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Munich Fabric Start & Bluezone: Pleasure, Imperfection und die Rückkehr der Eleganz

„Pleasure“ – Unter diesem Leitmotiv gehen heute die beiden Stoffmessen Munich Fabric Start und Bluezone zu Ende. Während der Markt draußen aktuell wenig Vergnügen bereitet, stellt sich die Mode für Frühjahr-Sommer 2027 auf ein Comeback des Formellen ein.
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Munich Fabric Start im Januar 2026. Credits: Munich Fabric Start
Von Regina Henkel

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Es war die zweite Ausgabe der Munich Fabric Start/Bluezone unter neuer Leitung. Im März letzten Jahres übernahm der neue Geschäftsführer Florian Klinder die Verantwortung für die Messen von seinem Bruder Sebastian Klinder, der sie über 17 Jahre hinweg geleitet hatte.

„Wir haben das Motto ‚Pleasure‘ bewusst gewählt. Es geht darum, Freude an der Mode zu haben, auch wenn die Herausforderungen groß sind“, erklärt Klinder. Denn der Modemarkt ist aktuell alles andere als vergnüglich. Die Konsument:innen sind im Sparmodus – und mit ihnen die Modeunternehmen. Design-Teams werden verkleinert, Order-Budgets angepasst und Messebesuche reduziert. Die gebuchte Fläche sei rund 20 Prozent kleiner als bei der letzten Messe, sagt Klinder, wobei Sommermessen oftmals schwächer als Wintermessen seien.

Vorverlegung der Messe

Es ist vieles in Bewegung. Auch bei den Terminen der Messe. So soll die kommende Herbstausgabe von dem ursprünglichen Termin im September auf Mitte Juli vorverlegt werden. „Dann sind wir wieder am Start der Saison“, sagt Klinder. „Wir haben unsere Aussteller:innen und Besucher:innen befragt, 80 Prozent sind für diese Vorverlegung.“ Schließlich hätten sich auch die Vorlaufzeiten verlängert. Auch hier würde der Kostendruck eine höhere Effizienz in der Lieferkette fordern, was weniger Lagerhaltung und eine effizientere Logistik bedeute, die oft auch längere Zeiten zur Folge habe.

Die Folge-Messe für die Saison SS28 soll dann im Dezember statt wie jetzt Ende Januar starten.

Orangetöne werden in der Saison SS27 wichtig. Credits: Munich Fabric Start.

Vor allem die Druckanbieter bevorzugten die Beibehaltung des September-Termins, da Drucke in der Regel möglichst spät festgelegt werden. Aber auch Denimanbieter Isko hat Bedenken. „Der Juli wäre eigentlich der allerschlechteste Termin für uns“, sagt Fatma Korkmaz, Product Development Managerin bei Isko. Sie würde lieber noch früher starten, und zwar bereits im Juni.

Trends SS2027: Denim setzt auf Imperfection

Am Thema Pleasure hat sich auch Tilmann Wröbel, Creative Director & Founder des Denim Studios Monsieur-T., in seinem Trend-Vortrag abgearbeitet. Früher sei eben nicht alles besser gewesen, wie man heute oft hört, vor 50 Jahren sei die Denimindustrie noch wesentlich kleiner gewesen und es habe noch gar keine Denimmessen gegeben. Damals war Denim noch kein selbstverständlicher Bestandteil von Modekollektionen. „Wir sollten positiv denken“, sagt Wröbel. „Wir müssen uns auf die Chancen fokussieren, die es auch immer gibt.“

Sein zentrales Trendthema lautete „Imperfection“. In einer Welt, die durch massenhaft erzeugte KI-Bilder zunehmend perfektioniert, glattpoliert und austauschbar wirke, ziehe vor allem das Unperfekte noch Aufmerksamkeit auf sich und ermögliche Identifikation. Studien zeigen zudem, dass sich die Generation Z zunehmend von idealisierten Körperbildern, makellosen Selbstdarstellungen und durchgestylten Kampagnen gelangweilt fühle.

Denim Jacke von Isko mit geschrumpftem Garn. Credits: Regina Henkel / FashionUnited

„Diese Sehnsucht nach dem Unperfekten können wir mit Denim sehr gut bedienen“, betont der Designer. Er sieht das Interesse an unperfekten Oberflächen, an stärkeren Texturen steigen. Alles Simple und Glatte wird zu langweilig. „Die Leute suchen nach Dingen, die Brüche erzeugen, die nicht einfach zu verstehen und die vielleicht auch nicht einfach zu finden sind“. Bei Isko beispielsweise setzt man den Trend mit farbigen Flockprints oder einem Crinkle-Look um. Dieser wird erzeugt, indem Anteile des Garns bei Wärmeeinwirkung schrumpfen.

SS27-Trends: Aufstieg formellerer Looks in der Fashion

Auch in der Mode erkennen Trendforscher:innen eine wachsende Bedeutung von Texturen und haptischen Erlebnissen. Laut Volker Orthmann und Katharina Majorek vom Stilbüro o/m Collective erleben Naturfasern, Handwerkskunst und echte Patina eine neue Renaissance als „Statusmarker“. „Es gibt ein starkes kulturelles Bedürfnis nach unverstellter materieller Erfahrung“, sagt Majorek. „Echte Kreativität wird einen neuen Stellenwert bekommen, weil die Leute den KI-Brei satthaben“, ergänzt Orthmann. Fransen, Strick, Clinkle und Loopgarne bleiben wichtig, während Spitzen und Stickereien noch an Bedeutung gewinnen. „Stickerei und Spitze sind ein Wachstumsmarkt. Damit lassen sich höhere Preise rechtfertigen“, sagt die Expertin. Auch neue Silhouetten, bei denen mit Ballonformen, Rüschen und Schößchen gespielt wird, sind zu beobachten.

„Die letzten Jahre waren geprägt von Oversized-Looks, jetzt kommt die Taille wieder“, lautet das Credo. Daran habe nicht zuletzt auch die modische Inszenierung der Trump-Regierung ihren Einfluss, sagt David Shah, Publisher & CEO von View-Publications in seiner Keynote. Nicht nur die Frauen in seinem Umfeld kleiden sich betont formell und klassisch, auch bei den Männern erwarte er korrekte Kleidung.

Gleichzeitig wird der Einfluss des Sports mit seinen allzu technischen Looks zurückgefahren werden. „Der Streetstyle und Sneaker liegen am Boden, alles wird elegant“, ist Majorek überzeugt. Farblich steht der nächste Sommer im Zeichen verschiedener Gelb- und Orangetöne.

Belebte Oberflächen und die Farbe Gelb spielen im Sommer 2027 eine wichtige Rolle. Credits: Munich Fabric Start
Spitzen und Stickereien werden in der Saison SS27 wichtig. Credits: Regina Henkel / FashionUnited

Nachhaltigkeit ist alternativlos und bleibt ein wichtiges Thema

„Nachhaltigkeit hat ihre Sexyness verloren“, sagt Denimdesigner Tilmann Wröbel mit Blick auf den Hype der vergangenen Jahre um eine umweltfreundlichere Denimproduktion. „Doch es gibt keine Alternative.“ Das Image von Denim und der gesamten Modeindustrie sei belastet, zudem kursierten zahlreiche Falschinformationen. Gerade deshalb müsse die Branche konsequent weitermachen – auch dann, wenn Regulierungen abgeschwächt oder verzögert würden. Denn in neuen Technologien liegen immer auch spannende gestalterische Potenziale, etwa im Bereich des digitalen Denims. Dabei wird Cotton Twill mit einem Denim-Look bedruckt – ganz ohne die Nachteile klassischer Waschungen oder Used-Techniken in Bezug auf Haltbarkeit und Ressourcenverbrauch. Labels wie Acne greifen diesen Ansatz bereits auf. Acne bedruckte Hosen nicht nur im Denim-Look, sondern druckte auch gleich die passenden Accessoires mit, wie etwa Ketten oder Patches.

Weiterhin auf Nachhaltigkeit setzt auch der deutsche Baumwollspezialist Cotonea, der gerade Stoffe aus Organic Pima Baumwolle gelauncht hat. Das Projekt entstand gemeinsam mit US-amerikanischen Baumwollfarmer:innen, die für eine fix vereinbarte Abnahmemenge bereit waren, diese seltene und besonders hochwertige Baumwollfaser mit GOTS-Zertifikat anzubauen. Gewebt wird die Ware in der eigenen Weberei in Tschechien, wo auch eine Konfektion angegliedert ist. Die Zielgruppe sind Designerlabels, die Wert legen auf Nachhaltigkeit und eine besondere Qualität suchen.

Die ersten Demeter-zertifizierten Stoffe. Credits: Regina Henkel / FashionUnited

Premiere hatte auch das erste Demeter-zertifizierte Textil von der Marke Loads. Es entstand aus der Kooperation zwischen einer niederländischen Demeter-Farm und der NGO Dirt aus Großbritannien, die für die Entwicklung des Standards für den Textilbereich zuständig war. Das Textil besteht aus biodynamisch angebauter Baumwolle aus Ägypten, die mit biodynamisch angebauten Pflanzenfarben der Demeter-Farm gefärbt wurde. Anbau und Färbeprozess erfolgten in den Niederlanden. Insgesamt fünf Farbstoffe stehen zum Launch zur Verfügung. Loads wiederum heißt die Marke, unter der die niederländische Farm ihre Produkte vertreibt. Demeter unterscheidet sich von GOTS durch den kompletten Verzicht auf synthetische Chemikalien und die regenerative Landbewirtschaftung, wobei beispielsweise das Pflügen zum Bodenschutz verboten ist. Ziel ist es, auch für andere Fasersorten Pflanzenfarbstoffe zu entwickeln, bis hin zu Färbemitteln für Leder.

Weitere Pläne: Mehr Formate für Wissenstransfer und Austauch

Die nächste Munich Fabric Start / Bluezone für die Herbst-Wintersaison 2027/28 wird also vom 14. bis 16. Juli 2026 stattfinden. Dafür hat Klinder auch schon einige neue Ideen. So könnte es mehr Veranstaltungen zum Austausch und zum Wissenstransfer geben, beispielsweise in Form von Round-Tables oder Workshops. Auch die Website soll überarbeitet werden. Den Bedarf an Messen sieht Florian Klinder weiterhin. Gerade auch deshalb, weil Designer:innen aufgrund kleinerer Teams heute im Büro oft mehr Aufgaben übernehmen und gar keine Zeit mehr für kreative Phasen haben. „Ich höre von vielen, dass sie es richtig genießen, mal einen Tag ganz ungestört über die Messe zu gehen und sich wirklich nur damit beschäftigen zu können.“

Munich Fabric Start im Januar 2026. Credits: Munich Fabric Start
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