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Die neue kreative Energie der New York Fashion Week

Von Jackie Mallon

20. Sept. 2021

Mode |Reportage

Bild: Backstage Puppets and Puppets SS22-Laufsteg-Show Stephanie Geddes

„Es ist eigentlich nur eine Ausrede, um all deine Freunde zusammenzubringen", sagte ein junger Bühnenbildner, der bei der Puppets-and-Puppets-Show neben mir saß. Er kommentierte mit dem Spruch die Art von Schauen der SS22-Kollektionen, die ein Gegenmittel gegen die alte “Business-as-usual”-Garde der New York Fashion Week darstellen. Für diese Designer triumphiert die Förderung einer Gemeinschaft über das Huldigen einer Berühmtheit. Spaß und Chaos ersetzen die elitäre Art und die Zickigkeit vergangener Zeiten. Die Atmosphäre bei der Show ist eine Mischung aus Pop-up, Straßenfest und improvisiertem Auftritt. Es ist wie an der Kunsthochschule, wo das begrenzte Budget für Materialien die Kreativität nicht aufhalten kann, außerdem sind es die Schulden bei Mutter Natur, die den Designern die größten Sorgen bereiten.

Die Show von Puppets and Puppets fand im Ukrainian National Home in Manhattans East Village statt, und die Schlange der sich zurechtmachenden jungen Besucher, die alle ihre Handys zückten, schlängelte sich um die Ecke und verärgerte den Besitzer des Restaurants Veselka zur Haupt-Brunchzeit.

Puppets and Puppets SS22 Laufsteg-Shwo, Bild: Dan & Corina Lecca

„Wie hat sich die Pandemie auf unsere Psyche ausgewirkt – werden wir immer noch von ihr verfolgt?", hieß es in den Erläuterungen zur Kollektion, die zwar von den wilden Zwanzigern inspiriert war, aber die Sensibilität für die Kunstwelt der Mitbegründerin des Labels, Carly Mark, beibehielt. Taillierte Silhouetten wurden nicht mit Täschen aus Perlen-Fransen, sondern mit Tragetaschen aus goldenem Weihnachtslametta kombiniert. Den Models wurden Porzellanteller auf den Hintern geklebt und ein überdimensionaler Emmentaler zierte den Kopf. Das Gefühl war ein melancholisches Fest.

Das Streetwear-Label Head of State, das von dem in Nigeria geborenen Taofeek Abijako gegründet wurde, lud den Tänzer Abu Bakar auf den Laufsteg ein, um die Damenmode der Marke mit dem Titel “Homecoming” vorzustellen. Der Designer beschreibt seine Marke als "Repräsentation der postkolonialen Jugend von heute", wobei der gesamte Erlös an unterversorgte Gemeinschaften geht.

Bild: Saint Sinter SS22 Runway ph. Serichai Traipoom

Willkommen bei der neuen Garde von New York

Dieser Sinn für Engagement, gemischt mit einem Do-it-yourself-Glamour und eine Aufwertung des Alltäglichen sind Markenzeichen der Arbeitsweise an einer Kunstschule. Sie waren gleich am Eröffnungstag der Modewoche präsent, als Saint Sinter einen Spielplatz aus gestapelten, möblierten Neon-Würfeln und aufgereihten Schaumstoff-Wolken über einen, mit Gartenstühlen und kitschigen Sofas gesäumten Laufsteg schuf. Das Ganze erinnerte an das dysfunktionale Wohnungsleben, das die New Yorker in den vergangenen achtzehn Monaten vereint hat. Die Gäste erhielten ihre Sitzplatzzuweisung und den obligatorischen Check des Impfausweises an einem ganz gewöhnlichen Ort: dem Zeitungskiosk vor der Tür.

Das typische Lockdown-Outfit ohne BH hat auch die Free-the-nipple-Bewegung vorangebracht. Die Trompe l’oeil-Brüste zierten Strickwaren bei Puppets, während überwiegend Kleider bei Private Policy und Saint Sinter zu sehen waren, die die Sicht auf die nackten Körper der Models freigaben. Die kurzen und schwungvollen Kleider auf dem Laufsteg sahen aus wie umfunktionierte Perlenvorhänge, die zum Klang von Maracas tanzten.

Bild: Private Policy SS/22 runway ph. Emilina Filippo

Bei Private Policy wuchs Grünes aus weißen Töpfen und erinnerte daran, wie wir während des Lockdowns zu Pflanzen-Eltern wurden, während die üppigen Blumensträuße, die bei Jason Wu den Laufsteg schmückten, integraler Bestandteil des Entstehungsprozesses seiner Kollektion waren. Die Blumen wurden in Stoff eingerollt, so dass sie einen Abdruck hinterließen. Wus formelle Abendgarderobe passt zwar nicht zum Stil der anderen erwähnten Kollektionen, aber er nimmt die Blumen mit nach Pratt, um den Studenten der privaten Universität einen Workshop über natürliches Färben zu geben – vielleicht ist also eine Ehrenmitgliedschaft in der Mannschaft der Kunstschule angebracht.

Die Moderedakteurin Jackie Mallon ist Mode-Dozentin und Autorin von Silk for the Feed Dogs, einem Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt.

Dieser übersetzte Beitrag erschien zuvor auf FashionUnited.uk. Übersetzung und Bearbeitung: Pia Schulz