Als die Mode den Feminismus entdeckte, hat sie ihm da die Kraft genommen?

Müssen wir Chimamanda Ngozi Adichies Essay "We Should All Be Feminists" lesen? Wenn wir diese Worte auf einem T-Shirt von den Pariser Laufstegen tragen, vermittelt das nicht automatisch, zusammen mit unserem unbestreitbaren Sinn für Stil, unser Bewusstsein für ihre Schriften? Und wenn wir keine 700 Dollar für dieses Dior T-Shirt haben, können wir bei H&M oder Forever 21 eine beliebige Anzahl von Fast Fashion Versionen finden und sogar ein Paar billige funkelnde Ohrringe mit dem Wort Feminist an Ketten dazu kombinieren, nur um die Aussage auf ironische Weise zu maximieren, wie es Millennials nunmal gerne tun?

Wir trocknen unsere Teller an Geschirrtüchern ab, die unsere Tischgäste fragen: "Ich bin ein Mädchen, was ist deine Superkraft?" und drücken unsere Loyalität gegenüber Frauen aus, indem wir in einem "Notorious RBG"-Sweatshirt brunchen gehen. Damit beweisen wir unser kulturelles Kapital, weil wir die Referenzen kapieren: einerseits der verstorbene Gangster-Rapper und andererseits die Leading Lady am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, Ruth Bader Ginsburg - schlau, nicht? Dann posten wir ein Selfie von uns, wie wir unsere Lieblings-Jutetasche mit "The Future Is Female"-Print zum Wochenmarkt tragen, bevor wir von den Bildern der Viktor & Rolf Haute Couture-Show in unserem Instagram-Feed überrascht werden. Darin sind die schönsten Tüllkleider zu sehen, so wie sich jede Disney-Prinzessin eines wünscht, und sie werden geziert von Girl-Power-Phrasen wie "Get Mean" bis "I'm Not Shy, I Don't Like You."

Als die Mode den Feminismus entdeckte, hat sie ihm da die Kraft genommen?

Wir haben vielleicht von “Rainbow-Washing” gehört, besonders um die jährlichen Pride-Feiern im Juni herum, bei denen Unternehmen Symbole und Slogans aus der LGBTQ+-Community kooptieren und auf T-Shirts knallen, ohne jemals der Community konkrete Hilfe angeboten zu haben; oder vom sogenannten “Greenwashing”, wenn sich Marken mit umweltfreundlicher Terminologie tarnen, ohne jemals viel für die Umwelt getan zu haben, jetzt haben wir also auch noch “Fem-Washing”. Wir treiben in einem Meer von Schwesternschafts-Heuchelei, die so tut, als könne frau Gleichberechtigung als Ware erwerben.

Feminismus als Trend

Erinnern Sie sich, als der Begriff "feministisch" für wütende, männerhassende Emanzen mit Achselbehaarung benutzt wurde, mit denen keine andere Frau und schon gar kein Mann etwas zu tun haben wollte? Jetzt ist der Feminismus plötzlich schön, glamourös und teuer, vielleicht auch cool, rebellisch und patriotisch. Egal wie, jeder will mitmachen, aber ist das eine gute Sache?

Von den CEOs, die die Unternehmen der Fortune 500-Liste 2018 leiten, sind nur 24 Frauen - was unter der Zahl von 32 weiblichen CEOs im Jahr 2017 liegt. Und nach jüngsten Berichten des Wall Street Journal werden Frauen immer noch schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen und die Aufsichtsräte sind meist ohne weibliche Mitglieder. In der Mode- und Luxusbekleidungsindustrie deuten eine Reihe von Neueinstellungen darauf hin, dass es einen Versuch gibt, ein Gleichgewicht herzustellen, wobei Frauen Führungspositionen bei Kohls, Reebok, Nike und Bergdorf Goodman übernehmen.

Das Tragen von feministischen Waren trägt dazu bei, uns ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln, es ist ein Kleidungsstück, das uns zu erkennen gibt, als Kämpferinnen für eine bessere Welt - und als Verbraucherinnen. Wir reklamieren derzeit Wörter wie "Bitch" und "Slut", werfen sie in unseren feministischen Mixer mit Bezeichnungen wie "Heldin" und "Kriegerin" aus Hollywood-Filmen und der Schönheitsindustrie. Wer holt sich jetzt die Macht zurück, Patriarchat?

Aber was ist, wenn uns das alles nur dazu bringt, uns selbstgefällig zurückzulehnen, uns selbstzufrieden zu machen, uns nicht aufzuwecken, sondern einzulullen? Mit der simplen Banalität und dem Überfluss an feministischem Merchandise könnten wir uns täuschen lassen und das Gefühl bekommen, dass wir, da es so viele von uns zu geben scheint, jetzt doch schon alles erreicht hätten.

Als die Mode den Feminismus entdeckte, hat sie ihm da die Kraft genommen?

Aber die Frage ist, nutzen wir unsere Stimmen, um unsere Rechte einzufordern - laut, öffentlich und oft - oder lassen wir nur unsere T-Shirts sprechen? Hoffen wir, dass eine prägnante Phrase, die über unseren Taschen prangt, ausreicht, um zu verhindern, dass jemand unsere Rechte mit Füßen tritt, und scheuen die unbequemen Konfrontationen? Sind unsere Worte nur ein weiteres Beispiel für das oft zitierte Anspruchsdenken der Millennials: Ich konsumiere, also bin ich? Gloria Steinem erhielt nicht die Medaille der Freiheit des Präsidenten, nur weil sie in den letzten fünf Jahrzehnten Slogans trug.

Femwashing ist ein Marketing-Trick

Ausbeutung für den Profit ist kein Verbündeter in diesem Kampf. Unternehmenslenker, die ihr Marketing-Budget hinter eine dem Zeitgeist verpflichtete Bewegung setzen, sind nichts Neues oder besonders Überraschendes und es kann daher immer sein, dass nur das oberste Prozent davon profitiert. Das Tragen der Merchandise-Produkte mit feministischem Slogans drückt passive Loyalität aus, aber Aktivismus kommt von der aktiven Teilnahme am Kampf um Veränderungen.

So lässt es sich absolut argumentieren - man muss nur einen Blick auf die Statistiken über den Gender Pay Gap und Berichte über die gläserne Decke lesen - dass wir dazu zurückkehren müssen, die Wut früherer Generationen zu spüren, und aufhören, uns von niedlichen T-Shirts ablenken zu lassen. Denn trotz Fortschritten wie der Rekordzahl von Frauen im November, die in das amerikanische Repräsentantenhaus gewählt wurden, geschieht der Wandel nicht schnell genug und ist vielleicht nicht von langer Dauer.

Als die Mode den Feminismus entdeckte, hat sie ihm da die Kraft genommen?

Was kommt als nächstes für modische Feministinnen?

Deshalb müssen wir nicht aufhören, unseren Feminismus stolz auf der Brust (oder wo wir wollen) zu tragen. Wir sollten uns aber fragen, ob wir unser Geld H&M, Forever 21 oder einen anderen großen globalen Einzelhändler übergeben und was es dort wirklich hilft? Fast Fashion hat bestenfalls eine unangenehme Geschichte in Bezug auf die Rechte seiner BekleidungsarbeiterInnen, die überwiegend Frauen sind. Sie werden tyrannisiert, unterbezahlt und leben in Gemeinden, in denen das Trinkwasser durch industrielles Färben und Waschen verunreinigt ist. Eine Alternative könnte die Unterstützung von gemeinnützigen Bekleidungsunternehmen sein, die die Rechte der Frauen in den Mittelpunkt stellen, was dazu beitragen kann, die Diskussion voranzutreiben, Gleichstellungsmaßnahmen zu finanzieren und gleichzeitig unseren Wunsch nach hübschen Dingen zu stillen. Oder wir könnten stattdessen an Frauenzentren in unserer Nachbarschaft spenden, Einzelhändler mit weiblichen Vorstandsmitgliedern bevorzugen, unseren eigenen Fem-Merch herstellen, Bio-Baumwollfarmerinnen unterstützen, oder Geld an weibliche Politiker spenden, die sich bereits für 2020 warmlaufen...

Wenn unsere Tasche die Wahrheit sagt und die Zukunft weiblich ist, müssen wir es so machen. Wenn es uns nicht wichtig genug ist, um zu untersuchen, woher unser Hoodie mit dem Slogan "Smash The Patriarchy!" kommt, zementieren wir vielleicht sogar den Status quo und lassen unsere Schwestern im Stich.

Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mallon lehrt Mode in New York und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Fotos: CatwalkPictures; Viktor & Rolf Haute Couture 19, Christian Dior ss 2017; Wikimedia Commons Gloria Steinem speaking with supporters at the Women Together Arizona Summit at Carpenters Local Union in Phoenix, Arizona by Gage Skidmore;artwork הגר.עופרי.אור September 11, 2016

 

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