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Leerstand und Strukturwandel - Wie steht es um Hessens Innenstädte?

Von DPA

6. Juli 2020

Einzelhandel

Auf den ersten Blick ist in Hofgeismars Innenstadt die Einkaufswelt in Ordnung: Der kleine Ort mit 16 000 Einwohnern nördlich von Kassel hat eine intakte Shoppingmeile. Es gibt keine großen Kaufhäuser, aber kleine Läden. Doch je weiter man die 400 Meter Richtung Rathaus bummelt, desto dünner wird das Angebot. Und dort, wo Hofgeismar am schönsten ist - am von Fachwerk umrahmten Platz vor dem Rathaus - ist am wenigsten los. Ernüchternd auch ein Blick in Nebenstraßen: leere Schaufenster.

Solche Probleme gibt es vielerorts in Hessen. "Um die Zentren der Städte in Hessen steht es teilweise tatsächlich schlecht", sagt Klaus Pfalzgraf vom Städte- und Gemeindebund. Leerstand und Geschäftsschließungen hätten einen Dominoeffekt zur Folge, weil dann die Kundenfrequenz fehle. Die Corona-Krise verstärkt die Entwicklung: Während der Onlinehandel profitiert, meldet der Einzelhandel hohe Umsatzeinbußen.

"Wir werden das Internet nicht wegdiskutieren", sagt Hofgeismars Bürgermeister Markus Mannsbarth (SPD). In der Stadt hat deshalb ein Umdenken eingesetzt: "In der heutiger Zeit muss man nachdenken, ob ein Mittelzentrum so eine lange Einkaufsstraße verkraften kann." Für den laufenden Umbau des hinteren Teils der Fußgängerzone gelte daher ein anderes Konzept: Statt auf Konsum solle der Schwerpunkt auf der Aufenthaltsqualität liegen, unter anderem durch mehr Bepflanzungen. Für kleine unvermietete Ladenflächen sollen neue Nutzungen her - beispielsweise als Atelier. "Es ist das Allerwichtigste, dass wir Menschen in die Stadt kriegen", erklärt Mannsbarth.

"Wir müssen überlegen, wie wir Innenstädte künftig gestalten", sagt auch Tanja Pflug vom Hessischen Städtetag. "Der Schwerpunkt wurde über Jahrzehnte zunehmend Richtung Handel verlagert. Doch das ist langsam nicht mehr zeitgemäß." Es gehe um einen Nutzungsmix im Zuge des Strukturwandels. Mit Zentren, die als Arbeits-, Kultur- oder Wohnorte weiterentwickelt werden, ergänzt um Gastronomie, Grünflächen und Freizeitangebote. "Natürlich ist der Handel weiterhin ein wichtiger Punkt, der gestärkt werden soll. Aber die Realität wird dazu führen, dass ein neues Zusammenspiel gefunden werden muss."

Frankfurt

In Frankfurt sorgt derzeit der bundesweite Kahlschlag bei Galeria Karstadt Kaufhof für Aufruhr. Denn auch der Karstadt-Filiale mitten auf der Zeil, nach wie vor eine der umsatzstärksten Einkaufsstraßen Deutschlands, droht die Schließung. "Es geht hier um eine essenzielle Sache für unsere Heimatstadt", hatte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) kürzlich angemahnt. Sollte die Filiale dicht machen, stellt sich die Frage, was aus dem riesigen Gebäude werden soll.

"Der Wandel von Innenstädten ist natürlich ein Thema, über das wir uns Gedanken machen müssen", sagt Mark Gellert, Sprecher beim Frankfurter Planungsdezernat. "Beim Karstadt-Gebäude ist es unwahrscheinlich, dass ein Unternehmen alleine die Nutzung übernimmt. Da muss man auch über Alternativen und Ergänzungen zum Handel nachdenken." Die Stadt will Kontakt mit dem Eigentümer aufnehmen und prüfen, inwieweit sie die Entwicklung mitsteuern kann. "Man könnte auch über Wohnraum oder Büros nachdenken", meint Gellert.

Hanau

In Hanau wurden 180 Millionen Euro investiert um die City neu zu gestalten. "Wir haben damit alles richtig gemacht", sagt Stadtentwickler Martin Bieberle. Dennoch bezeichnet er die Lage als besorgniserregend. "Die Innenstädte kämpfen seit Jahren gegen die Online-Konkurrenz. Corona hat diesen Effekt noch mal verstärkt und wird zu einer Marktbereinigung führen. Die Pandemie wird das Ladensterben beschleunigen." Mit dem "Hanauer Hilfspaket" plant die Stadt ein fünf Millionen Euro schweres Programm zur Linderung der Corona-Folgen, besonders für Geschäfte und Gastro. Nach Einschätzung von Bieberle muss der Handel künftig serviceorientiert, ökologisch, digital sein - auch wenn der Anbieter stationär vor Ort sei.

Fulda

Fulda beurteilt die Lage nicht unbedingt negativ. Trotz Corona und massiven Einschränkungen für den Handel eröffne der Einzugsbereich zwischen Frankfurt, Würzburg und Kassel weiterhin große Chancen, sagte Stadtsprecher Johannes Heller. "Einschneidend" sei jedoch die angekündigte Schließung für den Kaufhof im Herzen der City. Die längerfristige Auswirkung von Corona zeige sich in den kommenden Monaten, etwa wie viele Läden schließen müssen. Zuletzt lag die Leerstandsquote für Innenstadt-Ladenflächen bei etwa fünf Prozent.

Darmstadt

Die schwierige Situation des stationären Einzelhandels und der Wettbewerb im Rhein-Main-Gebiet mache es auch Darmstadt nicht leicht. Trotzdem sei es gelungen, einen attraktiven Einzelhandel in der Innenstadt zu erhalten, sagte ein Sprecher. "Leerstand gibt es auch aktuell nur vereinzelt." Man habe sich schon sehr früh, vor dem Siegeszug des Onlinehandels, mit der Entwicklung auseinandergesetzt. Welche Auswirkungen Corona auf Innenstädte haben werde, könne noch nicht vollständig seriös beantwortet werden.

Michelstadt

In Michelstadt im Odenwaldkreis mussten wegen Corona nach Angaben von Gewerbemanagerin Jenny Weissgerber noch keine Läden schließen. "Aber es stellt sich doch für einige Gewerbetreibenden die Frage, wie lange sie das noch durchhalten." Um die Attraktivität der Innenstadt zu erhalten werde derzeit an einer Reihe Alternativen gearbeitet.

In Zeiten von Corona sind Ideen zur Entwicklung der Innenstädte gefragt. Die Landesregierung will diese jetzt aktiv fördern und startete der Wettbewerb "Zusammen Handeln". "Teilnehmen können Kommunen und private Initiativen, die etwas zur Belebung der Innenstädte tun möchten", sagt Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). "Überall in Hessen gibt es gute Ideen wie Lieferdienste per Lastenrad oder Gutscheinaktionen für den lokalen Einzelhandel."

Tanja Pflug vom Hessischen Städtetag sieht in den Auswirkungen durch die Corona-Krise auch einen positiven Aspekt für die hessischen Innenstädte. Corona könne "man aber auch als Chance sehen, um gewisse Dinge jetzt schneller und stärker anzugehen". (dpa)

Foto:Florentine / pixelio.de