• Home
  • Nachrichten
  • Mode
  • Eurozentrismus, Exklusivität und Profitausrichtung: Was sich an der Modeausbildung ändern muss

Eurozentrismus, Exklusivität und Profitausrichtung: Was sich an der Modeausbildung ändern muss

Von Rachel Douglass

28. Okt. 2021

Mode

Bild: Marta Twarowska, Antwerp Fashion Department

Die Modekonferenz ‚‘Responsible Fashion Series‘ kehrte vergangene Woche nach einer zweijährigen Pause zurück. Sie fand diesmal in Antwerpen statt.

Bei der Veranstaltung, an der FashionUnited teilnahm, deckten Vorträge und Podiumsdiskussione ein vielfältiges Themenspektrum ab, denen eine Frage zugrunde lag: „Kann Mode die Welt retten?“ Die Meinungen und Antworten unterschieden sich der Frage entsprechend drastisch.

Ein Interview mit Walter van Beirendonck, Mitglied der Antwerp Six und Leiter der Modeabteilung der Königlichen Akademie der Schönen Künste Antwerpen, bildete den Auftakt der Veranstaltung. In dem Interview erläuterte der belgische Designer, wie er die komplexe Branche sieht und wie er darin arbeitet. Dabei ging er auch auf die geistige Gesundheit in der Modebranche sowie auf die Karriereschritte ein, die ihn dorthin gebracht haben, wo er heute steht.

„Wir alle wissen, dass sie das nicht kann“, sagte Van Beirendonck und beantwortete damit die grundlegende Frage des Tages. „Aber andererseits glaube ich auch, dass sie viel Freude, Glück und Träume bringen kann, also ist sie gut und ich denke, das ist schon ein guter Anfang. Ich bin mir sicher, dass jeder über diese Frage nachdenkt und auch darüber, wie wir die Arbeit bestmöglich verbessern können.“

Es könnte mit der Modeausbildung beginnen

Eine Diskussionsrunde im Anschluss an das Interview stimmte der Aussage des Designers zu. Die geladenen Modepädagogen von Spitzenuniversitäten antworteten auf die Frage, ob die Branche die Welt retten kann, mit „Nein“. Ihre Ansichten konzentrierten sich auf den Einfluss der Modeausbildung auf die Branche und darauf, wie sie den Studierenden helfen kann, kritischer über die Art und Weise nachzudenken, wie sie in ihrer zukünftigen Modekarriere manövrieren.

Trotz der kollektiven Ansicht der Diskussionsteilnehmenden, dass die Mode nicht in der Lage sei, einen drastischen Wandel herbeizuführen, nutzten sie die Gelegenheit, um die Art und Weise hervorzuheben, in der die Modeausbildung bereits Schritte in Richtung eines positiven Wandels unternimmt. Die Teilnehmenden sprachen über neue Ergänzungen der Lehrpläne an ihren jeweiligen Instituten sowie über Initiativen zur Förderung von Vielfalt und Integration, wie das von Studierenden und Ehemaligen geleitete Gremium von Parsons, das die Sicht der Studenten in den Vordergrund stellt.

Johan Pas von der Königlichen Akademie der Schönen Künste Antwerpen hatte einen anderen Blickwinkel auf das Thema. Auf die Frage, wie er den Einfluss der Mode auf den globalen Wandel einschätzt, sagte er: „Natürlich tut sie das bereits, seit mehr als einem Jahrhundert und täglich. In dem Moment, in dem wir uns entscheiden, etwas Energie in unsere Kleidung zu stecken, beeinflusst das unsere Welt.“ Er ist jedoch der Meinung, dass der Bildungsprozess etwas ist, das auf Langlebigkeit ausgerichtet werden sollte.

Pas' Lösung bestand darin, sich von den Kunstbewegungen der Avantgarde inspirieren zu lassen, die eine mutigere Kritik an der Gesellschaft übten, als ihr modisches Pendant. Er schlug vor, Mode als Medium, als ein Werkzeug für Kommunikation, Ausdruck und Kreation zu betrachten, das die Perspektive der Gesellschaft erweitert.

Mode als kritische Kunstform oder kulturelles Statement

„Wenn man Mode als Kunst betrachtet, wird sie zu einem perfekten Werkzeug, um die Kluft zwischen Kunst und Leben zu überbrücken“, bemerkte Pas und führte weiter aus, dass die Modeausbildung, auf diese Weise betrachtet, eine forschungsbasierte Ausbildung sein müsste. „Indem sie ihren eigenen eurozentrischen Rahmen in Frage stellt, ihre toten Winkel erforscht und ihre Grenzen verschiebt, indem sie neue konzeptionelle und technologische Gebiete erkundet, werden die kreativen Praktiken der Mode durch ihre kritische Wahrnehmung gestärkt.“

Pas' Sichtweise legt nahe, dass Kunst- und Designschaffende in einen nicht konsumorientierten Markt eintreten müssen, um ihre revolutionären Kommentare abzugeben. Während Fiona Dieffenbacher von der Parsons School of Design Pas' Ansicht zustimmte, dass die Modeausbildung aus ihrer eurozentrischen Denkweise heraustreten muss, und sich außerdem für eine Dezentralisierung des Systems aussprach, vertrat Barbara Trebitsch von der Accademia Costume e Moda eine andere Auffassung.

Trebitsch betonte, wie wichtig es sei, Studenten in einem traditionellen Sinne auszubilden und sie mit Rücksicht auf ihre eigenen Wurzeln zu erziehen. Die italienische Dozentin sprach den Druck an, den die Branche auf die neue Generation ausübt, und sagte, dass sie ihnen stattdessen die Werkzeuge an die Hand geben sollte, um die bereits etablierten Regeln zu brechen. Sie wies auch darauf hin, dass nicht nur die Designer:innen die Verantwortung für eine Branchenreform tragen, sondern auch das Management, die Medien und andere wichtige Vertreter:innen der Branche. Dies wiederum, so Trebitsch, werde dazu beitragen, die Art und Weise, wie Mode wahrgenommen wird, zu verändern.

Ein besonders bemerkenswerter Beitrag einer Lehrkraft des Central Saint Martins College aus dem Publikum warf die Frage auf, ob die Bildung diejenigen anerkenne, die aus weniger gut ausgestatteten Kulturkreisen kämen, und es so schwerer hätten, das Niveau der anwesenden international renommierten Schulen zu erreichen. Es wurde auf den exponentiellen Anstieg der Bildungsausgaben hingewiesen und festgestellt, dass viele talentierte Menschen aus unterrepräsentierten Kulturen nicht die gleichen Chancen hätten, wie diejenigen aus wohlhabenderen Ländern und Lebensumständen.

„Wir erhalten dieses Wirtschaftsmodell quasi aufrecht, und das könnte ein Todesurteil für einige Modetalente sein, die es geben könnte“, sagte Ian King, der Moderator des Panels und Gründer der Responsible Fashion Series. „Was können wir also tun, um diesen Trend umzukehren? Denn er wird nicht aufhören.“

Er fuhr fort: „Diese Art von Institutionen, wie Parsons und das London College of Fashion, schaffen das Problem, weil sie immer höhere Gebühren verlangen. Sie betrachten diese Leute nicht nach ihrem Talent, sondern nach ihrer Zahlungsfähigkeit. Das hilft der Branche überhaupt nicht. Was können wir tun, um das System zu ändern und dafür zu sorgen, dass das Talent zuerst kommt? Es liegt im besten Interesse der Branche, die talentiertesten Studierenden zu finden.“

Bildungsreform

Mutige Kritik und innovative Ideologien bilden die Säulen dieser zukunftsorientierten Konferenz, deren übergeordnetes Ziel es ist, verschiedene Teilnehmer zusammenzubringen, um unterschiedliche Sichtweisen auf die Funktionsweise des Modesystems zu vermitteln. Das internationale Spektrum der Teilnehmenden ermöglicht eine breitere Diskussion, die sich mit den unterschiedlichen Kulturen und Perspektiven befasst, die einen Wandel in der Mode beeinflussen könnten.

Die ‚Responsible Fashion Series‘ wurde in Zusammenarbeit von vier führenden Modeinstitutionen unter dem Dach der Fashion Colloquia entwickelt und ins Leben gerufen und wird vom London College of Fashion, der Parsons School of Fashion and Design in New York, dem Institut Français de la Mode in Paris und Domus in Mailand unterstützt. In den vergangenen Ausgaben, die weltweit in Städten wie Rom, Ho-Chi-Min-Stadt und Sao Paulo stattfanden, wurde eine Vielzahl von Themen behandelt, darunter Tradition, disruptive Mode und neuer Luxus.

Für die aktuelle Ausgabe wurde die Talk-Reihe letzte Woche erstmals online über eine spezielle digitale Plattform ausgestrahlt, wobei sich die Präsentationen über zwei Tage erstreckten. Die per Livestream übertragenen Vorträge von Forschenden und Fachleuten behandelten zahlreiche Themen, darunter Co-Creation, das Aufbrechen von Stereotypen und kulturelles Engagement.

Am zweiten Tag der Veranstaltung konnte das Publikum während der Konferenz einen Live-Pitching-Wettbewerb verfolgen, bei dem Einzelpersonen ihr eigenes Konzept rund um verantwortungsvolle Mode vorstellten.

Neben den Präsentationen findet eine Ausstellung statt, in der eine Vielzahl innovativer Projekte aus dem Bereich der nachhaltigen Modeproduktion vorgestellt werden, darunter auch einige, die auf der Veranstaltung selbst präsentiert werden. Lederherstellung, bewusste Handwerkskunst und digitaler Werkzeugbau sind die Themen der Ausstellung, in der Forschende und Referierende innovative Ansätze für neue Prozesse, nachhaltige Entwicklung und den Abbau traditioneller Strukturen präsentieren.

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Education
Responsible Fashion Series
WORKINFASHION