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Ausstellung Strauss ist raus beschäftigt sich mit Veränderungen im Einzelhandel

Einzelhandelslandschaft im Wandel: Bereits seit dem vergangenen Jahr stand die ehemalige Filiale der Warenhauskette Strauss Innovation in der Düsseldorfer Friedrichstraße 61c leer, nun beherbergt sie eine Ausstellung, die sich genau dieser Thematik widmet. Die von Wilko Austermann kuratierte Ausstellung des Kunstvereins 701 e. V „Strauss ist raus“ zeigt eine Welt im Umbruch.

Man sieht noch die Überbleibsel des Ladenbaus, die Befestigungslöcher der Regale in den Wänden, doch abgesehen davon ist die Räumlichkeit wie leergefegt. Nachdem das Warenhaus Strauss Innovation Jahrelang ums Überleben kämpfte, wurde im Dezember 2016 das Insolvenzverfahren eröffnet. Die Filiale in der Friedrichstraße war unter den ersten, die dichtmachen mussten. Nun hat Kurator Wilko Austermann die Fläche für die Kunst erschlossen. „Die Künstler beschäftigen sich nicht mit so sehr dem Einzelhandel per se, sondern eher mit einer Welt, die sich verändert. Es geht um die Industrie 4.0 und die betrifft auch die Läden in den Innenstädten“, so der Kurator.

Ausstellung Strauss ist raus beschäftigt sich mit Veränderungen im Einzelhandel

So lockt ein bunt bestückter Verkaufstresen interessierte Passanten in die Ausstellung, die nicht sofort als solche zu erkennen ist. Verkauft werden, zu 9,99 pro Stück, mit Gemüse bedruckte Kartonstücke: Karotten, Kopfsalat, Zwiebeln. In der Performance ‚frisch vom bauern’ von Lukas Julius Keijser wird deutlich, wie sehr der Einzelhandel (kurzlebigen) Trends unterworfen ist – in diesem Fall geht es um Bio-Läden. Hinterfragt der Künstler mit seinen kostengünstig hergestellten Kartonagen die undurchsichtigen Zertifizierungen von Bio-Produkten, die Hersteller, den Handel, oder den Konsumenten? Es bleibt unklar.

Wanda Koller kritisiert mit ihrer Installation und Performance mit dem Titel ‚Purchase’ den Konsumwahn der Gesellschaft, indem sie haptische Erfahrungen auf Sweater druckt; René Hüls lässt die Geräusche eines Routers durch eine gekippte Schublade laufen, eine Anspielung auf den Onlinehandel und die Repräsentation von Waren im Onlinehandel. Tobias Hoffknecht spielt mit abstrakten Formen, die an Ladenbau und Designmöbel und -objekte erinnern. Allen drei gemeinsam ist die Entfremdung zwischen Produkte und Konsumenten.

Ausstellung Strauss ist raus beschäftigt sich mit Veränderungen im Einzelhandel

Die Arbeit von Atit Sornsongkram arbeitet die Leere, aber auch das Potential heraus, die sich aus dem Wandel des stationären Handels ergeben. In seinen Fotografien fängt der aus Bangkok stammende Künstler, der unter Hubert Niecol und Andreas Gursky an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, leerstehende Ladenflächen und Schaufenster ein, die für ihn zu einer Art Zeitkapsel werden.

Wie in einer Zeitkapsel ist auch der einstige Kassenstandort des Ladens noch an den Spuren am Boden zu erkennen. Genau dort hat Steffen Jopp seine raumfüllende Installation, bestehend aus einem altenindustriell genutzten Förderband, aufgehängt. Das Band, das für die Industrieproduktion steht, entfaltet auf diese Weise eine schwerelose Schönheit, die an einen Prozess erinnert, der in Deutschland schon fast abgeschlossen ist: Den Wandel der Wirtschaft vom industriellen zum Dienstleistungssektor. Dass nun auch Dienstleistungen zunehmend unpersönlich werden und wir an der Schwelle zum Quartären Sektor, der Informationsgesellschaft stehen, wird hier zur historischen Fußnote. Alles fließt, scheint diese Installation zu sagen.

Dass die Kunst nun dort Einzug hält, wo sich die Dramen einer sich immer schneller wandelnden, zunehmend digitalen Welt abspielen, ist ein Hoffnungsschimmer. Immer dort, wo etwas zu Ende geht, ist auch ein neuer Anfang möglich. Und nicht alle Begegnungen geschehen online. Noch hat der stationäre Handel eine Chance. Vielleicht, indem er Flächen für Kultur schafft, Begegnungen inszeniert, Plattformen bietet und Erfahrungen möglich macht. Nicht erst, wenn es zu spät ist, sondern im laufenden Geschäft. Wenn das eben zu Ende gegangene Düsseldorf Photo Weekend irgendein Anhaltspunkt ist, dann dafür, dass man die Menschen durchaus noch vom Computer weglocken kann. Zum Beispiel mit Kunst.

Fotos: Achim Kukulies