Berlin nach der Bread & Butter: Befreit in die Zukunft

Im Vorfeld der Berliner Modewoche gab es viele Spekulationen, wie sich die Absage der einstigen Leitmesse Bread & Butter auf das Konstrukt Fashion Week auswirken würde: Würden die anderen Orderplattformen so kurzfristig in der Lage sein, den enttäuschten Ausstellern der Bread & Butter eine sinnvolle, attraktive Alternative zu bieten? Bleiben die internationalen Einkäufer der Modewoche fern? Bekommt Berlin etwa sogar ein Imageproblem?

Nach drei Tagen Fashion Week lässt sich sagen, dass die Hauptstadt den Wegfall der Bread & Butter besser verkraftet als zunächst befürchtet. Es scheint sogar so, dass die Branche aufatmet, als hätte sie sich von einer drückenden Last befreit. Das festgefahrene Gefüge der Fashion Week, deren Rahmen bislang von der Bread & Butter stark definiert wurde, ist aufgebrochen und die Modewelt ist wieder in Bewegung. Dies könnte sich für Berlin sogar zu einem Glücksfall entwickeln, da die Stadt wie kaum eine andere auf der Welt für Bewegung und Veränderung steht. Die Verhältnisse werden derzeit neu geordnet, während Bread & Butter Chef Karl-Heinz Müller auf seiner Website darüber abstimmen lässt, ob es die Messe künftig wieder geben soll. Geht es nach vielen enttäuschten Unternehmen und Ausstellern, ist die goldene Ära der Bread & Butter jedoch endgültig vorbei.

Bereits zur noch laufenden Modewoche haben sich die anderen Messen auf die Aufnahme weiterer Aussteller eingestellt und haben zum Teil ihre Flächen signifikant ausgebaut. Allein die bislang eher für vertikale Anbieter interessante Messe Panorama eröffnete zwei neue Segmente und erweiterte die Ausstellungsfläche um ein ganzes Stockwerk. Weitere neue Plattformen wie etwa für Denim-Anbieter sollen zur Sommerausgabe der Messe neu etabliert werden. Auch die Spartenmesse Seek, die bislang auf einer recht kleinen Fläche am Rande der aktuellen Leitmesse Premium stattfand, ist mit der Arena in eine größere Location umgezogen.

Mut zur Innovation wird sich auszahlen

Glaubt man den Veranstaltern, ist auch kein signifikanter Rückgang der Aussteller und Fachbesucher festzustellen, im Gegenteil: Berlin ist für viele Branchenvertreter wieder spannender geworden. Die Karten im Berliner Modemessen-Geschäft werden neu gemischt, und manche Marke überdenkt bei der Gelegenheit gleich ihre eigene Positionierung oder konzeptionieren ihren Auftritt neu. Berlin behält so nicht nur seinen Status als wichtige Präsentationsplattform für internationale Marken, die es sich in der aktuellen wirtschaftlichen Weltlage gar nicht leisten könnten, nicht in Deutschland präsent zu sein. Berlin ist auch wieder etwas mehr Avantgarde geworden. Dies zeigt sich auch in der Auswahl der Designer, die sich im Rahmen einer Modenschau auf der Mercedes-Benz Fashion Week am Brandenburger Tor zeigen. Junge, unverbrauchte Gesichter, die sich modisch etwas trauen und nicht nur wie ihre etablierten Kollegen aus Paris oder Mailand für den russischen oder arabischen Markt produzieren, gaben hier den Ton an.

Wie in jedem Jahr, gibt es natürlich auch aktuell wieder etliche Unkenrufe über die internationale Relevanz und Strahlkraft der Berlin Fashion Week. Vermisst werden mal wieder große Luxusmarken und Stardesigner. Dabei zeigt sich derzeit so sehr wie noch nie, dass Berlin keine alteingesessenen Promi-Schneider braucht, um sich zu positionieren. Berlin besticht durch Kreativität, durch einen anarchischen, befreiten Modeansatz, der nicht nur darauf achtet, dass die Geschäfte in Asien gut laufen. Großinvestoren und Privat Equity Unternehmen bestimmen hier noch nicht die kreativen Prozesse der Modeunternehmen, wie es etwa in Paris oder Mailand der Fall ist. Berlin ist nicht Hollywood und das ist auch gut so. Langfristig wird sich dies für die Hauptstadt auszahlen, denn nicht penetrante Hochglanz-Präsenz macht sexy, sondern Mut, Kreativität und selbstbewusste Bescheidenheit. Der Ausfall der Bread & Butter scheint für Berlin so eher ein Glücksfall zu sein. Der zunächst befürchtete Abstieg in die Bedeutungslosigkeit hat jedenfalls nicht stattgefunden. Für Berlin - und das ist es, was die Stadt seit dem Mauerfall ausmacht - wird sich der Mut zur Lücke immer auszahlen.

Foto: Getty Images for Kilian Kerner

 

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