Schwerpunkt Menswear und Denim: Neue Konzepte bereichern die Berliner Messelandschaft

Nach dem Aus der Bread & Butter war die Bedeutung Berlins als internationaler Modemessenstandort vielerorts infrage gestellt worden. Inzwischen ist klar: Die Zweifel waren gänzlich unberechtigt. In den Bereichen Denim und Menswear haben andere Veranstaltungen das Vakuum in kürzester Zeit mit überzeugenden Konzepten gefüllt.

Männerkollektionen gab es auf den Berliner Modemessen natürlich immer schon in fast unüberschaubarer Fülle. Allerdings standen sie nicht im Vordergrund. Auf den großen etablierten Messen, etwa der Premium oder der Panorama, blieben sie meist ein wenig im Schatten der Damenmode. Nur in ein paar sorgfältig gepflegten Nischen war Menswear die Hauptattraktion.

Das hat sich in diesem Jahr fundamental geändert. Im Januar gab die Seek, in der es immer schon vornehmlich um Männermode gegangen war, ihr Nischendasein als kleine Schwestermesse der Premium auf und wurde mit dem Umzug in die riesige Halle der Treptower Arena – und einem entsprechenden Zuwachs an Ausstellern - zu einer der Hauptattraktionen der Berliner Modewoche. In der Sommersaison spielte Menswear nun mit dem räumlichen Zusammenschluss von Seek und Bright sowie der Premiere der Spartenmesse Selvedge Run eine noch wichtigere Rolle – und die soll künftig weiter wachsen.

Ein eigenes Profil hat Berlin im Männermodebereich schon gefunden. Bereiche, die in anderen Modemetropolen als Königsdisziplinen gelten, sind hier seit jeher kaum präsent: Weder traditionelle Anzüge noch künstlerische Avantgarde bestimmen das Bild – vielmehr geht es in erster Linie um das weite Feld der progressiven Freizeitmode, also um Themen wie Denim, Sportswear oder Heritage und Labels, die in diesen Segmenten entweder traditionell beheimatet sind oder sich kreativ auf sie beziehen.

Seek und Bright profitieren vom gemeinsamen Veranstaltungsort

Solche Marken waren in Berlin schon länger vertreten: Zu finden waren sie bereits auf der kleinen Seek, als sie noch im Kühlhaus neben der großen Schwester Premium stattfand, zeitweise auf der Capsule, die der Hauptstadt nach wenigen Saisons wieder den Rücken kehrte – und vor allem auf der Bread & Butter. Die präsentierte zu ihren Glanzzeiten alle international renommierten Jeansfirmen und auch Sportswear-Weltmarken wie Adidas, in deren Repertoire Männermode eine wichtige Rolle spielt. Aber Messechef Karl-Heinz Müller richtete auch hochwertigen, exklusiven Denim- und Menswearmarken eigene Refugien auf der seinerzeit gigantischen Messe ein, etwa den Bereich LOCK oder die auf kleine, handwerklich orientierte Labels spezialisierte Area Fire Dept. Dort stellten viele Firmen aus, deren Produkte er auch in seinen 14oz-Läden verkaufte.

Mit der Implosion der Bread & Butter, die im vergangenen Winter Insolvenz anmelden musste, verloren diese von vielen Einkäufern geschätzten Marken ihre angestammte Heimat in Berlin. Allerdings blieben die meisten der Hauptstadt treu. Einige der großen kommerziellen Firmen präsentierten sich nun etwa auf der Panorama, anspruchsvollere Labels wechselten vor allem zur Seek, die mit ihrem Umzug in die Arena die entsprechenden Flächen bieten konnte. So zeigen dort neben den langjährigen Ausstellern inzwischen auch Marken wie Ben Sherman, Nudie Jeans oder Fred Perry.

Die Seek bekam durch die Expansion einen anderen Charakter – von der kleinen, liebevoll kuratierten Spartenveranstaltung wurde sie zur veritablen Großmesse für Männermode mit zuletzt 280 Ausstellern. Trotzdem schaffte sie es, ihr Niveau und die besondere, fast familiäre Atmosphäre weitgehend zu bewahren. Das Fachpublikum honorierte das. Schon das Debüt im neuen Format war im Winter ein Riesenerfolg, in der vergangenen Woche konnten die Besucherzahlen noch einmal um fünf Prozent gesteigert werden. „Gute Laune und gute Geschäfte – das Feedback ist überwältigend“, fasste Sales Director Maren Wiebus die jüngste Auflage zusammen. Mit den drei Messetagen war sie „mehr als zufrieden“.

Zum Erfolg der Seek trug in dieser Saison nicht nur die größere Ausstellerzahl, sondern auch ein neuer Nachbar bei: Vom Kaufhaus Jandorf in Mitte war die Skate- und Streetwearmesse Bright in den Hallenkomplex der Arena gezogen, sie bespielte erstmals das Glashaus direkt neben der Seek. Beide Veranstaltungen teilten sich einen gemeinsamen Innenhof – und zahlreiche Besucher. So freuten sich namentlich die Macher der Bright über größere Flächen, die Raum für rund 300 Aussteller boten, deutlich gestiegene Besucherzahlen und die „Synergien“ mit der Seek. Tatsächlich ergänzen sich beide Messen mit ihren Sortimenten. Gerade für progressive Concept Stores, die authentische Sportswear mit Denim- und Designerlabels kombinieren wollen, ist das Messedoppel ausnehmend attraktiv.

Dass beide Veranstaltungen einander auch weiterhin verbunden bleiben werden, ist mittlerweile auch institutionell gesichert. Am letzten Veranstaltungstag wurde bekannt, dass die Messegesellschaft Premium Exhibitions, der die Seek gehört, auch die Bright übernommen hat. Ziel sei es, durch die Kombination beider Messen einen „neuen Hub für Street- und Urbanwear sowie progressive Menswear“ in Berlin zu schaffen, teilten die Veranstalter mit. Die durch das Ende der Bread & Butter, die in der vergangenen Woche in einer arg geschrumpften Version ihre Abschiedsvorstellung gab, entstandene Lücke ist also geschlossen. Seek und Bright sollen dabei ihre eigenen Identitäten behalten. So werden die beiden Bright-Gründer Marco Aslim und Thomas Martini auch nach der Übernahme „langfristig als Geschäftsführer und kreative Köpfe“ die Geschicke der Messe lenken. „Wir werden unseren Fokus weiterhin auf die Segmente Streetwear, Skateboarding, Boardsports und Sneakers setzen“, erklärte Martini.

Schwerpunkt Menswear und Denim: Neue Konzepte bereichern die Berliner Messelandschaft

Mit dem Wachstum der Seek ergab sich aber das Bedürfnis nach einer neuen Nische für exklusivere Anbieter: Die öffnete sich in Gestalt der neuen Messe Selvedge Run, die in der vergangenen Woche ihre Premiere feierte. In den Reinbeckhallen in Oberschöneweide präsentierten sich fünfzig Menswear- und Accessoiresmarken, die besonderen Wert auf Tradition und Handwerkskunst legen. Wie der Name verrät, stand dabei Denim im Mittelpunkt.

Nach ihrer erfolgreichen Premiere zieht die Selvedge Run in größere und zentralere Räumlichkeiten

Der abgelegene Ort sorgte dafür, dass die Messe anders als Seek und Bright nicht wirklich überlaufen war. Aber viele Aussteller waren trotzdem zufrieden. Denn hierher kamen die wirklich spezialisierten Einkäufer, denen es sichtbar Freude bereitete, ausführlich über die Herkunft der Baumwolle, die Produktion der Stoffe und die Details der handwerklichen Endverarbeitung einer Luxusjeans zu diskutieren. „Hier waren die richtigen Kunden für uns“, sagt etwa Frank Jørgensen, Sales Manager beim norwegischen Denimspezialisten Livid Jeans. Seine Firma nutzte die neuen Möglichkeiten, die sich in Berlin boten. Mit ihrer gesamten Kollektion war sie auf der Seek vertreten, auf der Selvedge Run stellte sie nur ihre exklusive „Made in Norway“-Linie vor, die sich gezielt an echte Jeans-Liebhaber wendet und Maßanfertigungen anbietet. Nach Berlin kommen die Norweger keineswegs nur wegen des deutschen Marktes. Hier würden sie Buyer aus ganz Europa treffen, so Jørgensen. Auch ein populäres Label wie Nudie hat sich ähnlich aufgestellt: Die volle Kollektion zeigen die Schweden auf der Seek, mit einer aufwändigeren Nebenlinie wollen sie auf der Selvedge Run Spezialisten ansprechen.

Wie einst die entsprechenden Bereiche auf der Bread & Butter, die von den 14oz-Stores inspiriert wurden, hat auch die Selvedge Run ihre Wurzeln im Berliner Einzelhandel. Die Macher des Menswearladens Burg & Schild, der seit Jahren auf Denim- und Heritagemarken spezialisiert ist, haben die Messe ins Leben gerufen. Im kommenden Winter soll die Nische, die sie erfolgreich geschaffen haben, wachsen: Dann zieht die Selvedge Run vom abgelegenen Oberschöneweide in die größeren, zentraler gelegenen Räumlichkeiten der Kulturbrauerei im Stadtteil Prenzlauer Berg.

So hat das Ende der Bread & Butter als ernsthafte Modemesse durchaus Vorteile für den Standort Berlin: Hier könnte sich nun ein wirklich einzigartiges – und nachhaltiges - Zentrum von europäischer Bedeutung für bestimmte Menswear-Segmente und Denim entwickeln, weil die neuen Konzepte die gewandelten Bedürfnisse des Handels erfüllen – und nicht nur, weil sie die beste Party versprechen.

 

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