Pitti Uomo 110: Laute Bässe, leise Kollektionen
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Florenz bei über 30 Grad im Juni. Auf dem Messegelände der Fortezza da Basso beschallten gleich mehrere Brands parallel ihre Nachbarn. Die Pitti Uomo 110 war laut – zumindest akustisch. Die Kollektionen selbst kamen ruhiger daher. Sie waren minimalistischer, cleaner, mit Fokus auf Materialität und handwerklichen Details. Weite Silhouetten, Leinenanzüge, Rotakzente und große Weekender-Bags setzten die modischen Signale für Frühjahr/Sommer 2027.
Wie weit darf die Hose sein?
Die Kollektionen schienen deutlich ruhiger als in den vergangenen Saisons. Die Bekleidungsanbietenden – von Streetwear-Brand bis zur klassischeren Marke – zeigten mehr und mehr ein minimalistisches und cleaneres Design. Junge Marken wie das Berliner Label Prohibited setzen statt der urbanen Streetwear gezielter auf den Preppy Look, wobei die weiten Beine der Jeans in eine lässige Anzughose übertragen wurden. Erstmals hatte die Marke auch einen Trenchcoat sowie Fleecepullover für ihre vom Segeln inspirierte Kollektion an Bord.
In der Formal- und Businesswear bleibt die Silhouette ebenfalls weit, auch wenn Digel die Volumen wieder etwas reduziert hat. Das geschah, um der Zielgruppe des deutschen Unternehmens gerecht zu werden, erklärt Philippe Celeny. Der Managing Director für Frankreich freute sich über gute Frequenzen an den ersten zwei Messetagen, das Digel-Team habe aber auch schon im Vorhinein fast 650 Termine gemacht.
Die Zielgruppe ist eine Thematik mit der sich auch die französische Brand American Vintage auseinandersetzt, da die Vintage-orientierten Looks manchmal für ihre Handelspartner:innen und potenzielle Kund:innen „zu oversized“ ist, berichtet Markus Dambacher, der das Wholesale-Geschäft der Menswear in Deutschland – dem zweitstärksten Markt nach Frankreich – mit einem Showroom in Düsseldorf betreut. Herrenmode macht bei der Marke allerdings nur 20 Prozent des Volumens aus.
Selbst Olymp erweiterte für die kommende Order sein Sortiment um Hosen, die bislang nur im Direktvertrieb erhältlich waren. Neu dabei war zudem das klassische Hemd ‘Cover Shirt‘, das der deutsche Hemden-Spezialist nach der Übernahme des direkten Konkurrenten Eterna aufgenommen hat. Eterna selbst war dieses Mal nicht auf der Messe vertreten, da die Marke aktuell neu ausgerichtet wird.
Am Stand von Olymp war bereits am Eröffnungstag viel los und auch am zweiten Tag blieb die Frequenz stark. Um seinen Partner:innen in der kommenden Order entgegenzukommen, bietet das Unternehmen ihnen künftig ein neues Vertriebssystem an, so Dennis Hierl, Head of Sales Western Europe. Dieses beinhaltet vier Module in zwei Größen – zehn und 20 Produkte – die sich thematisch in Kategorien wie Business oder Freizeit unterscheiden und durch einen besonderen Artikel neue Impulse setzen sollen.
Zurückhaltendere Kollektionen setzen auf Haptik und Details
Bei den Materialien bleiben Leinen ein wichtiger Bestandteil für den Sommer, wie Digel – zum Beispiel bei einem Anzug mit Bermudashorts –, Olymp und Anerkjendt bestätigen. Die dänische Marke wächst aktuell weiter und verbucht durchschnittlich ein Jahresplus von 35 bis 40 Prozent, so Brand Manager Jesper Møller Christiansen. Besonders im französischen Markt sei die Marke derzeit stark vertreten. Als Vorteil, um sich von anderen skandinavischen Marken abzugrenzen, nannte er die Präsenz von viel Farbe in der Kollektion. Zu sehen waren ein kräftiges Gelb, verschiedene Blautöne und auch ein rostiges Rot.
Auch wenn die Farbpalette der SS27-Kollektionen mit dominanten Erdtönen eher zurückhaltend war, tauchten verschiedene Rottöne als Farbtupfer immer wieder auf. Die dänische Streetwear-Marke Woodbird setzte dies mit Lachs um, die deutschen Bekleidungsanbieter Seidensticker und Dressler mit Bordeaux, die italenische Casualwear-Marke Paul & Shark mit einem rostigen Rot und Mackintosh mit einem leuchtenden Rot. Der in Schottland gegründete Jacken-Spezialist integrierte auch ein seichtes Grün in seine Kollektion, während die italienische Luxusmarke Stefano Ricci eine Jacke in strahlendem Grün und Premiata eine olivgrüne Workwear-Weste präsentierte.
Mit einer solchen Cargo-Weste war die italienische Marke nicht alleine. Auch Prohibited und die US-Marke Woolrich boten eine lässige Variante für den nächsten Angeltrip. Passend dazu zeigten Work- und Outerwear-orientierte Brands wie Refrigiwear, Universal Overall und Dickies ihre meist farbenfrohe Interpretation des klassischen Tarnmusters.
Für das Hydration-Essential bei den heißen Temperaturen über 30 Grad Celsius in der Toskana sorgten direkt mehrere Marken. Dazu gehörten die eigene Flaschen-Taschen bei der koreanischen Streetwear-Marke Ajobyajo und der New Yorker Outerwear-Brand Refrigiwear sowie die Picknick-Weste mit Platz für Wein, Baguette und Gläser beim Amsterdam Wäsche- und Leisurewear-Spezialisten Pockies.
Im Bereich der Accessoires sind große Weekender- und Shopping-Bags in der Menswear diese Saison kaum wegzudenken. Diese waren unter anderem beim Jeansexperten Guess, Woolrich und bei Bugatti zu sehen. Der deutsche Bekleidungsanbieter integrierte sie in eine Kollaboration mit einem Beach-Resort im italienischen Forte dei Marmi, wo am Mittwochabend die Kollektion – zusätzlich zur Präsenz auf der Messe – gefeiert wurde.
Teil der Bugatti-Kollektion war auch ein lässiges Hemd mit braun-beigem Tartanmuster und floralen Bestickungen. Insgesamt scheinen Freizeithemden und Poloshirts bei den Menswear-Marken für SS27 eine gewisse Haptik haben zu müssen. Die dänische Marke Gabba zeigte einen luftigen, groben Strick – ebenfalls mit floralem Muster, die Kopenhagener Streetwear-Marke zeigte ein Häkelmuster mit bunten Quadraten und Paul&Shark setzte auf einen Noppen-Stich.
Gastdesigner:innen und Special Projects ziehen Blick auf sich
Modische Akzente wurden derweil vor allem bei dem vom Messeveranstalter Pitti Imagine kuratierten Programm aus Modenschauen und Special Projects gesetzt. Die kollaborative Marke des internationalen Modehändlers Dover Street Market, der experimentelle zeitgenössische Marken wie Rick Owens, Junya Watanabe und Comme des Garçons (CDG) führt, stellte seine erste Zusammenarbeit mit Kei Ninomiy vor. Der Designer aus dem CDG-Universum ließ sich von verschiedenen Punk-Epochen inspirieren, während die Gastdesignerin Simone Rocha mit einer Kombination aus Tailoring, Work- und Outerwear zeitgenössische Männlichkeit hinterfragte. Außerdem sorgte auch das koreanische Label JiyongKim für Begeisterung, das sich mit einer Ausstellung auf dem Messegelände die natürliche Färbung durch Sonnenlicht ins Spotlight stellte.
Der britische Designer William Palmer, der sein gleichnamiges Label erst im vergangenen Jahr nach seinem Abschluss an der Londoner Modeschule Central Saint Martins gründete, zeigte als Gewinner des I:C Pitti Immagine Awards 2026 ebenfalls seine aktuelle Kollektion in Florenz. Der Messestand war wie eine Londoner Bushaltestelle aufgebaut, an der die Mannequins „warteten“. Palmer beschäftigt sich in seiner Kollektion mit verschiedenen britischen Archetypen wie dem Geschäftsmann und interpretiert diese mit einem zeitgenössischen Ansatz mit voluminösen Silhouetten und verspielten Details.
Trotz rückläufiger Besuchendenzahlen: neuer Messechef zieht positives Fazit
Die aktuelle Ausgabe der Pitti Uomo soll laut ersten Hochrechnungen an allen vier Tagen 11.000 Buyer begrüßt haben und damit drei Prozent weniger als vor einem Jahr, teilte der Messeveranstalter am Donnerstag mit. Insgesamt waren es mehr als 15.000 Besuchende aus mehr als 90 Ländern vor Ort, darunter aus Spanien, Großbritannien, den Niederlande, Japan, Frankreich und China.
Der neue Pitti-CEO Ivano Cauli, der seine erste Herrenmesse in dieser Position erlebte, verzeichnete am vorletzten Messetag starke Zuwächse aus Deutschland, den USA, Hongkong und Kanada, während einige traditionelle europäische Märkte sowie weit entfernte Länder wie Australien – mutmaßlich aufgrund gestiegener Reisekosten – schwächelten. Eine abschließende Bilanz wolle er nach Messeschluss am Freitag ziehen. Schon jetzt aber sei er zuversichtlich.
„Es geht nicht nur um Zahlen, denn die Atmosphäre in diesen Tagen ist von Anfang an wirklich positiv“, so Cauli weiter. „Der Hauptverdienst gebührt den über 740 Ausstellenden, die an die Messe geglaubt und in sie investiert haben, ihren Kollektionen, die hohe handwerkliche Fertigung ausdrücken und stets offen für Experimente sind, die zeitgenössisches Gespür mit funktionalen Elementen in den verschiedenen Stilen der Herrenmode vereinen.“