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Eine Welt im Umbruch – die Mailänder Männermodewoche macht ernst

Von Don-Alvin Adegeest

18. Jan. 2023

Mode

Prada Men FW23. Bild: Spotlight Lauchmetrics

2023 sollte ein vielversprechendes Jahr werden, denn bereits 2020 sagten Analyst:innen voraus, dass der Nachholbedarf durch die Pandemie der Vergangenheit angehören würde. Doch der Start in dieses Jahr war alles andere als vielversprechend. Während China mit einem erneuten Aufflammen des Coronavirus kämpft, wütet in anderen Regionen wie der Ukraine der Krieg. Auch ein Jahr nach Kriegsbeginn ist von Frieden keine Spur. Weltweit ist die Situation angespannt, denn die Probleme in den Lieferketten lassen nicht nach, die Lebenshaltungskosten verschärfen sich und im Kampf gegen den Klimawandel gibt es keine nennenswerten Fortschritte.

Und wie sieht es mit der Mode aus?

Auch die Modebranche ist von dieser gesamtwirtschaftlichen Situation betroffen, da die Verbraucher:innen in wirtschaftlich kritischen Zeiten den Gürtel enger schnallen. „In ernsten Momenten muss man ernsthaft und verantwortungsbewusst arbeiten. Es darf keinen Platz für nutzlose Kreativität geben. Kreativität ergibt Sinn und ist nur dann von Nutzen, wenn sie Dinge neu entdeckt", so Miuccia Prada über ihre FW23-Herrenkollektion.

Prada

Prada schreckte noch nie vor der Realität zurück. Die Kollektion mit dem treffenden Titel "Let's Talk about Clothes" beschränkte sich auf das Wesentliche, ohne auf die für Parda typischen Elemente zu verzichten. Es sind diese Elemente, die der reduzierten Ästhetik Glanz und Form verleihen, während Co-Captain Raf Simons die Herrenmode von Prada einem neuen Publikum näher bringt. Präzise Schnitte mit einem Schwerpunkt auf kantig geschnittenen, längeren Sakkos, die die Schultern umspielen und zur schlanken Hose getragen wurden, erzeugten die Illusion einer Uniform. Unter Jacken und Oberteilen ragten ausgeprägte, spitze Kragen in den Farben Gelb, Beige, Blau und Grün hervor. Die Silhouette konzentrierte sich auf die Taille, während Bomberjacken entweder stark überdimensioniert waren oder schmal auf der Hüfte saßen.

Oberbekleidung und Accessoires waren zwei der stärksten Kategorien der Kollektion der Marke. Pradas Onlinehandel wächst schnell – die Online-Verkäufe stiegen im ersten Halbjahr letzten Jahres um 29,1 Prozent – und Herbst/Winter 2023 bot den digitalen Kund:innen viel Neues.

Prada Men FW23. Bild: Spotlight Launchmetrics

Emporio Armani

Der mittlerweile achtzigjährige Giorgio Armani zeigt auch in seinem achten Jahrzehnt keine Müdigkeitserscheinungen. Seit er in den 1970er Jahren das traditionelle Herrenjackett in eine weichere Silhouette verwandelt hat, war seine Handschrift noch nie so gefragt wie heute.

Zum Auftakt der FW23-Show wurde eine Reihe von Looks im Prince-of-Wales-Karo präsentiert, die gleichermaßen raffiniert und entspannt waren. Der Luxus von Armani besteht darin, dass sich die Stoffe mit dem Körper bewegen und nicht umgekehrt. Auch bei Entwürfen aus Leder oder Kaschmir sind die Linien stets geschmeidig.

In dieser Saison integrierte Armani seine Untermarke EA7 in die Hauptkollektion. Armani ist nicht nur ein Designer, sondern auch ein kluger Geschäftsmann. Im vergangenen Jahr überschritt er die 2-Milliarden-Euro-Umsatzgrenze und konsolidierte einige seiner Linien. EA7 ist die sportliche Schwestermarke von Armani, die eine jüngere Kundschaft anspricht und sich ihren Platz auf dem Laufsteg ebenfalls verdient hat. Außerdem ist hier das Geld zu finden.

Emporio Armani FW23. Bild: Spotlight Launchmetrics

JW Anderson

Die Saison FW23 steht ganz im Zeichen der Schlichtheit. JW Anderson reduzierte seine Looks auf das Nötigste und eröffnete die Show nur mit Unterwäsche, Stiefeln, Stoffrollen und nackten Körpern. Es folgten Looks, in denen die Models Kissen hielten, als ob sie darauf warteten, angezogen zu werden. Anderson ist einer der wenigen Designer, die sich von archetypischen männlichen und weiblichen Stereotypen fernhalten. Er hat seit seinem Debüt auf der Londoner Modewoche die Vorstellung von geschlechtsspezifischer Kleidung immer wieder in Frage gestellt. In Mailand trugen die nicht-binären Models der Show Kleidung ohne geschlechtsspezifische Einschränkungen oder Vorgaben.

Für die Modefans, die Balenciagas Crocs geliebt haben, hat Anderson Pantoletten und Gummistiefel im Froschdesign vorgestelt. Die Schuhe entstanden in Zusammenarbeit mit der Kinderbekleidungsmarke Wellipets.

JW Anderson FW23. Bild: Spotlight Launchmetrics

Corneliani

Auf der Milano Moda Uomo muss sich nicht jede Marke auf dem Laufsteg präsentieren, um Eindruck zu schinden. Die italienische Konfektionsmarke Corneliani, die seit 2016 zu Investcorp gehört, präsentierte die zweite Kollektion des britischen Designers Paul Surridge.

Das Ergebnis ist eine Reihe von Modellen, die als "Archetypen" der männlichen Garderobe konzipiert sind und sich auf das Erbe der Marke stützen, so Surridge gegenüber den italienischen Pambianco News. „Es ist die Fortsetzung der 'Circle'-Kollektion, die im Sommer vorgestellt wurde. Ich habe wieder mit den Archetypen gespielt und eine nordische Seele einfließen lassen, die Teil meines Backgrounds ist. Die typischen Formen der maßgeschneiderten Herrenbekleidung finden sich hier wieder, aber in einer frischeren, informelleren Form."

Surridge hat die Aufgabe, Cornelianis klassische Herrenmode-Archetypen wieder aufleben zu lassen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Schneiderkunst und Einteilern, allerdings mit "modernisierten Silhouetten, bequemen Texturen und einer zurückhaltenden Farbpalette".

Corneliani FW23. Bild: Spotlight Launchmetrics

Etro

Die Herrenkollektion von Kreativdirektor Marco De Vincenzo richtete sich an selbstbewusste Kund:innen, die sich nicht scheuen, einen mandarinenfarbenen bestickten Pullover mit einer karierten Hose und Nieten-Clogs zu kombinieren. Etro ist ein Modehaus, das auf Stoffen aufgebaut ist. Die Marke glänzt mit exquisiten Mustern, Verzierungen und Stickereien aus Seide und Wolle.

Das Unternehmen aus Como brachte sein Warenlager nach Mailand und präsentierte dort inmitten seiner Stoffe und Stoffreste die erste Herrenkollektion von Kreativdirektor Marco De Vincenzo.

Ein gewagter Start unter einem neuen Kreativdirektor. Laut der italienischen Nachrichtenagentur Il Sole 24 Ore steht Etro schon seit mehreren Saisons unter dem wachsamen Auge von LVMH. Das familiengeführte Unternehmen verfügt über ein weltweites Einzelhandelsnetz mit überwiegend Monomarken-Geschäften, in denen es auch Einrichtungsgegenstände und Accessoires anbietet.

Etro FW23. Bild: Spotlight Launchmetrics

Gucci

FW23 ist eine Übergangssaison für Gucci, in der die Marke die Weichen für ihren nächsten Kreativdirektor stellt. Nach der vorherigen Designverantwortung von Alessandro Michele musste Gucci reinen Tisch machen. Dabei sollte keine revolutionäre Kehrtwende vollzogen und keine Kund:innengruppe verprellt werden.

Insofern war dies eine mit Spannung erwartete Kollektion, aber gleichzeitig keine, die das modische Rad neu erfunden hätte. In der Mode, insbesondere in den Lagern von Kering und LVMH, bedeutet Neuerfindung Umsatz. Während die Diskussionen über die hohe Fluktuation der Designer:innen nach wie vor relevant sind, sind es die Markeninhaber:innen, die sich nicht mit der Ebbe und Flut der natürlichen Gezeiten der Mode zufrieden geben. Stattdessen bevorzugen sie die Flut, und das zu jeder Zeit.

Gucci-CEO Marco Bizzarri ernannte 2015 den damals noch unbekannten Designer Alessandro Michele und konnte damit einen großen Erfolg verbuchen. Kering-Eigentümer Francois Pinault setzt darauf, dass ihm dies erneut gelingen wird.

Gucci FW23. Bild: Spotlight Launchmetrics
Dieser übersetzte Beitrag erschien zuvor auf FashionUnited.com.
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