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Die Pitti Uomo läuft wieder auf Hochtouren

Von Jesse Brouns

17. Juni 2022

Messen |REPORTAGE

Die Retrospektive von Ann Demeulemeester auf der Pitti Uomo. Bild: Ann Demeulemeester

Die halbjährlich stattfindende Herrenmode-Messe Pitti Uomo erlebt in dieser Woche eine erfolgreiche Wiederbelebung: Mit mehr Aussteller:innen, mehr Besuchenden und einem erweiterten Programm für die 102. Ausgabe. Ann Demeulemeester zeigte Lieblingslooks aus dreißig Jahren Archiv und Grace Wales Bonner zeigte ihre Kollektion im Palazzo Medici Riccardi.

In den letzten beiden Saisons hat die Pitti Uomo wie gewohnt stattgefunden, wenn auch in abgeschwächter Form. Mit einem abgespeckten Programm, deutlich weniger Ausstellenden als vor der Pandemie und mit fast ausschließlich europäischen Besucher:innen. Florenz hat auch etwas Trostloses an sich, vor allem im Winter: leere, ruhige Straßen, in denen man zu normalen Zeiten bequem spazieren gehen kann. In dieser Woche schienen die Stadt und ihr Rummel wieder zu leben. Die Tourist:innen sind zurück, und auf dem Messegelände der Fortezza da Basso scheint alles wie früher zu sein.

Die offiziellen Besucherzahlen werden im Laufe der Woche vom Veranstalter Pitti Immagine bekannt gegeben. Aber sie sind auf jeden Fall höher als im Januar, als Pitti 548 Ausstellende und etwa 8.000 Fachbesucher:innen zählte. Am Donnerstagmittag lagen die Besucherzahlen bereits bei 9.000, teilten die Organisatoren am Donnerstagabend mit.

Diesmal sind über 700 Ausstellende anwesend, immer noch weniger als bei der letzten "normalen" Ausgabe, aber dennoch ein Schritt nach vorn. Die Nordamerikaner:innen sind wieder da, die Japaner:innen – die früher massenhaft vertreten waren – sind es auch, wenn auch nur vereinzelt. Von den wichtigen Mode-Ländern hält nur China seine Grenzen noch fest verschlossen. Und auch Russland ist auf dem absteigenden Ast.

Ukrainische Mode im Fokus

Der ukrainische Modesektor wurde von Pitti Immagine mit dem Projekt 'Ukrainian Fashion Now!' gefördert, einer Auswahl von elf Designer:innen aus der Ukraine, die man kennen muss: Bobkova, Gudu, Gunia Project, Guzema, Katerina Kvit, Litkovskaya, Manufacture De Lin, Oberig, Poustovit, Viktor Anisimov, und Yulia Yefimtchuk.

An den Ständen wurde mehr vom Krieg als von der Mode gesprochen. „Kiew ist wieder ein bisschen sicherer geworden", sagte Olga Basovska, Brandmanagerin von Gudu. „Es gibt immer noch durchschnittlich eine Bombe pro Woche, aber Kiew ist groß, also geht man dieses Risiko ein. Die Sirenen ertönen ständig, aber viele Bewohner:innen sind zurückgekehrt, viele Läden haben wieder geöffnet. Wir versuchen, mit unserem Leben und unserer Arbeit weiterzumachen."

„Alles ist schwieriger geworden, aber wir können weiter produzieren", so der Porzellanspezialist Gunia Project. „Und wir können auch international liefern."

Reisen ist nicht selbstverständlich. Es gibt keine Flüge nach oder von Kiew. Die meisten Designer:innen hatten eine mehrtägige Reise durch Polen auf dem Programm. „Ich sage allen: Wenn es nicht notwendig ist, ist es besser, nicht zu reisen", sagte Lilia Litkowskaja, die mit ihrer Tochter und ihrer Mutter in Paris lebt und etwa zweimal im Monat in die Ukraine reist. „Es ist einfach zu anstrengend."

Wales Bonner SS23, Foto: Wales Bonner
Wales Bonner SS23, Foto: Wales Bonner

Wales Bonner in einem Palazzo

Pitti organisiert traditionell eine Reihe von Schauen und Präsentationen außerhalb des Messegeländes. Vor der Pandemie hatte sich Pitti zu einer Art Mini-Modewoche entwickelt, bei der jedes Mal andere Designer:innen auftraten, in der Regel eine interessante Mischung aus etablierten Namen und aufstrebenden Talenten. Diese Woche wurde die Tradition wiederbelebt.

Die wichtigste Modenschau in Florenz war die von Wales Bonner, dem Label der in London ansässigen Designerin Grace Wales Bonner. Die Wahl fiel auf den offenen Innenhof des Palazzo Medici Riccardi, einem beeindruckenden, 485 Jahre alten Renaissancepalast, der noch nie zuvor für eine Modeveranstaltung genutzt worden war. Für ihre Kollektion hat Wales Bonner recherchiert. Alessandro de Medici, der bis 1537 Herrscher von Florenz war, hatte eine Schwarze Mutter. Einigen Quellen zufolge war sie ein Dienstmädchen, das eine Beziehung zu Herzog Lorenzo, dem offiziellen Vater Alessandros, oder vielleicht zu Papst Clemens VII. hatte. Auf einer Pressekonferenz sagte Wales Bonner, sie wolle die Präsenz einer Schwarzen Person zur Zeit der Renaissance ansprechen. Sie arbeitete auch mit Kunsthandwerkern aus Ghana und Burkina Faso zusammen. Der Künstler Ibrahim Mahama hat ein riesiges Patchwork aus handgenähten Jutesäcken angefertigt, die zum Transport von Kakao aus Ghana verwendet wurden. Sie arbeitete auch mit einem Schneider von Saville Row, Adidas und Charvet in Paris. Ein Kunstwerk von Kerry James Marshall war als Druck auf dem eröffnenden Look zu sehen.

Ann Demeulemeester Retrospektive während der Pitti Uomo. Bild: Ann Demeulemeester

Zweiter Anlauf für Ann Demeulemeester

Der 'große Name' dieser Pitti-Ausgabe war Ann Demeulemeester. Sie war bereits im Januar als Ehrengast angekündigt worden. Ihre Veranstaltung wurde jedoch in letzter Minute abgesagt, nachdem sich die Corona-Situation in Europa erneut verschlechtert hatte. Beim zweiten Anlauf lief es besser für die belgische Designerin. In der Stazione Leopolda, dem ehemaligen Bahnhof, der häufig für Schauen genutzt wird – Chanel landete erst letzte Woche dort –, stellte sie 47 Mannequins auf, die in Archivstücken eingekleidet waren.

„Ich habe mich einfach nach meinem Gefühl entschieden", sagte Demeulemeester bei einer Preview. „Wir haben ein riesiges Archiv. Ich habe immer sehr viel behalten. Ich lege mindestens zehn Ensembles aus jeder Kollektion beiseite. Im Laufe der Jahre ist daraus eine gigantische Sammlung geworden. Sie wird jetzt in Mailand aufbewahrt. Ich habe immer gedacht: Wenn ich eines Tages aufhören will oder zu alt zum Entwerfen werde, dann sind diese Stücke in gewisser Weise die Zukunft der Marke. Wenn Sie all diese Originalkleidung zusammen sehen, verstehen Sie meine Arbeit. Talentierte Designer:innen können das nehmen und ihren eigenen Weg damit gehen."

Die Platzierung der Stücke im Stazione Leopolda ging zurück bis 1992. „Mit der ersten Silhouette aus meiner ersten Show", so die Designerin. Der Look mit einem Oberteil aus grauen Federn wurde damals vom Model Kirsten Owen in Paris getragen. Ihre Hose war nicht ganz zugeknöpft. Owen war schwanger, was niemand wusste.

„Der Rest folgte automatisch. Ich habe sehr intuitiv gearbeitet: Ich will dies und das und das. Ich hatte etwa zehn zusätzliche Looks mitgebracht, für den Fall, dass etwas nicht in Ordnung ist. Aber ich brauchte sie nicht. Ich wollte keine großen Theorien verkünden. Ich dachte: Wenn ich die Vergangenheit und die Zukunft in eine Linie, auf eine Bühne bringen kann, und wenn die Kleider alle zusammen eine Geschichte erzählen, ein Ganzes bilden – wenn es nicht kracht und brennt – dann bin ich sehr glücklich."

Demeulemeester entwirft keine Kleidung mehr. Sie kündigte 2013 ihren Abschied an. Ihr Nachfolger ist Sébastien Meunier. 2022 wurde das Unternehmen von dem italienischen Modeunternehmer Claudio Antonioli übernommen und das Atelier zog nach Mailand um, wo die Kollektionen von einem eigenen Team entworfen werden. Demeulemeester, die sich seit 2013 von der Mode ferngehalten hatte, schien plötzlich wieder mit ihrer Marke verbunden zu sein.

Ihre Funktion innerhalb der 'neuen' Ann Demeulemeester ist nicht wirklich definiert, aber sie ist an besonderen Projekten beteiligt, wie einem Parfüm oder dem Event in Florenz, das, indem es sich auf das Erbe von Demeulemeester konzentriert, die Marke für die Zukunft stärken soll. In der Zwischenzeit setzt sie ihre Linie von Tischporzellan und Möbeln in Zusammenarbeit mit der belgischen Firma Serax fort.

Mit der Zeit wird Antonioli vielleicht eine offizielle Nachfolge für Ann Demeulemeester ernennen wollen. Aber bis dahin bleibt es eine Teamleistung. „Ich lasse die Designer in Mailand ihr Ding machen", sagte sie. „Ich mische mich nicht ein." Sie sagte, sie sehe ihre Kleidung als Kinder. „Sie sind jetzt erwachsen, sie können mit ihren eigenen Flügeln fliegen. Ich darf jetzt nicht eingreifen, denn das würde bedeuten, wieder von vorne anzufangen, und ich habe beschlossen, das nicht zu tun. Ich habe mich immer weiterentwickelt. Ich entwickle mich weiter. Ich bin jetzt in anderen Bereichen tätig. Du kannst nicht alles machen. Ich habe beschlossen, mit der Mode aufzuhören, um mir die Chance zu geben, etwas anderes zu tun.

Superstars und Neulinge

Neben Wales Bonner und Demeulemeester gab Pitti auch dem skandinavischen Label Soulland, dem Label eines ehemaligen Mitarbeiters von Rick Owens, mit einer schönen Show in einem modernen Marmor-Amphitheater, freie Hand.

Soulland präsentiert auf den Stufen des Maggio Musicale Fiorentino. Bild: Soulland

Mehr zur Soulland-Show:

Hier und da wurde in Florenz ein Superstar hinzugezogen: Das Streetwear-Label Mauna-Kea stellte eine Kapselkollektion mit dem NBA-Champion Jaren Jackson Junior vor. Der Schuhhersteller Superga veranstaltete eine Party zu Ehren der Markenbotschafterin Emily Ratajkowski. Und dann war da noch der kürzlich in Verruf geratene Fotograf Bruce Weber, der einen Werbefilm für Roy Rogers drehte. Die älteste italienische Denim-Marke, die noch immer ein Familienunternehmen ist, feiert dieses Jahr ihr siebzigjähriges Bestehen. Das größte Modethema in Florenz war nach wie vor die Nachhaltigkeit, wobei viele Mainstream-Labels wie Ecoalf und Save The Duck anwesend waren, die erneut für Aufsehen sorgten und der verantwortungsvollen Mode große Aufmerksamkeit schenkten. Im Bereich 'S/Style - sustainable Style' waren wieder einige interessante junge nachhaltige Labels vertreten, darunter Philip Huang, der hauptsächlich in Thailand ansässig ist, und das Pariser Label Mworks.

Mworks SS23, Foto: MWorks

Dieser übersetzte und bearbeitete BEitrag erschien zuvor auf FashionUnited.nl.

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