Alter auf dem Laufsteg: Die letzte Bastion

Laut Auswertung von The Fashion Spot waren die Frühjahr/Sommer-Runways 2018 ein Aushängeschild für Diversity. Die New Yorker Modewoche führt demnach die Laufstege in Sachen verschiedener Kleidergrößen, Ethnien und Gender an. Ein einziger Parameter wird stattdessen von Europa vereinnahmt: Alter. Ingesamt 21 Models über 50 Jahren liefen in New York, London, Mailand und Paris für über die Laufstege - mehr denn je. Anklagen gegen übergriffige Casting-Agenten und Gesetze gegen den Einsatz von untergewichtigen und minderjährigen Models haben in den vergangenen Jahren nicht nur aufgedeckt, wie unfair das Business seine Models behandelt, sondern auch einige Fortschritte in Sachen Behandlung und Gleichstellung gebracht. Alter scheint die letzte große Herausforderung, doch auch dort bewegt sich etwas.

Es war der ‘Summer of Céline’––Dion ist gemeint, nicht die Marke unter der kreativen Leitung von Phoebe Philo. Viele von uns erfreuen sich am Stil der 49-Jährigen und ihrer Instagram-Präsenz zur Laufsteg-Saison: Beinahe so Adrenalin-gefüllt, wie ihre Auftritte in Las Vegas. Bei Dries van Noten ist Stil jedenfalls definitiv eine Frage des Alters, denn die ‚Girls’ die er auf den Laufsteg schickte, brachten jede Menge Erfahrung und Stilgefühl mit. Das war wohl auch ihrem Alter jenseits der 50 geschuldet. Damit läutet er hoffentlich eine neue Zeitrechnung ein.

Vorsicht: Wir verstecken uns nicht

Gerade erst vergangene Woche reagierte Jane Fonda auf Kritik, sie sei zu alt für den hohen Pferdeschwanz, den sie bei den Emmys getragen hatte, indem sie nach Paris flog, um dort auf dem L’oréal-Laufsteg zu glänzen und in einem hautengen Balmain-Outfit mit Peace-Zeichen um sich zu werfen. Das Rampenlicht der L’oréal-Bühne teilte sie mit der glamourösen Helen Mirren, die in einer weit ausgestellten, maskulin anmutenden Hose und flachen Schuhen von sich überzeugte und dabei einen Gentleman-Gehstock schwang. Ihre Outfits waren auch deshalb bemerkenswert, weil von Frauen ab einem bestimmten Alter (hier: 79 und 72) oft erwartet wird, dass sie einen Unsichtbarkeitsmantel tragen.

Oma, bitte blamier’ mich nicht

Als Dozierende an einer Modeschule erinnere ich mich an eine Unterrichtsstunde, in der ich mit einer Gruppe 20-Jähriger die verschiedenen Standards der Modeindustrie hinterfragen wollte. Ohne zu zögern akzeptierten sie die Schönheit verschiedener Hautfarben-, Kleidergrößen- und nicht-binärer Geschlechter-Abbildungen, aber als ich ihnen ein Bild von Model Daphne Selfe, in ihren Mitt-70ern, zeigte, wie sie auf ihrer Seite liegt, das Kleid hochgerutscht und verführerisch in die Kamera schauend, kam die negative Reaktion prompt: „Iih, das könnte meine Großmutter sein“ und „Sie sollte sich was schämen“. Ich verließ den Unterricht in dem Glauben, dass hohes Alter auf dem Laufsteg noch in weiter Ferne läge. Was soll ich sagen, wir sind in kurzer Zeit sehr weit gekommen.

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Die Super-Supermodels

Für ihre Frühjahrsmode übernahm Donatella Versace den Stab von Dries Van Noten und lieferte den wichtigsten Fashion-Moment der Modewochen: Sie versammelte das Quintet der Supermodels aus den 90ern im Gedenken an Gianni Versace auf der Bühne. Leider zeigte sich hier die hässliche Fratze des Neids und Frauenhasses in den sozialen Medien: Kommentare zu vermuteten Schönheits-OPs, oder dem Ausbleiben dieser, wie etwa bei einem faltigen Knie, standen sofort parat. Eine mögliche Erklärung: Wir sind es nicht gewohnt, Alter auf dem Laufsteg zu sehen und nehmen deshalb an, es sei irgendwie falsch. Wir sind so darauf geschult, gutes Aussehen mit Jugend gleichzusetzen, dass es uns Mühe kostet, die einstigen, gealterten Idole als die Mütter der neuen Runway-Stars, und dennoch als schöne, reife Frauen zu akzeptieren und greifen so zu kindischen Kurzschlussreaktionen. Insbesondere dann, wenn Alter in goldenen Göttinnen-Kleidern daher kommt.

Ein halbes Jahrhundert und mehr

Mit der 56-Jährigen Julianne Moore auf dem Cover der Oktoberausgabe von InStyle, noch dazu eine Ausgabe zum Thema Beauty; der Tatsache, dass Stella Tennant die Show für Balenciaga eröffnete, in der auch Alec Wek lief, und Robin Wright Penn, die in der Front Row von Valentino strahlte, könnten diese althergebrachten Reaktionen schnell der Vergangenheit angehören. Ein Blick in die aktuelle Ausgabe der Stilbibel Love, deutet auf ein ähnliches Ziel hin. Sie zeigt Fotos von Candice Bergen (71), Laura Dern (50), Christie Brinkley (63), Brooke Shields (52), Sally Field (70), Susan Sarandon (71), Iman (62), und einer nachten Stephanie Seymour (49), deren Blick zufällig ähnlich herausfordernd ist wie der von Daphne Selfe’s damals––eine Herausforderung für andere Frauen, sie zu akzeptieren, zu feiern und der Versuchung zu widerstehen, sie abzulehnen oder noch schlimmer, sie zu beleidigen. Wir werden schließlich alle älter und es gibt kein zurück.

Als eine Gesellschaft, die authentischen Visionen von Feminität vorgesetzt bekommen will, ist Alter eine wichtige Diskussion. Wenn ein Designer diese Frauen nicht anspricht, geben sie ihr wohlverdientes Geld eben woanders aus. Endlich haben Frauen eine Stimme: die ihrer selbst verdienten Kaufkraft. Wir werden die Welt nie voll aus der Perspektive einer anderen Hautfarbe betrachten können, nie aus dem Blickwinkel eines anderen Geschlechts. Aber wir alle altern, jeder einzelne von uns. Das einzige, was daran zum alten Eisen gehört ist, der Jugend hinterherzurennen.

Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mellon unterrichtet in NYC verschiedene Modekurse und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie angesiedelt ist.

Übersetzt und bearbeitet von Barbara Russ

Fotos: Homepage image from Catwalkpictures, Versace SS18

 

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