Wie nützlich sind Beschwerdemechanismen für Bekleidungsarbeiter:innen? Einblicke von der Amader-Kotha-Helpline in Bangladesch
Nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes am 24. April 2013 in Savar bei Dhaka in Bangladesch entstanden zwei Initiativen: das Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch (Accord) und die Allianz für Arbeitssicherheit in Bangladesch (Alliance). Sie hatten die Aufgabe, die Situation im Ready-to-wear-Sektor (RMG) des Landes zu verbessern, denn der Verlust von mehr als 1.100 Menschenleben, viele davon Bekleidungsarbeiter:innen, und mehr als 2.500 verletzte Arbeiter:innen, offenbarte, auf welch wackeligem Fundament viele von Bangladeschs RMG-Fabriken buchstäblich standen.
Während sich der Accord (und jetzt sein Nachfolger, der Internationale Accord für Gesundheit und Sicherheit in der Textil- und Bekleidungsindustrie) auf strukturelle, gebäude- und brandschutztechnische Fragen konzentriert, befasste sich die Alliance auch mit Fragen der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes (OSH). Ein echter Erfolg war die im Juli 2014 eingerichtete Helpline für Arbeiter:innen „Amader Kotha“ („Unsere Stimme“). Sie ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche erreichbar. Bereits 18 Monate nach ihrer Einrichtung erreichte sie über 500.000 Arbeiter:innen in mehr als 300 Fabriken. Die Helpline erhielt durchschnittlich 3.000 Anrufe pro Monat. Die Anrufer:innen, die anonym bleiben können, sprachen nicht nur Fragen der Arbeitssicherheit an, sondern auch Arbeitszeiten und Löhne.
„Ein gesunder Beschwerdemechanismus dient als Frühwarnsystem für Probleme, sodass man an der Bewältigung und Minderung dieser Risiken arbeiten kann.“
Fünf Jahre nach ihrer Gründung wurde die Alliance beendet. Im Juli 2018 kündigte sie an, ihre Initiativen an eine unabhängige Sicherheitsüberwachungsorganisation (SMO) zu übergeben. Diese werde in Partnerschaft mit glaubwürdigen, lokalen Partner:innen verwaltet. Zu den übergebenen Projekten gehörte Amader Kotha. Die Helpline hatte seit ihrer Gründung mehr als 233.000 Anrufe von Arbeiter:innen aus über 1.000 Fabriken erhalten und mehr als 80 Prozent aller wesentlichen Probleme gelöst.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass erfolgreiche Initiativen wie diese nach einem Betreiberwechsel an Schwung verlieren, aber Amader Kotha hat Zweifler:innen eines Besseren belehrt. „Wir freuen uns sehr, dieses enorm nützliche Programm in Zusammenarbeit mit unseren Projektpartner:innen fortzusetzen. Zu den Partner:innen gehören Clear Voice, ein Projekt der Cahn Group, LLC, und LaborLink, das kürzlich von Elevate übernommen wurde, einer mobilen Plattform, die einen zweiseitigen Kommunikationskanal zwischen Organisationen und ihren Arbeiter:innen herstellt”, sagte Suraiya Haque, Gründerin und Geschäftsführerin der angesehenen zivilgesellschaftlichen Organisation Phulki, damals.
Heute wird die Helpline durch eine einzigartige Zusammenarbeit von drei Projektpartner:innen ermöglicht: NGO Phulki, die sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Arbeiter:innen und ihren Familien in Bangladesch einsetzt; LRQA, einem führenden Anbieter von Lösungen für Geschäftsrisiken und Nachhaltigkeit; und der Cahn Group, die Hotlines betreibt und effektive Beschwerdemechanismen in Lieferketten aufbaut. Eine Nebensitzung des OECD-Forums zur Sorgfaltspflicht im Bekleidungs- und Schuhsektor am 13. Februar 2026 teilte Einblicke aus fast zwölf Jahren erfolgreicher Arbeit von Amader Kotha.
Die bisherige Reichweite von Amader Kotha
Von Juli 2014 bis Januar 2026 sind mehr als eine halbe Million (fast 520.000) Anrufe eingegangen. Die Helpline deckt derzeit 860 Fabriken und 1,5 Millionen Arbeiter:innen ab. Ein Großteil von ihnen (fast 60 Prozent) ist zwischen 19 und 29 Jahre alt. Die restlichen fast 40 Prozent sind zwischen 30 und 39 Jahre alt, und nur etwa ein Prozent ist älter. Der Anteil der Arbeiter:innen zwischen 15 und 18 Jahren ist sehr gering (0,04 Prozent). Jugendliche (14-18 Jahre) dürfen nach dem Arbeitsgesetz von Bangladesch aus dem Jahr 2006 legal arbeiten, sollten aber nur ungefährliche, „leichte Arbeitæ verrichten.
Die Anrufenden sind überwiegend männlich (fast 60 Prozent), während die Mehrheit der Bekleidungsarbeiter:innen (53 bis 60 Prozent) Frauen sind. Obwohl die Zahlen noch nicht ausgeglichen sind, schließt sich die Lücke: Die Beteiligung von Frauen ist von anfangs rund 14 Prozent auf derzeit bis zu 45 Prozent gestiegen. Es ist beabsichtigt, dass alle Telefonate von Amader Khota bei Phulki von Frauen angenommen werden, da Frauen sich wohler fühlen, ihre Beschwerden mit anderen Frauen zu teilen.
Bemerkenswert ist, dass während nur 22 Prozent der Anrufenden bereit sind, ihren Namen der Fabrik preiszugeben, ihn 85 Prozent den Mitarbeiterinnen der Helpline mitteilen. Dies spricht für das Vertrauen und die Vertraulichkeit, die die Helpline über die Jahre aufgebaut hat. Ein „Indikator für Vertrauen und letztlich für Effektivität“, so Mac Ngo von LRQA, das den technischen Support und die Backend-Datenverwaltung bereitstellt.
„Wir geben die Identität eines Anrufers oder einer Anruferin niemals an die Fabrikleitung weiter und behandeln Fälle immer anonym. Es gibt jedoch einige wenige Fälle, die aufgrund ihrer persönlichen Natur tatsächlich die Offenlegung der Identität erfordern“, bestätigt Humayera Rahman, Landesdirektorin von Amader Khota in Bangladesch. „Wir bitten die anrufende Person um ihre Zustimmung. Nur wenn sie der Offenlegung ihrer Identität zustimmt, teilen wir sie der Fabrik mit. Wenn sie nicht zustimmt, geben wir die Nummer der Fabrikleitung weiter, um sie dem internen Kommunikationskanal der Fabrik vorzustellen.“
Wie funktioniert der Beschwerdeprozess der Helpline?
Der Helpline-Prozess ist in acht Schritte unterteilt. Sobald eine Meldung von einem oder einer Arbeiter:in eingeht, wird ihre Priorität bewertet. Als „geringes Risiko“ gelten Angelegenheiten wie Vergütung und Kündigung. Als „hohes Risiko“ gelten körperlicher Missbrauch, Belästigung und Sicherheitsmängel wie Risse in Balken oder ein Fabrikfeuer. Anschließend wird die Fabrik oder in dringenden Fällen der Auftraggende benachrichtigt. Dann wird ein Abhilfeplan erstellt, der dem/der Arbeiter:in mitgeteilt wird. Danach werden die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet. Schließlich holen die Mitarbeiterinnen der Helpline das Feedback des/der Bekleidungsarbeiter:in ein und schließen den Fall ab.
Ein Fall gilt als abgeschlossen, nachdem beide Parteien, also Fabrikleitung und Anrufende, eine Untersuchung und Maßnahme bestätigt haben. Zudem muss der/die ursprüngliche Anrufende bestätigt und zugestimmt haben, den Fall als gelöst zu betrachten.
„Amader Khota fungiert als Brücke zwischen Fabrikleitung, Arbeiter:innen und Marke. Wir unterstützen dabei, eine langfristig nachhaltige Geschäftsbeziehung mit der Branche zu gewährleisten“, sagt Rahman. „Amader Khota reduziert den Audit-Bedarf einer Marke, indem es die direkte Bearbeitung von Vorfällen unterstützt und Arbeiter:innen in die internen Kommunikationskanäle einführt. So stärken wir den internen Kommunikationsprozess der Fabrik.“
Jeder Anruf ist wichtig
Rahman leitet die Amader-Khota-Helpline seit 2014. „Meine Hauptverantwortung in diesem Projekt ist die Schulung und Überwachung des täglichen Betriebs mit einem Team von zehn Mitarbeiterinnen“, erklärt sie. „Unsere Live-Vermittlerinnen nehmen von Sonntag bis Donnerstag 16 Stunden lang Anrufe entgegen, von 6 Uhr bis 22 Uhr. In der restlichen Zeit, also in der Nachtschicht, am Wochenende und an Feiertagen, ist unser Aufzeichnungsdienst aktiviert. Zur nächsten Arbeitsstunde rufen unsere Mitarbeitenden diese Nummern zurück und erreichen alle Anrufer:innen. So unterstützen wir 100 Prozent der Anrufe und erreichen 100 Prozent aller Anrufer:innen“, erklärt Rahman stolz.
Die Arbeiter:innen werden durch Schulungen, Plakate am Arbeitsplatz und anderes Werbematerial auf die Helpline aufmerksam. Sie erhalten auch eine Karte mit der gebührenfreien Nummer der Helpline, die sie einfach zusammen mit ihrem Werksausweis aufbewahren können.
„Verbesserung ist das Herzstück menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht“
Für Vishal Gadhavi, verantwortlich für soziale Auswirkungen bei Primark, geht es vor allem um Lernen und Verbesserung. „Wie verstehen wir, was funktioniert und was nicht, damit wir letztendlich Verbesserungen und Ergebnisse für die Arbeiter:innen unterstützen können?“, fragt er. Er verwies auf das Engagement auf höchster Ebene, wie den ehemaligen Chief Executive Officer (CEO) von Primark und den General Counsel der Muttergesellschaft Associated British Foods, die persönlich wichtige Betriebe in Bangladesch besuchten. „Es gibt diese Zustimmung und Anerkennung für diese spezielle Arbeit. Es geht darum, die Auswirkungen all unserer Arbeit wirklich zu verstehen, insbesondere die Wirksamkeit von Beschwerdemechanismen“, fügt er hinzu.
„Verbesserung ist das Herzstück der menschenrechtlichen Sorgfaltspflichtbewegung. Das Ökosystem der Abhilfe besteht aus mehreren Akteur:innen und Institutionen“, erklärte Archana Kotecha von The Remedy Project. Ihre Organisation widmet sich der Unterstützung von Arbeiter:innen in der Lieferkette mit besonderem Fokus auf Beschwerdemechanismen und Abhilfe. „Darunter finden sich staatliche und nicht-staatliche Akteur:innen. Innerhalb der nicht-staatlichen Akteur:innen ist die Vielfalt der Beschwerdemechanismen recht groß. Es gibt von Dritten finanzierte Multi-Stakeholder-Initiativen, aber auch Beschwerdemechanismen auf operativer Ebene.“
Für sie ist das Verständnis der Dynamiken, Beziehungen und der Ergänzung verschiedener Mechanismen entscheidend, um wirklich zu verstehen, „was dieses Ökosystem zusammenhält“. „Wenn man die Wirksamkeit eines Beschwerdemechanismus betrachtet, geht es nicht nur darum, ein einziges Ökosystem zu betrachten. Es sind tatsächlich mehrere Akteur:innen und deren Interaktion, die die Wirksamkeit des Ansatzes ausmachen“, merkt sie an.
Wenn es richtig gemacht wird, „ist ein gesunder Beschwerdemechanismus wirklich ein Frühwarnsystem für Probleme, sodass man an der Bewältigung und Minderung dieser Risiken arbeiten kann“, betont sie. „Es ist ein Ort für den Austausch mit den Arbeiter:innen, um ihre Perspektiven zu verstehen und Vertrauen aufzubauen. Beschwerdemechanismen sind leer, wenn sie den Arbeiter:innen nicht klar kommuniziert werden und sie nicht im Laufe der Zeit ihr Vertrauen gewinnen.“
Feedback hilft bei Prävention
Eine Feedback-Schleife ist ebenfalls ein Muss: „Die Feedback-Schleife ist im Wesentlichen der präventive Teil der Abhilfe, den wir oft übersehen. Bei Verbesserungsmaßnahmen geht es nicht nur darum, den entstandenen Schaden zu beheben. Es geht auch darum, sicherzustellen, dass sich der Schaden nicht wiederholt“, stellt Kotecha klar.
In Bezug auf korrigierende Abhilfemaßnahmen nannte Kotecha die Zahlung überfälliger Löhne, Disziplinarmaßnahmen in einigen Fällen gegen die Verursacher:innen und andere. Zukünftig wird es darum gehen, vorausschauende Präventivmaßnahmen und möglicherweise eine Überprüfung nach der Maßnahme zu entwickeln.
Der Weg nach vorn
Abschließend waren sich die Teilnehmer:innen einig, dass die Evaluierung der Amader-Khota-Helpline einen Wandel markiert. Die UN-Leitprinzipien (UNGP) werden nicht mehr als „Obergrenze“, sondern als grundlegende „Basis“ betrachtet. Anstatt nur die internen Kennzahlen der Helpline zu messen, untersucht die Evaluierung sie innerhalb eines breiteren Ökosystems von Verbesserungsmaßnahmen. Sie analysiert die Dynamik zwischen den Mechanismen auf Fabrikebene und den Interventionen Dritter.
Die Untersuchung priorisiert die Qualität der Ergebnisse und das Engagement der Rechteinhaber:innen gegenüber dem reinen Zugang. Dabei werden auch externe Faktoren wie politische Unruhen berücksichtigt, die Beschwerdemuster beeinflussen. Durch die Konzentration auf Abhilfe als Prozess und Endergebnis wollen die Beteiligten praktische Lücken identifizieren. Sie wollen sicherstellen, dass das System in der Praxis genauso wirksam ist wie in der Theorie.
Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht eine „Co-Creation“-Methodik. Sie gleicht eine rigorose Datenerhebung mit dem Schutz des Vertrauens und der Vertraulichkeit der Arbeiter:innen aus. Um die wichtigen Stimmen der Beschwerdeführer:innen einzubeziehen, ohne ihre Sicherheit zu gefährden, entwickelte das Team ein sensibles Protokoll. Phulki kontaktierte zunächst die Arbeiter:innen, um deren Zustimmung einzuholen, bevor unabhängige, Bangla sprechende Evaluator:innen für Interviews hinzugezogen wurden. Erste Ergebnisse zeigen, dass Vertrauen und eine 24/7-Verfügbarkeit entscheidend sind, um Vergeltungsmaßnahmen zu verhindern. Es besteht jedoch ein wachsender Bedarf an Fachwissen in Bereichen wie geschlechtsspezifischer Gewalt.
Zukünftig will die Partnerschaft diese Erkenntnisse nutzen, um von der reaktiven Falllösung zu proaktiven, präventiven Maßnahmen überzugehen. Dadurch soll sichergestellt werden, dass das System der Abhilfemaßnahmen nachhaltig ist und auf die Bedürfnisse der Arbeiter:innen eingeht, um die es geht.
Weitere Informationen über Amader Kotha, einschließlich eines Newsletters und erfolgreicher Fallbeispiele, finden sich auf der offiziellen Website amaderkothahelpline.net.
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