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Berlin ist hungrig auf die Modewoche

Von Ole Spötter

30. Aug. 2021

Mode

Kraftwerk Berlin | Foto: MBFW Berlin

Anfang September will die Berlin Fashion Week wieder physisch durchstarten und sich mit neuen Projekten und einem eigenen Platz im Schauenkalender – zwischen den anderen großen Modewochen – international positionieren. Aber was erwartet die Besucher auf der Modewoche, seit die Messen nach Frankfurt gegangen sind? Das sagen Highsnobiety, die Stadt Berlin und die Mercedes-Benz-Fashion-Week.

Buntes Potpourri der Berliner Modewoche

Die Berliner Modemacher wollen vom 6. bis 12. September vor allem mit Vielfalt punkten. Bei der Mercedes-Benz-Fashion-Week (MBFW) im Kraftwerk, die in den ersten drei Tagen der Berliner Modewoche stattfindet, schicken lokale Designer aber auch internationale Gäste ihre Kollektionen auf den Laufsteg. Hier trifft der Bekleidungshändler Marc Cain auf die Fashion-Week-Neulinge Fassbender und Florentina Leitner. Für frischen Streetwear-Wind sorgt Highsnobiety mit der Upcycling-Brand Haram und dem Berliner Label GmbH, das normalerweise bei der Pariser Männermodewoche zeigt. Auch das Reference Festival bringt mit globalen Lieblingen wie 032c und Carhartt internationales Flair in die deutsche Hauptstadt. Einen Blick hinter die Kulisse bieten Designer wie Isabel Vollrath und Marco Scaiano, die in ihr Atelier einladen.

„Berlin ist eine Stadt von extrem hoher internationaler Relevanz. Die Kernkompetenz Berlins ist unserer Meinung nach aber nicht zwangsläufig eine ausgewählte kreative Nische, sondern die Summe mehrerer Teile aus Musik, Kunst, Mode, Film, Kultur et cetera”, erklärt Hendrik Jürgens, zuständig für spezielle Projekte bei dem Streetwear-Magazin Highsnobiety. „Berlin ist immer noch ein weltweit außergewöhnlicher Standort, der Großstadt und Entfaltungsmöglichkeiten ohne großen Kapitaldruck vereint. Diese Einzigartigkeit gilt es für uns herauszustellen und in die Welt zu tragen”, sagte er zu FashionUnited.

Zu dem großen Angebot der anstehenden Modewoche hat auch der Berliner Senat beigetragen, der alleine in diesem Jahr 3,5 Millionen Euro in die Modewoche investiert. „Wir fördern Mode in Berlin seit weit über zehn Jahren über ein umfassendes Maßnahmenpaket, kein anderes Bundesland hat ein vergleichbares Förderinstrumentarium”, so Pop. Gefördert werden beispielsweise Weiterbildung, Coaching, Nachhaltigkeit oder Präsentationen ausgewählter Modelabels auf der Fashion Week in Berlin und in Paris.

Auch Highsnobietys Event “Berlin, Berlin” profitiert davon: Die Stadt Berlin habe zuletzt “große Initiative” gezeigt, innovative Projekte zu fördern, die sich größtenteils an alle Interessierten richten, so Jürgens. „Berlin, Berlin ist ein Produkt dieser hervorragenden Zusammenarbeit zwischen Standort und relevanten Vertretern unserer Stadt.”

Highsnobiety: “Berlin, Berlin” wird auf eine Woche verlängert

Mit der zweiten Ausgabe von “Berlin, Berlin” will das Streetwear-Magazin Highsnobiety verschiedenste Berliner Kreative in Szene setzen, und diese mit seinem Publikum weltweit "konfrontieren", erklärt der Highsnobiety-Director für spezielle Projekte. Zu den Teilnehmern zählen dieses Mal die Neue Nationalgalerie, die Keith-Haring-Foundation und der Latex- und Ledermaßschneider Butcherei Lindinger, mit denen Highsnobiety eigene Kapsel-Kollektionen entworfen hat und während der Modewoche präsentieren will.

Von der Partie sind auch das Berliner Label GmbH, der Musik-Broadcaster Hör Berlin und der US-amerikanische Fotograf und Filmemacher Matt Lambert. Alle Teilnehmer sind entweder in Berlin ansässig oder haben ihren ganz eigenen Bezug zur Stadt. Das digital-first Event soll dieses Mal – neben der AR-Ausstellung “Berlin, Augmented Berlin” – auch mit einer physischen Komponente im Headquarter in Schöneberg stattfinden. Auch neu ist die Länge der Veranstaltung, die von drei Tagen auf eine Woche, vom 6. bis 12. September, ausgeweitet wurde.

GmbH wird auch Teil des Reference Festivals sein, das vom 6. bis zum 10. September an verschiedenen Locations stattfindet, darunter der Wood-Wood-Store und das futuristische Gebäude Bierpinsel.

Mehr internationales Flair

Mehr internationale Designer sollen künftig in Berlin zeigen. Dafür will der deutsche Ableger stärker mit den anderen internationalen Mercedes Benz Fashion Weeks zusammenarbeiten. Bislang gab es jede Saison nur einen internationalen Designer, der auf der MBFW in Berlin gezeigt hat. Im Januar war es der Gewinner des Modefestivals Hyères, Tom Van Der Borght, dessen Schau digital gestreamt wurde. Schon im September werden zwei Gastdesigner präsentieren: Das spanische Label Otrura und die russische Marke Nastya Nekrasova werden eine digitale Präsentation zeigen.

Aber auch die deutschen Designer können bei den internationalen Formaten der MBFW, die auf die Berliner Ausgabe folgen, ihre Kollektion erneut präsentieren und so neue Märkte erschließen.

„Die Zielsetzung ist, dass wir alle internationalen MBFW-Formate enger und deutlicher vernetzten wollen”, sagte Nowadays-Geschäftsführer Marcus Kurz im Gespräch mit FashionUnited. Seine Agentur richtet die Mercedes Benz Fashion Week seit 2018 aus und ist bereits seit 2007 in die Planung involviert. „Wir haben es uns jetzt zur Aufgabe gemacht und bereits angestoßen einzelne MBFWs – zum Beispiel Moskau und Madrid – miteinander zu vernetzen. Und dies als Möglichkeit zu nutzen, den Designer:innen eine neue Form des Austauschens und Präsentierens sowie auch neue Marktplätze zu ermöglichen.”

Dafür haben sich die Veranstalter die internationale PR-Agentur Karla Otto ins Boot geholt, mit der Kurz schon für andere Projekte in Deutschland und Frankreich zusammenarbeitet. Karla Otto soll für eine “internationale Connection” sorgen, erklärt Kurz.

Tom Van Der Borght presented by Mercedes-Benz/ Bild: MBFW Berlin

Zurück zum Laufsteg: Berliner Designer zeigen vor Publikum

Zu den deutschen Locals, die bei der MBFW zeigen, zählen Danny Reinke, Isabel Vollrath, Kilian Kerner und Rebekka Ruétz. Diese können zu ihren Schauen – wegen der aktuellen Corona-Beschränkungen – etwa 200 statt den üblichen 700 Gästen im Kraftwerk erwarten. Dennoch gab es schnellen Zuspruch der Designer gegenüber den Veranstaltern: „Jeder war so hungrig wieder eine Show mit Präsenz und Gästen zu haben – egal wie viele. Die waren einfach happy und excited”, so Kurz. Neu dabei ist das Hamburger Label Fassbender.

Mit den Ausstellungen Fashion Open Studios, das zum zweiten Mal stattfindet, und dem Berliner Salon zeigen 60 bis 70 Kreative ihre Kreationen im Kraftwerk. „Innerhalb der MBFW in Berlin haben wir eine schöne Bandbreite von deutschen Designer:innen und internationalen Nachwuchstalenten uund fokussieren uns weiter verstärkt auf Nachhaltigkeit”, so Kurz.

Fashion Week vereint alte und neue Designer

Auch anderswo in der Hauptstadt zeigen altbekannte Gesichter ihre Designs. Marcel Ostertag feiert mit seiner SS22-Schau in der St. Elisabeth-Kirche 15-jähriges Jubiläum. Dawid Tomaszewski zeigt im Hotel SO/ Berlin Das Stue und Anja Gockel präsentiert sowohl ihre Sommer 22 als auch ihre Winter 21/22 im Hotel Adlon Kempinski. Gockel feiert in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum.

Aber nicht nur die alten Hasen sind dabei, auch die nächste Generation zeigt ihre Designs. Neo.Fashion präsentiert im ehemaligen Münzprägewerk Alte Münze Shows von 13 Hochschulen und über 80 Absolventen aus ganz Deutschland. Außerdem zeigen die “Best Graduates” als Teil der MBFW am 8. September ihre Kollektionen im Kraftwerk. Die Besten der Besten werden mit dem Neo.Fashion.Award ausgezeichnet.

Ein besonderes Highlight wird die Schau der österreichischen Nachwuchsdesignerin Florentina Leitner sein, die ihren Master an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen gemacht und Ende 2020 ihr gleichnamiges Label gegründet hat. Leitners Kollektionen sind elegant und spielerisch zugleich.

Bilder: Florentina Leitner FW21 by Tom Callemin

Auftakt des internationalen Kalenders

Seit Anfang des Jahres findet die Berlin Fashion Week ohne Messen statt. Dadurch bewegt sich die Veranstaltung nun auch freier im internationalen Fashion-Week-Kalender. Zum ersten Mal findet die Modewoche nicht parallel zur Haute-Couture-Woche, sondern im September vor der London Fashion Week statt. Marcus Kurz hofft dadurch mittelfristig mehr internationale Gäste in Berlin begrüßen zu dürfen.

„Als Kick-Off der internationalen Fashion Weeks, erhoffe ich mir einen größeren Zuspruch – dieser wird sich in dieser Saison allerdings noch durch die aktuelle Situation relativieren”, sagte der Nowadays-Chef.

Ein Plus des aktuellen Termins ist auch das Zeitfenster inmitten anderer internationaler Formate in Berlin. Die Berlin Photo Week endet kurz vor der Modewoche, die fließend in die Kunstwoche übergeht. Dadurch ist zum einen ein internationales Publikum der anderen Branchen zu Gast und zum anderen bietet die Stadt ein buntes Potpourri aus Kunst und Kultur.

„Das große Highlight ist die innovative Vielfalt der Formate, da sich die Modewoche und die Kunstmesse Berlin Art Week überschneiden. Ich freue mich besonders, dass eine Vielzahl von etablierten und neuen Events auch wieder als physische Veranstaltungen stattfinden und wir dazu nationale und internationale Gäste in der Stadt begrüßen können”, sagte Pop gegenüber FashionUnited.

Ramona Pop: „Das große Highlight ist die innovative Vielfalt der Formate”

Ein großes Portfolio der Fashion Week, das mit Events wie dem Reference Festival und Highsbnobietys “Berlin, Berlin” auch Marken wie GmbH, Wood Wood und Carhartt eine Fläche bietet, könnte auch gerade ein junges Publikum für Berlin begeistern.

Neu ist auch das Shopping- und Mode-Event Studio2retail, das vom Fashion Council Germany und dem Berliner Senat veranstaltet wird. Ein vielseitiges Programm in der ganzen Stadt bringt die Berliner Modeszene und Modeinteressierte zusammen. Dabei trifft der Sweater-Workshop der Designerin Aurelia Paumelle auf die Modenschau von Lana Müller, die “japanische Nacht” einer Installation des Labels Susumu Ai auf die Filmpremiere von Dawid Tomaszewskis Couture-Kollektion.

„Durch die vielen – zum Teil auch neuen Formate bei der MBFW – setzen wir verschiedene Schwerpunkte, womit auch unterschiedliche Interessengruppen individuell angesprochen werden”, sagte Kurz gegenüber FashionUnited. „Wir denken, dass diese Leute durch dieses breite Portfolio, das es in Berlin gibt, sagen: Das ist eine Reise wert, das gucke ich mir an, das scheint sich gerade neu zu definieren, das ist spannend.”

Wie die Modwoche sich wirklich schlägt, wird die Zukunft und das Zusammenspiel der Akteure zeigen. Jürgens ist sich sicher, dass es in die richtige Richtung geht: „Berlin ist auf dem richtigen Weg, weil es sich immer mehr auf Berlin fokussiert, was zwangsläufig zu wachsender Identität führt und den Standort differenziert.”

Das gesamte Programm der MBFW Berlin:
MBFW Berlin