Drohnen, Roboter, Microdepots: So will man die Paketflut in den Griff bekommen

Verstopfte Innenstädte, verspätete Zustellungen, das logistische Chaos des Weihnachtsgeschäfts ist vorbei. Noch nie haben so viele Menschen in Deutschland ihre Weihnachtseinkäufe online erledigt. Bis zu 30 Millionen Pakete mehr als vor einem Jahr sollen diesmal an der Haustür abgegeben worden sein. Insgesamt prognostizierte der HDE für den Online-Handel einen Weihnachtsumsatz 2017 von 12,2 Milliarden Euro. Das ist verglichen mit dem Vorjahr eine Steigerung um 10 Prozent.

Zustellung wird zur Herausforderung

Der Onlinehandel wächst dynamisch, d.h. in den nächsten Jahren werden wir mit noch mehr Paketen auf der Straße zu tun haben. Für die Logistikdienstleister ist das eine echte Herausforderung. Sie arbeiten seit Jahren daran, effizienter zu werden und vor allem die letzte Meile, also die letzten Meter bis zum Kunden, zu verbessern. Die letzte Meile gilt als das Nadelöhr. Denn verstopfte Straßen, verspätete und erfolglose Zustellungen verärgern Kunden, Händler und Zusteller gleichermaßen.

Technik soll das Chaos bändigen

Es gibt eine ganze Reihe von Innovationen, an denen z.B. Zusteller Hermes arbeitet. „Wir investieren dreistellige Millionenbeträge in den Ausbau unserer Infrastruktur. Damit bauen wir neue Logistikzentren, erweitern die Zahl unserer Paketshops und führen neue Technologien ein“, sagt Roger Hillen-Pasedag, Bereichsleiter Strategy, Innovation & CR bei Hermes Germany. Mehr Zusteller allein werden das Problem nicht lösen, schon deshalb, weil immer weniger Menschen diesen Beruf ausüben wollen. „Hier werden wir künftig neue Lösungen erarbeiten müssen und dabei hilft uns sicherlich der technologische Fortschritt im Bereich der Digitalisierung“, so Hillen-Pasedag weiter.

Neue logistische Infrastruktur

Fast 70 Prozent aller Zustellungen gehen bei Hermes in die Städte. Deshalb ist sicher, dass neue Konzepte vor allem dort greifen müssen. Hillen-Pasedag: „Ich bin überzeugt, dass gerade in den urbanen Zentren die Logistik neu aufgesetzt werden muss.“ City-Hubs oder Micro Depots, aus denen heraus die Zusteller die Pakete zum Beispiel mit Elektrofahrrädern ausfahren, könnten in Zukunft spannende Optionen sein. Dass elektrisch betriebene Lastenfahrräder funktionieren, hat man bei Hermes bereits erfolgreich getestet. Doch die Umstellung der innerstädtischen Logistik kann nicht nur Aufgabe der Unternehmen sein. Dafür ist eine neue Infrastruktur notwendig, die einerseits Micro Depots, aber auch Ladestationen für die Elektrofahrzeuge zur Verfügung stellt.

Roboter im Test durchgefallen

Auch Roboter werden bereits für die Zustellung getestet, wie der bodengestützte Lieferroboter Starship in Hamburg. Seit 2016 war er für Hermes im Einsatz, musste aber aus Sicherheitsgründen immer von einer Person begleitet werden. Er wird es wohl nicht zur Serienreife bringen, sagt Hillen-Pasedag: „Der Test mit den Starship-Robotern hat gezeigt, dass der Nutzen für den Endkunden noch zu gering ist, um einen solchen Service als alternative Zustellform regelmäßig zu nutzen. Paketlogistik aber ist ein Massengeschäft. Es braucht also skalierungsfähigere Lösungen auf Basis attraktiverer ‚Customer Journeys‘.“

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Ende der Zustellung an der Haustür

Wesentlich wichtiger als der bloße Transport der Pakete wird in Zukunft die Frage sein, wie das Paket tatsächlich den Kunden erreicht. „Wir haben ja heute das Phänomen, dass der Großteil der Pakete an die Haustür geht, obwohl die Mehrheit der Empfänger gar nicht zu Hause ist“, so Hillen-Pasedag. Ob sich die klassische Haustürzustellung als Standardservice noch aufrechterhalten lässt, ist aus seiner Sicht fraglich. Stattdessen wird es in Zukunft darum gehen, wie man den Paketstrom insofern effizienter gestaltet kann, dass die Zustellung sich möglichst optimal in den Alltag des Konsumenten integrieren lässt? Wohnort, Einkaufsstätten, Arbeitsplatz, öffentliche Transportknotenpunkte etc. sind zentrale Hotspots in den Bewegungsmustern der Kunden – die allesamt potenzielle Empfangsstationen für Pakete werden können. Auch verstärkte Lieferungen an PaketShops oder andere Pick-Up Points sind Lösungen, die diskutiert werden.

Drohnen und Kofferräume bleiben erstmal Zukunftsmusik

Drohnen gelten als weiteres Zukunftsszenario. Die Deutsche Post testet sie bereits für sehr entlegene Orte, wie z.B. auf Inseln in der Nordsee. Hermes hingegen nutzt sie derzeit noch nicht. Hillen-Pasedag: „Wir verfolgen die Entwicklungen in dem Bereich intensiv, sehen derzeit aber keine wirklich wirtschaftlichen Anwendungsfälle in unserem Geschäftsmodell.“ Drohnen bieten Vorteile da, wo es um schnelle Lieferungen einzelner Sendungen in entlegene Gebiete geht, also z.B. auf eine Alm oder Insel. Für Zusteller, die auf urbane Regionen mit hohem Sendungsaufkommen fokussiert sind, lohnen sich Drohnen erst, wenn es im Metropolbereich eines Tages zentrale Lande- und Ladestationen geben wird.

Selbst Kofferräume sollen in Zukunft zu mobilen Briefkästen werden, wenn auch nur als Zusatzservice oder Premiumzustellung. Denn um diesen Service anbieten zu können, müssten die Autos mit einander „connected“ sein. An den „Connected Cars“ wird zwar auf breiter Ebene bereits gearbeitet, aber der wesentliche Teil der Fahrzeuge, die heute auf den Straßen unterwegs sind, ist noch nicht connected. Problematisch ist auch der Standort vieler Autos an schwer zugänglichen Orten, wie z.B. Parkgaragen. Hillen-Pasedag: „Wenn der Zusteller erstmal eine halbe Stunde durchs Parkhaus laufen muss macht das wenig Sinn. Meines Erachtens wird sich der Besitz von Autos ohnehin stark ändern, da muss man sich fragen: Ist der Kofferraum wirklich spannend?“

Neue Mobilitätskonzepte

Viel interessanter sind aus seiner Sicht die Potentiale, die sich aus neuen Mobilitätskonzepten entwickeln. So werden in den USA z.B. gerade mobile Abholstationen getestet, also Abholpunkte, die nicht fest installiert sind an einem Ort, sondern sich zu bestimmten Zeiten des Tages an flexiblen Orten befinden , wo sich die Kunden bewegen. Mit den technologischen Entwicklungen im Bereich der autonomen Fahrzeuge könnte das nochmals spannender werden. Autonome Fahrzeuge könnten z.B. Zusatztouren übernehmen oder auch die klassische Zustellung an der Haustür ganz neu gestalten. Doch dafür bräuchte es neben der Technik auch neue gesetzliche Rahmenbedingungen. Bis zum nächsten Weihnachtsfest werden wird darauf noch nicht zurückgreifen können.

Fotos: Hermes

 

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