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Die neuen "Goldenen Zwanziger": Was kommt Post-Corona auf die Mode zu?

Von Caitlyn Terra

1. März 2021

Mode |HINTERGRUND

Die einflussreichen Trendforscherinnen Christine Boland und Lidewij Edelkoort haben (unabhängig voneinander) die gleiche „Prophezeiung“ getroffen: Es stehen die neuen Goldenen Zwanziger bevor. Wie werden diese aussehen? Und was wird das für die Modeindustrie bedeuten?

Ein Blick zurück zu den letzten „Roaring Twenties“, dem Jahrzehnt der 1920er Jahre, das auch als „Jazz Age“ bezeichnet wurde. Die Welt hatte gerade den Ersten Weltkrieg beendet und die Spanische Grippe hatte weltweit mehr als 50 Millionen Tote gefordert. Zwei die Menschheit einende Erfahrungen, die dazu beitrugen, dass man das Leben wieder feiern wollte. Es kam zum (Wieder-)Aufbau einer Wirtschaft, die für Teile der Gesellschaft enormen Wohlstand brachte. Die 1920er Jahre sind vielen als eine Zeit des Glamours in Erinnerung, aber es passierte noch viel mehr. Frauen legten ihre Korsetts ab. Zum ersten Mal gab es Sportbekleidung speziell für Frauen und Jackentaschen wurden in der Damenbekleidung eingeführt. Diese Entwicklungen führten zu einer neuen Bewegungsfreiheit im eigenen Körper, die auf eine neue Bewegungsfreiheit in der Welt in Form von Autos und Fahrrädern traf.

Roaring Twenties 2.0

Zurück ins Leben im Jahr 2021: Mit diversen zugelassenen Impfstoffen und dem Start des Impfprogramms lässt sich einigermaßen zuversichtlich in die Zukunft blicken. Zwar bleibt abzuwarten, wie groß die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft sein werden, aber schon jetzt ist klar, dass es die Menschen juckt, wieder nach draußen zu gehen, zu essen, zu trinken und zu feiern. Es gibt nicht nur eine Corona-Müdigkeit, es scheint auch eine Jogginghosen-Müdigkeit zu geben. Der Sonntagsspaziergang hat sich in eine „Sehen und gesehen werden“-Tour mit Damen in ihrem besten Outfit verwandelt. So mancher, der in den Supermarkt geht, zieht sein bestes Outfit an, weil es die einzige Gelegenheit ist. Die Leute wollen mal wieder etwas Schönes anziehen, haben aber keine Anlässe.

Diesem Frust über die monatelangen weltweiten Lockdowns steht als Gegenreaktion gegenüber, dass sich die Menschen wieder schick machen werden, wenn das Wetter es zulässt, so die Trendforscherin Christine Boland in ihrem „Soulful Solutions“-Webinar für die Saison S/S 22. „Wenn wir wieder in ein Restaurant oder einen Club gehen können, können Sie damit rechnen, dass die High Heels aus dem Schrank kommen.“ Trendprognostikerin Lidewij Edelkoort sieht ebenfalls ein Revival der „Roaring Twenties“ am Horizont. „Spaß zu haben und das Leben zu feiern wird sehr wichtig werden, sobald es wieder möglich ist“, prophezeit sie in ihrer Prognose „Blank Page“. Der führende Designer Raf Simons benutzte in einem Interview mit der belgischen Zeitung 'De Morgen' ebenfalls das Bild der „Roaring Twenties“. „Wenn sich die Geschichte wiederholt, und das passiert öfter, befinden wir uns jetzt in den 1920er Jahren. Und wir alle wissen, wie die 1920er Jahre aussahen: eine Explosion von Mode, Party, Sex. Es kann sehr exzessiv werden. Es kann gefährlich explosiv sein.“ Auch die Modesuchmaschine Lyst setzt auf die „Roaring Twenties“. Nach einem Jahr der Jogginghosen und praktischen Jacken erwartet Lyst eine Rückkehr der Extravaganz und des Wagemuts in der Mode, inklusive leuchtender Farben und Verzierungen.

Fotos: Valentino SS21 (oben), Patou SS21(unten) – beide via Catwalkpictures.com

Caroline Krouwels, Direktorin der niederländischen Modemesse Modefabriek und Kreativstrategin, Unternehmerin und Trendforscherin, weist darauf hin, dass die Energie, die mit dem Verschwinden der Pandemie verbunden ist, sicherlich mit den „Roaring Twenties“, aber auch mit dem befreiten Gefühl der Sechzigerjahre assoziiert werden kann. Alles in allem wird es sich wie ein „Befreiungstag“ anfühlen, sagte Krouwels gegenüber FashionUnited. „Fakt ist, dass wir uns schick machen werden, dass wir den Moment genießen werden. Dass wir wieder das Glück erleben werden, uns wirklich für ein Meeting, eine Party, einen Abend in einem Restaurant anzuziehen. Der Effekt des Lockdowns wird auch sein, dass wir nicht mehr komplett in den „Anzug“ schlüpfen, sondern dass eine Kombination aus Bequemlichkeit und Eleganz, Komfort und Luxus mit einem androgynen und verführerischen Aspekt entstehen wird.“

„Bei Kleidung geht es darum, wer man ist, zu wem man geht, wo man ist, in welcher Jahreszeit, wie man sich fühlt, aber immer um die richtige Kombination, der Look und die persönliche Vorliebe. Mode ist eine Form der Kommunikation, ein Hinweis auf die Zeit und gibt eine Interpretation der eigenen Persönlichkeit,“ fügt Krouwels hinzu. „Ich wünsche allen ein neues Jahr, in dem wir uns behutsam wieder zeigen, uns begegnen können, das Glück erleben, uns wieder anzuziehen und in schönen Outfits den wirklichen Kontakt miteinander feiern können!“

Die neuen Goldenen Zwanziger: Was bedeutet das für die Mode?

Die von Lyst vorhergesagte Explosion von Farben und Details ist ein Spiegelbild der neuen goldenen Zwanziger. Natürlich wird das Jahrzehnt der 2020er Jahre anders aussehen als die 1920er. Nach den Vorhersagen für den Sommer 2022 zu urteilen, passt der surreale und skulpturale Trend, den Boland ausmacht, gut zur Extravaganz: schwebende, fast fließende Gegenstände, die dennoch sehr skulptural aussehen. Dazu passen auch die botanischen Farben in großen und ausgeprägten floralen Prints perfekt. Extravaganz kann natürlich vieles bedeuten: Es könnte sich auf die vielen Dekorationen beziehen, die in den 1920er Jahren zu sehen waren, aber es könnte auch eine Explosion von Farben bedeuten, die Lyst bereits vorhersagt. Diese Extravaganz, oder „kleine Freudensprünge“, wie Edelkoort sie nennt, sind eine zusätzliche Schicht auf der Basiskollektion der Marken. „Die Basiskollektion ist das, womit sie das Geld verdienen und die Puffärmel sind für das Vergnügen des Designers und des Kunden“, prognostiziert die Trendforscherin den Wandel im Modesystem.

Fotos: Dolce Gabbana SS21 (oben), Lanvin SS21 (unten), beide via Catwalkpictures.com

Denn wie bereits skizziert, standen die 1920er Jahre auch für eine neue Freiheit und mehr Komfort. Im Jahr 2021 kann man das Korsett nicht mehr abstreifen, aber die Skinny-Jeans sehr wohl. Was bedeutet diese Sehnsucht nach Bequemlichkeit, die wir alle im Jahr 2020 erlebt haben? Wie wird sich das auf die Mode der 2020er Jahre auswirken?

Roaring Twenties oder Übergangszwanziger

In einem Telefongespräch mit FashionUnited geht Boland näher auf die Vorhersage der neuen Roaring Twenties ein und macht verschiedene Anmerkungen. „Es sind mehrere Dinge gleichzeitig im Gange. Ja, die Menschen haben das Bedürfnis, sich wieder herauszuputzen und sie haben ein Bedürfnis nach Extravaganz, aber es gibt auch Menschen, die sehr ängstlich sind und sich in Sachen kleiden werden, die sie schützen.“ Boland zieht es vor, die 2020er Jahre als die „Transitioning Twenties“ zu bezeichnen, zu deutsch also etwa die „Übergangszwanziger“.

Fotos: Max Mara SS21 (oben), Hugo Boss SS21 (unten), beide via Catwalkpictures.com

Im Zentrum steht der Wunsch nach Extravaganz. „Das bedeutet für jeden etwas anderes. Für den einen ist es eine Explosion von Farben, für den anderen bedeutet es 'luxuriöse Materialien' wie Wolle und Kaschmir. Und die Digitalisierung, die wir aktuell sehen? „Wenn es darum geht, sich mit einem schönen Oberteil, aber einer Jogginghose darunter zu kleiden, weil wir nur noch durch den Rahmen eines Bildschirms zu sehen sind, werden wir das bald satt haben. Aber Komfort bleibt wichtig. Dann vielleicht in super coolen Hosen, die schön aussehen, aber auch fantastisch sitzen. Der Komfort wird also auf ein höheres Niveau gehoben.“

Boland weist auch darauf hin, dass es wichtig ist, nicht sofort ein ganzes Jahrzehnt in Beschlag zu nehmen. „Wir sollten nicht sofort davon ausgehen, dass die Goldenen Zwanziger zurückkeren, wie vor hundert Jahren. Diese entsprangen einem Krieg, zusätzlich zu einer Pandemie. Außerdem haben wir eine ganz andere Ausgangssituation.“ Sie deutet auch an, dass es, ähnlich wie 1920 eine Schicht der Gesellschaft geben wird, die sich an extremer Extravaganz erfreuen kann, die investieren kann. Aber es gibt auch eine große Gruppe von Menschen, die weiterhin sehr hart arbeiten werden, und sich dennoch keine großen Extravaganzen leisten können.

Ob Echtgold, Blattgold, oder doch nicht alles Gold, was glänzt: Klar ist, die Zwanziger sind bereits da. Bolands „Übergangszwanziger“ scheinen daher der geeignetste Begriff für die kommende Zeit zu sein. Die Welt wird nicht zu demselben „Normalzustand“ zurückkehren, das es vor der Pandemie gab und das „neue Normal“ ist ebenfalls noch unklar.

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.nl veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

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