Berliner Modemesse Selvedge Run: Raum für Geschäfte und Geschichten

Zu den Großveranstaltungen der Berliner Modewoche zählt die Messe Selvedge Run mit ihren gerade einmal 75 Ausstellern wahrlich nicht. Quantitativ haben Plattformen wie die Premium, die Panorama oder die Seek deutlich mehr zu bieten. Aber auf die Masse kommt es auf der Selvedge Run auch nicht an. Dort geht es um andere Kriterien: die Qualität und Ausrichtung der ausgesuchten Labels etwa. Die Messe ist auf handwerklich hochwertige Denim-, Menswear- und Accessoiresanbieter spezialisiert, die auch bestimmte soziale Kriterien erfüllen müssen. Diese Mischung zieht naturgemäß einen ganz speziellen Kreis von Fachbesuchern an – in der vergangenen Woche war sie gut besucht, aber keineswegs überfüllt. Und so bietet die Selvedge Run auch eine Ressource, die im hektischen Modebusiness oft besonders knapp ist: Zeit. Denn die brauchen viele der Aussteller, um den Besuchern zu erklären, was ihre Marken so besonders macht.

Zeit und Raum bot die Selvedge Run auch in ihrer zweiten Saison – obwohl sie bereits gewachsen ist. Im vergangenen Sommer hatte sie mit einer überschaubaren Pilotveranstaltung und etwa vierzig Ausstellern im Vorort Oberschöneweide ihr Debüt gefeiert, diesmal war sie ins Berliner Zentrum gezogen. Die neuen Räumlichkeiten in der Kulturbrauerei im Stadtteil Prenzlauer Berg lagen nicht nur deutlich günstiger, sie boten auch den nötigen Platz, um die Ausstellerzahl annähernd zu verdoppeln. Trotzdem blieb die Atmosphäre einzigartig.

Mehr Marken und Besucher – der Umzug in die Kulturbrauerei hat sich offenbar gelohnt

„Im Juli waren nicht so viele Besucher da, das ist jetzt anders“, sagt Johan van de Berg vom niederländischen Label Indigo People, das schon im Sommer bei der Premiere dabei gewesen war. Neben internationalen Einkäufern seien jetzt auch mehr Interessenten aus Deutschland vor Ort. Trotz des größeren Zuspruchs biete die Messe aber nach wie vor den Vorteil, dass „wir die Geschichte, die hinter unserer Marke steht, erzählen können“, sagt van de Berg.

Bei Indigo People ist das eine besonders interessante: Das Label bietet Kleidungsstücke und Accessoires an, die in Ostasien gefertigt werden. Nicht in den berüchtigten Sweatshops natürlich – das würde den Regeln der Messe widersprechen. Vielmehr lassen die Niederländer ihre Produkte nach traditionellen Verfahren in Dörfern weben, färben und bedrucken. „Wir zahlen gute Preise und tragen dazu bei, dass diese Techniken dort nicht in Vergessenheit geraten“, erklärt van de Berg. Dass die Marke so gut ins Portfolio der Selvedge Run passt, deren Schwerpunkt eindeutig auf Denim liegt, hat nicht nur mit der handwerklichen Ausrichtung und den Standards bei der Fertigung zu tun. Alle Produkte leuchten in tiefem Indigo-Blau – so bilden sie eine ideale Ergänzung zu den klassischen Jeans, die viele andere Aussteller anbieten.

Berliner Modemesse Selvedge Run: Raum für Geschäfte und Geschichten

Die beiden Macher von Indigo People sind fast schon Veteranen der Berliner Messelandschaft. Sie waren mit ihrer Marke auch schon auf der Bread & Butter vertreten. Wie andere ehemalige Aussteller aus den handwerklich hochwertigen Nischensegmenten der früheren Leitmesse, die mittlerweile bis auf Weiteres eingestellt wurde, wechselten sie zur Selvedge Run. Die wurde schließlich auch als Auffangbecken für solche Firmen konzipiert, als die Bread & Butter vor einem Jahr kurzfristig abgesagt worden war. Und so zieht van den Berg den Vergleich zur verblichenen Großmesse, die er als Aussteller nur noch in der Phase des Niedergangs erlebt hat. „Auf der Selvedge Run herrscht jetzt der Enthusiasmus, den es auf der Bread & Butter vielleicht in den Anfangsjahren einmal gegeben hat“, sagt er.

Die Messe bietet etablierten und neuen Marken eine Plattform – sofern sie gewisse Standards erfüllen

Doch die Messe bietet nicht nur etablierten Marken wie Indigo People, Edwin oder Red Wing eine Plattform, die nach dem Ende der Bread & Butter eine neue Heimat in der Berliner Messelandschaft gesucht hatten. Sie präsentiert auch Newcomer wie das norwegische Label Rye. Für die 2014 gegründete Marke aus Oslo ist es der erste Messeauftritt überhaupt. Sie sucht derzeit nach passenden Händlern in Europa. „Ich persönlich interessiere mich nicht nur für Kleidung, sondern für alle möglichen Produkte“, sagt Labelchef Jens Berg. Daher hat er außer Jeans auch Taschen und Decken im Repertoire. Sein Label passe weniger in reine Modeläden sondern vor allem in Concept Stores, die neben Kleidung auch andere Designartikel anbieten, sagt Berg. Solche Interessenten hat er auf der Selvedge Run bereits getroffen – denn seit dem Umzug zieht die Messe nicht mehr fast ausschließlich hochspezialisierte Denimhändler an, sondern ein breiteres Einkäuferspektrum. Nach wie vor sind die Besucher aber ausgesprochen anspruchsvoll und wissbegierig: „Hier sind die Leute, die sich wirklich für die Geschichte einer Marke interessieren“, sagt Bergs Mitarbeiter Terje Ulv. Sein Fazit fällt entsprechend positiv aus: „Die Messe funktioniert.“

Fotos: Fashionunited


 

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