Leuchtturm gegen das deutsche Grau - warum die Berliner Modewoche wichtig ist

Man kann viel Schlechtes finden an der Berliner Fashion Week – sehr viel Schlechtes, wenn man will. Die Modewoche, die in den kommenden drei Tagen einmal mehr die Hauptstadt in Atem hält, ist eines der Lieblingsobjekte der deutschen Presse, an dem sie sich mit voller Hingabe zweimal jährlich abarbeiten kann. Auch FashionUnited hat die Veranstaltung der Vergangenheit immer wieder kritisiert.

In der Tat ist die Fashion Week nicht das, als was es die Organisatoren in den letzten Jahren immer wieder angepriesen haben: eine international relevante Modeplattform, auf der bahnbrechende Entwicklungen stattfinden und die globale Trends setzt. Stattdessen umwehte den Event immer ein hauch profilneurotischer Provinzialität. Den Glanz, der den Modewochen in Paris, Mailand oder London innewohnt, konnte Berlin nie ausstrahlen. Die Berliner Veranstaltung gilt daher eher als Opel-Club der Branche, wo statt Beyoncé und Kate Moss eben Proleten-Rapper und Provinzschönheiten in den ersten Reihen der Shows platziert werden. Wer seine Modenschau mit internationaler Prominenz flankieren wollten, musste diese für viel Geld einkaufen.

Berlin als Sinnbild deutscher Mode-Neurosen

Gründe, die Berlin Fashion Week als bieder und bedeutungslos zu brandmarken, gibt es viele. Das größte Manko ist jedoch ein substanzielles - es ist die deutsche Modebranche selbst. Deutschland verfügt eher über eine Textilindustrie als über ein Mode-Gewerbe. Nicht namhafte, Design getriebene Labels bestimmen das nationale Bild in diesem Bereich, sondern große, vertikale Anbieter ohne stilprägende Relevanz. Die Folge: Eine eigene, modische Identität hat sich in der Bundesrepublik nie entwickelt.

Die wenigen Designer von Format trieb es wie Karl Lagerfeld oder Jil Sander meist ins Ausland, nur wenige blieben in der Heimat. Seitdem steht Lagerfeld für Paris und nicht für Düsseldorf, Hamburg oder Berlin. Für Deutschland stehen hingegen Marken, die sich namentlich einen internationalen Anstrich geben, aber meist in der Provinz beheimatet sind. Egal ob Tom Tailor, S.Oliver, Marc Cain oder Roy Robson - was deutsche Marken immer mit aller Kraft vermeiden wollten, ist, als deutsch zu gelten.

Ein deutscher Stil konnte sich so in der Mode nie entwickeln, auch nicht in Berlin. Eine Berliner Schule existiert in der Mode ebensowenig wie eine typische Berliner Handschrift. Berliner Stil ist, Einflüsse aus der ganzen Welt zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Diese unglaubliche Vielfalt ist es, die die deutsche Hauptstadt ausmacht und letztendlich auch ihre Stärke ist. Und genau daraus sollte Berlin mehr Kapital schlagen.

Die großen Modezentren des Planeten stehen nämlich fast unisono für modische Konzepte aus der Vergangenheit. Die klassischen Luxusmarken sind nicht die Institutionen, von denen die großen Konzepte der Zukunft ausgehen werden. Klassische Marken sind in erster Linie eines, nämlich klassisch und damit eher auf Besitzstandswahrung als auf Innovation bedacht. Innovation entsteht hingegen meist dort, wo es keine festgefahrenen Erwartungen gibt - wie in Berlin.

Grenzenlose Kreativität, innovative Produkte und zeitgemäße, verantwortungsvolle Herstellungsmethoden sind es, mit denen sich die deutsche Hauptstadt im internationalen Modezirkus positionieren könnte. Die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls so gut wie nirgendwo sonst auf der Welt: Berlin muss keine Zielvorgaben erfüllen, verfügt über ein fast unerschöpfliches Potential an jungen Kreativen und beherbergt eine große Zahl internationaler Talente in diversen Disziplinen. Wo sonst könnte die Mode avantgardistischer, futuristischer und spielerischer sein als hier?

Chancen zur Neupositionierung nutzen

Berlin muss diesbezüglich endlich selbstbewusster werden. Der Anspruch, modisch so etwas wie Mailand oder Paris sein zu wollen, muss endlich einem neuen, optimistischen Realismus weichen. Die eigenen Stärken zu erkennen und diese im internationalen Wettbewerb offensiv zu kommunizieren, könnte der Metropole endlich die globale Relevanz bescheren, der sie seit Jahren erfolglos nachrennt.

Allen Berufskritikern und Miesmachern sei an dieser Stelle zudem die Frage gestellt, was die deutsche Modeszene denn ohne die Berliner Modewoche wäre. Schließlich ist die Dichte der Modeunternehmen in Berlin so hoch wie fast nirgendwo sonst in Europa. So haben mittlerweile über 2.500 Fashion Firmen ihren Sitz in der Hauptstadt - kleine und große, bekannte und unbekannte, alte und neue. Zudem kommen allen Unkenrufen zum Trotz regelmäßig rund 200.000 Branchenvertreter in die Stadt, um sich auf Messen, Shows und Präsentationen über die neuesten Entwicklungen zu informieren.

Die Panorama ist mittlerweile die größte Modemesse Europas, während Plattformen wie Premium, Seek oder Bright zusätzlich für inhaltliche Relevanz sorgen. Zwei eigene Messen für ökologische und fair gehandelte Mode sind ein weiteres Alleinstellungsmerkmal Berlins. Nun geht es darum, aus diesen Assets Kapital zu schlagen. Individualität, Internationalität und Kreativität sind die Eigenschaften, mit denen Berlin künftig auch international punkten kann. Dafür muss sich die Hauptstadt in ihrem Fashion Week Modell jedoch von seiner bisherigen „Düsseldorfisierungs-Neurose“ befreien. Warum sollten sich Innovationskraft, Business und Party nicht erfolgreich vereinen lassen?

Trotz all ihrer Schwächen muss man der Berliner Modewoche eines zugute halten: Ohne sie wäre Deutschland in Sachen Fashion ein grauer, form- und gesichtsloser Haufen - gerade im internationalen Kontext. Wurde Deutschland noch vor zehn Jahren als Ansammlung dauerbetrunkener Nazis in Lederhosen wahrgenommen, gilt es heute als eines der beliebtesten Länder weltweit. Ein Verdienst, der ausschließlich Berlin als globales Aushängeschild und Synonym für eine moderne Bundesrepublik zuzuordnen ist. Und die Fashion Week hat - neben der großartigen Berliner Kulturlandschaft - einen großen Teil zu diesem neuen Deutschland-Bild beigetragen. Höchste Zeit also, dies endlich anzuerkennen und aus diesem Selbstbewusstsein heraus neue Ziele zu formulieren. Der Rückzug des Sponsors Mercedes-Benz mit seinem zentralen Show-Standort gibt den Berlinern künftig die Möglichkeit, aus der starren Organisationsform der Vergangenheit auszubrechen und sich entsprechend ihres Charakters neu aufzustellen: Beweglicher, individueller, dezentraler und in seiner ganzen Vielfalt relevanter.

Foto: Premium Messe Berlin

 

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