Première Vision Paris: Die Materialtrends für Herbst/Winter 2027/2028
Für die Expert:innen der Messe Première Vision besteht die Neuheit für Herbst/Winter 2027/2028 nicht zwangsläufig darin, neue Materialien zu erfinden, sondern wieder Farbe und Ausdruck in die Garderobe zu bringen, klassische Stoffe mit Technologie zu versehen und traditionelles Know-how neu zu interpretieren.
Für diese Ausgabe, die vom 1. bis 3. September 2026 in Paris Nord Villepinte stattfindet, hat die Première Vision Paris ihr Kompetenzfeld auf den Bereich Beauty erweitert, unter anderem durch die Annäherung an das Kosmetikcluster Cosmetic Valley.
Diese Öffnung für neue kreative Welten lenkt die Messe jedoch nicht von ihrem Kerngeschäft ab, dem Material. Ganz im Gegenteil. Genau diese textile Expertise hat FashionUnited erkundet und ist die angekündigten Trends für Herbst/Winter 2027/2028 durchgegangen.
Violett setzt sich durch, Neutraltöne werden nuancierter
Im Zukunftsforum der Première Vision Paris gibt die Farbe sofort den Ton für Herbst/Winter 2027/2028 an, mit tiefem Violett, Pflaumentönen, Altrosa, Mauve und farbigen Falsch-Schwarztönen, im Messejargon „faux noirs“.
Violett ist eine der starken Botschaften. Es wird in Hell-Dunkel-Kontrasten verarbeitet und mit kalten, gelben Lichttönen konfrontiert. Die Palette ist von der klassischen Malerei inspiriert.
Ein interessantes Phänomen ist jedoch weitreichender. Neutraltöne sind nicht mehr wirklich neutral. Grau wird zu Graublau, Khaki tendiert zu Taupe, Grün oder Kupfer. Marineblau kann ins Türkis oder ins Violette spielen. Pflaume und sehr dunkles Rot entwickeln sich zu Alternativen für Schwarz. Ariane Bigot, stellvertretende Modedirektorin, spricht im Gespräch mit FashionUnited von einer „kontrollierten Kühnheit“.
Das zweite interessante Signal ist, dass Rosa und Mauve ihre geschlechtsspezifische Zuordnung verlieren und in die Herrengarderobe Einzug halten. Première Vision sieht darin einen grundlegenden Trend. Farbtöne, die früher stark mit der Damenmode assoziiert wurden, werden universeller. Sie finden sich nun sogar in Kollektionen für Männer wieder, auch in jugendlicheren Segmenten wie dem Sweatshirt.
Satin, Samt und doppellagige Wollstoffe – Know-how neu interpretiert
Die Trends der Première Vision stehen vor Messebeginn nicht fest. Erste Richtungen werden vorab erarbeitet und an die Aussteller:innen weitergegeben, bevor sie mit deren Vorschlägen abgeglichen werden. Für Herbst/Winter 2027/2028 erwies sich das Angebot als seidiger und stärker von Abendmode-Codes geprägt, als die Teams erwartet hatten.
Satin, Pannesamt und Wollmischungen verweisen auf die traditionellen Symbole eleganter Kleidung und Abendgarderobe.
Ein konkretes Beispiel ist das Wiederaufkommen trennbarer Doubleface-Wollstoffe. Diese hochwertige Webtechnik ermöglicht unsichtbare Nahtabschlüsse und die Herstellung von Wendekleidung. Traditionell wurde sie für luxuriöse Mäntel verwendet und kehrt nun in vielfältigeren Qualitäten und Gewichten zurück.
Diese Wiederentdeckung wird auch durch die Weiterentwicklung von Werkzeugen und Garnen ermöglicht. „Neu ist nicht unbedingt das, was gerade erst entstanden ist, sondern auch das, was wir wiederentdecken“, erklärt Bigot. „Es wird nicht mit den Maschinen von vor hundert Jahren hergestellt, sondern mit neuen Garnen und neuen Maschinen neu angepasst.“
Die Zeitreise führt auch über das kulturelle Erbe. Wandteppiche, Jacquards und nomadische Einflüsse bilden ein Repertoire, in dem sich historische und geografische Bezüge kreuzen.
Technische Tuchstoffe und wärmeregulierende Wolle im Dienste des Komforts
Technologie muss nicht mehr zwangsläufig eine Sportswear- oder Technik-Ästhetik aufweisen und tritt visuell in den Hintergrund. Die Leistung wird nicht mehr unbedingt zur Schau gestellt, sondern verbirgt sich im Material.
So zeigt Première Vision in ihrem Zukunftsforum Tuchstoffe für Citywear mit wasserdichten, atmungsaktiven oder winddichten Membranen, dazu Dreilagen-Laminate und Bi-Stretch-Qualitäten.
Eine Jacke kann also wie ein klassischer Anzug aussehen und gleichzeitig die Leistungsfähigkeit technischer Kleidung bieten.
Die Suche nach Wärmeregulierung rückt auch die natürlichen Eigenschaften der Wolle wieder in den Vordergrund. Dank langer, feiner Fasern, ultradünner Garne und sehr feiner Maschenweiten gewinnt sie an Leichtigkeit und Weichheit. Ihr Griff nähert sich dem von Seide oder Baumwolle an. Ihre isolierenden Eigenschaften ermöglichen es vor allem, den Wunsch nach thermischem Komfort zu erfüllen, ohne systematisch auf synthetische Fasern zurückgreifen zu müssen.
„Die Zukunft bedeutet auch, sich von vollsynthetischen Materialien und Lösungen zu befreien, die hauptsächlich aus der Petrochemie stammen“, bemerkt die Modeexpertin.
Das Streben nach Komfort ist auch eine Antwort auf eine strukturelle Entwicklung des Marktes. Première Vision verweist auf die Alterung eines Teils der Bevölkerung. Diese Zielgruppe dürfte vermehrt nach Weichheit, Flexibilität und einfacher Handhabung suchen, ohne dabei auf Eleganz verzichten zu wollen.
Das Material wird wieder taktil, ausdrucksstark und von der belebten Natur inspiriert
Die Natur drückt sich auf eine viel sichtbarere und taktilere Weise aus. Moosartige Strukturen, Wollfrottee, gebürstete Wollstoffe, üppige Oberflächen und Pelzeffekte verleihen den Stoffen Relief und erinnern unmittelbar an belebte Natur.
Doch diese Natur ist keineswegs ungezähmt. Die bewusst rauen Aspekte bewahren ihre Geschmeidigkeit und Weichheit, während die Texturen manchmal fantasievoller werden. Die Natur wird hier weniger durch Muster als durch Haptik, Volumen und das Material selbst erlebbar gemacht.
Première Vision stellt fest, dass Alternativen zu Leder und Tierhäuten weiterhin erforscht werden. Dazu gehören biobasierte Polymere, ein reduzierter Anteil an Synthetik und Polyurethan (PU), Hanf, Wolle und gebürstetes Alpaka. Gleichzeitig räumt die Messe ein, dass deren Marktanteil eine Nische bleibe. Zwischen ihrer tatsächlichen Marktbedeutung und der um sie herum betriebenen Kommunikation bestehe eine erhebliche Diskrepanz.
Über die von ihren Teams ausgewählten Materialien hinaus konfrontiert Première Vision ihre Prognosen auch mit anderen kreativen Perspektiven. Zwölf Silhouetten von Studierenden der Brüsseler Modeschule La Cambre Mode[s] treten in einen Dialog mit den Trends für Herbst/Winter 2027/2028. Gleichzeitig präsentieren Alexis Mabille und Victor Clavelly jeweils ihre eigene Materialauswahl.
Auf diese Weise wird die Interpretation der Saison erweitert, indem die textile Vorausschau mit denjenigen konfrontiert wird, die sie umsetzen werden.
Die nächste Ausgabe findet vom 26. bis 28. Januar 2027 in Paris Nord Villepinte statt und zeigt die Kollektionen für Frühjahr/Sommer 2028.