IFCO will türkische Marken international sichtbar machen
Die zehnte Ausgabe der Bekleidungsmesse IFCO (Istanbul Fashion Connection) fand vom 19. bis 21. August im Istanbul Expo Center statt. Sie zeigte, wie stark die Messe inzwischen auf Marken, Kreativität und die Anforderungen des europäischen Markts setzt und nicht mehr allein auf die Produktionsstärke, für die die Türkei seit Jahren bekannt ist.
Für diese Ausgabe versammelte die Messe 208 ausstellende Unternehmen auf 11.000 Quadratmetern. Damit blieb sie deutlich hinter ihrer eigenen Ankündigung zurück. Im Vorfeld hatten die Veranstalter mehr als 300 Aussteller auf 35.000 Quadratmetern in Aussicht gestellt. Erwartet wurden rund 20.000 Fachbesucher:innen aus über 130 Ländern. Tatsächlich kamen nach Angaben der Messe 12.545 Fachbesucher:innen.
Ein großer Teil des Angebots wirkte kommerziell und klassisch. Es schien eher auf den lokalen Markt zugeschnitten als auf die Trends, die die westliche Mode dominieren. Das überrascht, denn knapp 70 Prozent der türkischen Bekleidungsexporte gehen nach Europa.
Die Türkei exportiert ihre Kleidung, aber kaum ihre Marken
Insgesamt exportierte die Türkei im Jahr 2025 weltweit Bekleidung im Wert von 16,8 Milliarden US-Dollar (14,4 Milliarden Euro). Davon gingen 60,6 Prozent in die Europäische Union. Das geht aus dem Jahresbericht 2025 des Verbands der Istanbuler Bekleidungs- und Konfektionsexporteure (İHKİB) hervor. Rechnet man das Vereinigte Königreich hinzu, das nicht zur Europäischen Union gehört, entfallen auf Europa knapp 70 Prozent.
Deutschland führt mit Exporten im Wert von 2,6 Milliarden US-Dollar. Es folgen die Niederlande mit 1,9 Milliarden US-Dollar, Spanien mit 1,7 Milliarden US-Dollar und das Vereinigte Königreich mit 1,4 Milliarden US-Dollar. Auf Frankreich und die USA entfallen jeweils rund 900 Millionen US-Dollar.
Wie sich die türkische Branche dabei aufstellt, zeigt eine weitere Untersuchung des İHKİB. Der Verband veröffentlichte sie 2023 und befragte dafür 190 türkische Unternehmen, die 15 Prozent der Bekleidungsexporte repräsentieren. Demnach bestehen mehrere Geschäftsmodelle parallel. 58 Prozent produzieren für internationale Marken aus eigenen Kollektionen und Designs, 54 Prozent arbeiten als Lohnfertiger und 29 Prozent exportieren unter eigener Marke (Mehrfachnennungen möglich).
„Wir wissen, dass die Türkei in der Produktion sehr stark ist. Marken sind auch für ein Land sehr wichtig und wir unternehmen in diesem Bereich große Anstrengungen“, betonte Mustafa Paşahan, Präsident der IFCO und des İHKİB, bei einem Gespräch mit der Presse. „Wir sind entschlossen, die Zahl der türkischen Marken mit internationaler Präsenz zu erhöhen.“
Denim als Schaufenster des türkischen Industrie-Know-hows
In den Gängen der IFCO veranschaulicht Denim dieses Paradox besonders deutlich. Die Türkei verfügt über eine Wertschöpfungskette, die von der Stoffentwicklung über die Konfektion bis zu Wasch- und Veredelungstechnologien reicht. Für ihre zehnte Ausgabe hat die Messe den dafür vorgesehenen Bereich erweitert.
Als eine der Innovationen der lokalen Industrie nannte Hülya Güner, Außenhandelsexpertin beim İHKİB, den Anbau von natürlichem Indigo in Adana.
Türkische Denim-Marken haben international dennoch kaum Sichtbarkeit. Bei Integral Jeans ist das eine bewusste Entscheidung. Das Unternehmen will kein Netz von Boutiquen und keinen direkten Onlineverkauf aufbauen, um nicht mit seinen Großhandelskund:innen zu konkurrieren. Es hält an einem reinen Großhandelsmodell fest. Die Kund:innen bestellen im Showroom im Istanbuler Stadtteil Merter und verkaufen die Produkte anschließend in ihren eigenen Geschäften weiter.
Integral Jeans veranschaulicht damit eine für die Branche typische Form der Internationalisierung. Das türkische Produkt reist, manchmal unter eigener Marke, ohne dass das Unternehmen zwangsläufig ein für die Endverbraucher:innen erkennbares Vertriebsnetz aufbauen will.
Herrenmode als Schwergewicht mit klassischen Codes
Denim ist nicht das einzige Segment, dem die IFCO zur zehnten Ausgabe mehr Sichtbarkeit verschaffen wollte. Die Messe stärkte auch ihr Angebot an Herrenmode und richtete dafür in einer eigenen Halle einen neu gestalteten Bereich ein.
Dort war Jakamen zu finden. Die türkische Marke steht für internationale Entwicklung durch Franchising. Sie betreibt 35 eigene Boutiquen und 40 Franchise-Geschäfte in der Türkei sowie 45 Boutiquen im Ausland.
Damenmode zwischen östlichem Stil und westlicher Mode
Das Angebot an Damenmode umfasste auch Modest Fashion, also bedeckende Mode, die sich besonders an den türkischen und nahöstlichen Markt richtet.
In diesem Umfeld hebt sich It’s Basic mit Codes ab, die direkter auf die westlichen Märkte zielen. Die Marke verfolgt eine ausgesprochen internationale Strategie.
„Unsere Vision ist es, internationaler als national zu sein“, erklärte Ersin Turan, Leiter für Marketing und Design, gegenüber FashionUnited. „Viele Marken auf der IFCO konzentrieren sich weiterhin auf den türkischen, arabischen oder slawischen Markt. Aber die Globalisierung der Trends, beschleunigt durch soziale Medien, verringert die Unterschiede zwischen den Märkten.“
It’s Basic stellt auch auf der Messe Who’s Next vom 5. bis 7. September in Paris aus. Dort arbeite die Marke nach eigenen Angaben mit der Messe an deren neuem ‚Denim District‘ zusammen. Weitere Auftritte hat sie auf der Coterie New York, der Magic Las Vegas und den Denim Days Amsterdam. Büro und Boutique unterhält die Marke im niederländischen Amstelveen.
The Core soll die türkische Kreativität ins Rampenlicht rücken
Den Trends einer globalen Modewelt zu folgen, ist nicht der einzige Weg zu internationaler Sichtbarkeit. Die IFCO setzt mit The Core auch auf die Eigenständigkeit des türkischen Designs. Dieser Bereich für Designer:innen wurde für die zehnte Ausgabe komplett neu gestaltet.
The Core verzichtet dabei auf die klassische Anordnung von Ständen. Stattdessen brachte eine szenografische Installation 20 türkische Designer:innen unter dem Motto ‚Rooted Forms, SS27‘ zusammen.
„Auf der IFCO gibt es Marken, aber wir sind Designer:innen“, sagte Belma Özdemir, Präsidentin des türkischen Modedesignverbands MTD (Moda Tasarımcıları Derneği). „Unsere Produkte sind teurer und wir brauchen andere Einkäufer:innen. Die IFCO hilft uns, die richtigen Einkäufer:innen zu treffen, insbesondere solche aus hochwertigen Boutiquen. Wir haben viele talentierte Designer:innen in der Türkei, vor allem junge. Aber sie müssen mit den richtigen Einkäufer:innen in Kontakt gebracht werden, um sich international entwickeln zu können.“
Modenschauen als weiteres Schaufenster für Kreativität
Dieser Wunsch, der Kreativität mehr Sichtbarkeit zu verleihen, erstreckte sich auch auf den Laufsteg. In einer eigenen Halle zeigte die IFCO Modenschauen türkischer und ausländischer Marken.
Sechs indonesische Designer:innen präsentierten dort ihre Modest-Fashion-Kollektionen, inspiriert von Wastra, dem traditionellen indonesischen Textilerbe. Der Auftritt war Teil der internationalen Vermarktung des indonesischen Modefestivals In2MotionFest 2026.
Terzi Adem Altun, eine türkische Marke, die sich bisher auf Herrenmode spezialisiert hat, schickte mehrere Looks auf den Laufsteg, die von Frauen getragen wurden. „Eine Möglichkeit, das Unisex-Potenzial bestimmter Teile zu zeigen“, sagte Adem Altun, ein Vertreter des Unternehmens. Er habe die Bedeutung seines weiblichen Publikums in den sozialen Medien bemerkt.
Digitaler Produktpass als aktuelles Thema der türkischen Industrie
Für die türkische Industrie hängt die Entwicklung auf den europäischen Märkten nicht nur von der Attraktivität ihrer Kollektionen oder der Sichtbarkeit ihrer Marken ab. Sie muss auch die neuen regulatorischen Anforderungen der Europäischen Union erfüllen.
Zu den Themen, die die Branche derzeit beschäftigen, gehört der künftige digitale Produktpass. Er stand auch auf der Tagesordnung der IFCO-Konferenzen. Eingeführt wird er durch die europäische Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte und soll Informationen über Produkte und ihre Wertschöpfungskette digital zugänglich machen. Für türkische Produzenten ist der Einsatz besonders hoch, da die Europäische Union ihr Hauptexportmarkt ist.
„So wie man ohne Pass nicht reisen kann, wird ein Produkt ohne einen solchen nicht exportiert werden können“, fasste Paşahan zusammen. „Die türkische Industrie arbeitet seit drei Jahren daran. Die Rückverfolgbarkeit muss bis zum Rohstoff zurückreichen und einige Garne haben bereits einen digitalen Pass.“
2027 verlegt die IFCO ihre Sommerausgabe in den September
Der August-Termin erschwerte es, europäische Einkäufer:innen zu gewinnen, die noch im Urlaub sind. Die Messeleitung erwartet, dass eine Verlegung in den September die internationale Beteiligung verbessert. Der geringere Zuspruch dieser Ausgabe dürfte dieses Argument gestützt haben.
Nach der Februar-Ausgabe findet die zweite Messe des Jahres 2027 daher vom 8. bis 10. September statt.
Indem die IFCO ihren Kalender an den der westlichen Einkäufer:innen anpasst, geht sie einen weiteren Schritt in ihrer internationalen Entwicklung. Ihre Besonderheit gibt sie dabei nicht auf – die Position am Scheideweg zwischen Ost und West, die es ihr erlaubt, verschiedene Märkte, Ästhetiken und Modekulturen zusammenzubringen.
FashionUnited wurde von der IFCO nach Istanbul eingeladen.