziert mit dem Blauen Engel. Foto: Ricosta

Ricosta: Der erste Blaue Engel der Schuhindustrie

Das deutsche Kinderschuhlabel Ricosta aus Donaueschingen gehört zu den Marken, die in ihren Produkten Terracare-Leder von Heinen verwenden. Zudem ist Ricosta Mitglied von Cads und das laut eigener Aussage weltweit erste Kinderschuhunternehmen, das ein Produkt mit dem Blauen Engel zertifizieren ließ. Ricosta hat dieses Siegel gerade erst eingeführt und aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrades gewählt, auch wenn es in der Modeindustrie bislang noch keine Rolle spielte.

„Die Nachhaltigkeit der Schuhindustrie wird nicht so kommuniziert, wie es nötig wäre“, sagt Jörg Ertl, Mitglied der Geschäftsführung bei Ricosta. Ein Blauer Engel könne da Zeichen setzen. Er steht für hohe Umweltstandards in der Produktion und die Einhaltung von Sozialstandards. Viele Produkte des Unternehmens würden den Anforderungen des Siegels entsprechen, allein der enorme Dokumentationsaufwand verhindere, dass nicht noch mehr Schuhe damit ausgezeichnet würden. Ricosta hat schon 1997 ein Umwelt-Management-System aufgebaut und produziert ausschließlich in eigenen Fabriken in Europa. Auch die Leder stammen zum größten Teil aus Deutschland und Italien. „Wir haben die gesamte Wertschöpfungskette selbst in der Hand. Das ist gerade bei Kinderschuhen wichtig“, erklärt Ertl.

Ein eigenes Siegel – beispielsweise herausgegeben von Cads – benötige die Schuhindustrie hingegen nicht. Ertl: „Ich habe mal nachgezählt, es gibt 132 Siegel. Das ist der Wahnsinn und kaum mehr zu überschauen. Wir wollen uns nicht hinter den Siegeln verstecken, sondern bieten für Endverbraucher:innen viele Möglichkeiten, sich zu informieren, bis hin zu Live-Chats auf unserer Website.“

Jan Kratochvil (re) und Marek Brincil mit dem preisgekrönten Zerofly Schuh von Winqs. Foto: Winqs

Neue nachhaltige Labels erobern den Markt

Dass die Schuh- und Lederbranche jetzt anfängt, ihre guten Taten besser zu kommunizieren, dürfte auch damit zu tun haben, dass Leder in den letzten Jahren zunehmend in Verruf geraten ist. Vor allem von Seiten des Veganismus. Das hat auch Anna Blunck, Head of Buying beim nachhaltigen Onlinemarktplatz Avocado Store festgestellt: „Die häufigste Nachfrage von unseren Kund:innen lautet: Ist der Schuh vegan? Viele glauben, vegan ist gleich nachhaltig, was natürlich nicht der Fall ist. Da muss noch viel Aufklärung betrieben werden“, sagt sie in einer Onlinekonferenz der Schuhindustrie.

Auch von anderer Seite wächst der Druck: Nachhaltige Newcomer wie beispielsweise Allbirds erobern die internationalen Märkte im Sturm, angetrieben von Social Media, dem DTC-Geschäft und dem Wunsch der Verbraucher:innen nach nachhaltigen Schuhen. Das Berliner Start-up Winqs wurde für seinen nachhaltigen Zerofly Laufschuh gerade mit einem Ispo Award ausgezeichnet. Er wird fast komplett aus biobasierten oder recycelten Materialien hergestellt. „Viele pflanzenbasierte Stoffe sind heute sogar leistungsfähiger als das aus Kostengründen beliebte Plastik“, sagt Jan Kratochvil, Mitgründer von Winqs. Auch einen Reparaturservice und die Rücknahme der Schuhe zum Recyceln bietet das Unternehmen an.

Kratochvil hat selbst lange in der Schuhbranche gearbeitet und gesehen, dass viele Marken zwar einzelne Leuchtturmprojekte machen, aber bei der Umstellung der Massenproduktion auf der Stelle treten. „Was auch daran liegt, dass die traditionell aufgestellte Schuhindustrie einem enormen Preis- und Margendruck ausgesetzt ist.“ Als Newcomer habe Winqs den Vorteil, bei Null starten zu können, mit stärkerem DTC-Geschäft, selektivem Händler-Netz und ohne die Verpflichtung, bisherige Vertriebswege weiterführen zu müssen.

Kreislaufwirtschaft steht bei Schuhen noch ganz am Anfang

Zwar gibt es Fortschritte bei der Verbesserung einzelner Prozessschritte in der Herstellung von Schuhen, aber die Frage, wie man Schuhe am Ende ihrer Nutzungsdauer wiederverwerten könnte, ist noch völlig ungeklärt. Ein Schuh aus Monomaterial, der dennoch alle funktionalen Anforderungen erfüllt, ist noch nicht erfunden. Die Alternative, nämlich die Zerlegung des Schuhs in seine Bestandteile um diese in den Produktionskreislauf zurück zu führen, scheitert bisher an der Machbarkeit. Jörg Ertl von Ricosta: „Das Grundproblem bei Schuhen ist die Vielzahl an unterschiedlichen Materialien im Schuh. Der Aufwand zur Trennung dieser Materialien um sie einem Produktkreislauf wieder zuzuführen ist sehr hoch. Grundsätzlich könnte man unsere Sohlen, die wir direkt anspritzen, nach der Trennung granulieren und das Granulat anderweitig verwenden. Wir recherchieren und arbeiten an verschiedenen Möglichkeiten.“

Die Euro Hikers von Timberland, deren Sohlen zu mindestens 40 Prozent aus recyceltem Gummi bestehen. Foto: Timberland

Timberland hat nun angekündigt, zum Earth Day einen Schuh herauszubringen, der langlebig ist und dennoch leicht auseinandergenommen und recycelt werden kann. Die Marke arbeitet schon länger mit recyceltem Leder aus Produktionsresten und recyceltem Gummi. Aber auch das ist erstmal nur ein Leuchtturmprojekt. Wie in vielen anderen Branchen auch, stehen Recycling und Kreislaufwirtschaft auch in der Schuhindustrie noch ganz am Anfang.

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