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Wird Äthiopien das neue Bangladesch?

Man könnte meinen, dass 'Made in Bangladesh' die billigste Variante ist, was die Bekleidungsproduktion angeht, aber weit gefehlt. Internationale Auftraggeber - Walmart, H&M, VF, PVH, J.C. Penney, Levi Strauss, Kik, Tesco, Asda, um nur einige zu nennen - sind immer einfallsreich und clever, wenn es darum geht, billigere Alternativen zu finden. Derzeit konzentrieren sie sich auf Afrika, besonders Äthiopien und in geringerem Umfang Ghana, als neue Bekleidungsproduktionsstellen.

Während der Mindestlohn in 'traditionellen' bekleidungsherstellenden Ländern wie Bangladesch, Sri Lanka, Indien und Kambodscha steigt (in China wird er schon seit einiger Zeit erhöht), gibt es immer noch Länder ohne Mindestlohn. Äthiopien ist eins von ihnen; hier verdienen Bekleidungsarbeiter ein Drittel ihrer Kollegen in Bangladesch. (Das ist kein Druckfehler, ein Drittel.) Bei rund 68 US-Dollar in Bangladesch macht das knapp 23 US-Dollar aus. Im Monat. Davon kann niemand leben.

Der Durchschnittslohn in Äthiopien ist 23 US-Dollar pro Monat

Laut den "Country Reports on Human Rights Practices for 2014" verdiente die größte Gruppe von Arbeitnehmern in Äthiopien im Jahr 2014 einen monatlichen Mindestlohn von 420 Birr, umgerechnet rund 23 US-Dollar pro 48-Stunden Arbeitswoche (in Ghana beläuft sich der Monatslohn auf rund 43 US-Dollar).

"Ich bin froh, dass ich Arbeit habe, aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich nicht für diesen Betrag und nicht unter diesen Bedingungen arbeiten", sagte Meseret Asrat gegenüber Al Jazeera. Asrat ist ein 24 -Jahre-alter Mitarbeiter von Ayka Textiles in Addis Ababa, der pro Monat 41 US-Dollar verdient.

Im gleichen Bericht wurde der Mindestlohn in Bangladesch für alle Sektoren mit 1.500 Taka (rund 19 US-Dollar) veranschlagt, außer für die Bekleidungsbranche - hier ist er mit 68 US-Dollar wesentlich höher, dank steter Forderungen der Arbeiter und der internationalen Gemeinschaft. Dies verdeutlicht zweierlei: Einmal, dass Druck innerhalb einer Branche etwas bewegen kann (denn sonst würden Bekleidungsarbeiter in Bangladesch immer noch so wenig verdienen wie ihre Kollegen in anderen Bereichen) und dass es immer eine billigere Alternative gib .

Billiger, aber nicht besser. Im Fall von Äthiopien (und Ghana und anderen afrikanischen Ländern) kann man nur hoffen, dass nicht die gleichen Fehler gemacht werden wie in Bangladesch. Das heißt, dass Sicherheit von größter Wichtigkeit sein sollte, und zwar an den Arbeitsplätzen in bestehenden Fabriken als auch in neu geplanten und im Bau befindlichen.

Es gibt jedoch Hoffnung. Ayka, die oben genannte Fabrik, ist der größte Bekleidungsexporteur Äthiopiens. Die 8000 Arbeiter beschäftigende Fabrik ist auch eine der wenigen Textil- und Lederfabriken mit einer funktionierenden Gewerkschaft. Nachdem Tchibo, ein wichtiger Kunde, Druck ausübte und sich die Fabrikleitung änderte, werden hier auch bessere Löhne gezahlt als anderswo: Seit letztem Jahr, als die Gewerkschaft eine Lohnerhöhung durchsetzte, gibt es 25 Prozent mehr.

Wird Äthiopien das neue Bangladesch?

Auftraggeber sind entscheidung bei der Durchsetzung von Verbesserungen

Der Druck von Auftraggebern scheint der einzige Weg zu sein, wenn es darum geht, Gewerkschaften durchzusetzen: "Lehnen die Eigentümer ab, können wir nicht viel tun. Die Gesetze sind vorhanden, aber beim Kampf um ihre Einhaltung kommt es auf uns und die Arbeiter an. Große ausländische Auftraggeber wie in Tchibos Fall können viel für die Rechte der Arbeiter tun," bestätigte Angesom Gebre Yohannes des Industrieverbands der äthiopischen Gewerkschaften für Textil-, Leder- und Bekleidungsarbeiter im Gespräch mit Al Jazeera.

Das alte Argument, dass Auftraggeber sich zurückziehen und billigere Alternativen finden werden, zieht im Fall von Afrika aus zwei Gründen nicht: Zum einen sind die Alternativen in Asien so gut wie aufgebraucht und so viele Alternativen mit angemessener Arbeiterschaft und Ressourcen gibt es nicht. Was uns zum zweiten Grund führt: Als wichtiger Baumwollproduzent ist Afrika einer der wenigen Standorte weltweit, an denen Bekleidungshersteller in einer Fabrik vom Garn bis zum fertigen Kleidungsstück produzieren können. Das ist bequem und drückt die Produktionszeiträume; ein wichtiger Vorteil, den Fabrikbesitzer nutzen sollten. Wenn man Freihandelsabkommen wie das kürzlich mit den USA verlängerte hinzunimmt, dann kann die afrikanische Bekleidungsindustrie ein starkes Argument für sich aufbauen.

Zudem ist es auch wichtig, schnell und früh zu handeln, um Verbesserungen einführen beziehungsweise durchsetzen zu können: "Wenn die Regierung am Anfang die notwendigen Maßnahmen trifft, wird die Branche später nicht durcheinandergebracht, wie wir bei den Erfahrungen in Fernost gesehen haben," sagte Ercan Tukoglu, Geschäftsführer von Ayka Textiles.

Es ist noch nicht zu spät, um mögliche Fehler und Unglücke beim Aufbau der afrikanischen Bekleidungsindustrie zu verhindern, wenn Fabrikbesitzer, internationale Auftraggeber und Endkunden an einem Strang ziehen und die Wichtigkeit von fairen Löhnen, gesunden Arbeitern und sicheren Arbeitsplätzen anerkennen. Denn wäre es nicht fantastisch, wenn die Labels "Made in Ethiopia" und "Made in Africa" synonym wären mit besseren Produkten, mehr Arbeitsplätzen (besonders für Frauen), sicheren Produktionsstätten, fairen Löhnen und fairen Endpreisen?