Flohmarkt, Mörder und Minen in Moldau: Die FW26-Highlights aus Chișinău
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Während Moldau mit dem Mitte des Jahres zum Premier gewählten Investmentexperten Vasile Tofan den EU-Beitritt vorantreiben will, öffnet sich auch die lokale Modebranche immer mehr über die Landesgrenzen hinaus. Das beweist die in Chișinău beheimatete Modewoche Moldovan Brands Runway (MBR), die in der vergangenen Woche mehr als 15 Marken in Schauen, Präsentationen und einem Pop-up-Konzept für die Saison Herbst/Winter 2026/27 vorstellte. Darunter etablierte Brands, die bereits international Fuß gefasst haben, und junge Kreative.
Nachdem vor rund drei Jahren gerade einmal sieben Marken an einem Tag zeigten, habe sich der MBR zu einem deutlich umfangreicheren, viertägigen Event mit verschiedenen Locations entwickelt, erklärt Nata Mitereva. „Die Zahl der teilnehmenden Marken, Gäste und Bewerbungen ist deutlich gestiegen“, so die MBR-Kreativchefin weiter. „Noch wichtiger ist aber, dass die Marken selbst sehr viel mehr Überlegung und Ehrgeiz in ihren Auftritt beim MBR stecken.“ Das Publikumsinteresse habe sich nahezu verdreifacht.
Für Moldau ist Mode ein bedeutender Exportzweig. Laut im Mai veröffentlichten Daten der Generaldirektion Handel der Europäischen Kommission auf Basis von Eurostat führte die EU 2025 Bekleidung im Wert von 215 Millionen Euro aus Moldau ein, das sind 10,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Textilien und Textilwaren insgesamt kamen auf 260 Millionen Euro beziehungsweise elf Prozent der Importe und bildeten damit nach pflanzlichen Erzeugnissen sowie Maschinen und Geräten die drittgrößte Warengruppe. Schuhe und Kopfbedeckungen trugen weitere 33 Millionen Euro bei. Die EU ist der wichtigste Absatzmarkt des Landes und nimmt laut den im selben Datenblatt ausgewiesenen Zahlen des Internationalen Währungsfonds knapp 70 Prozent der moldauischen Warenexporte ab.
Produzenten und Exporteure
Moldauische Designer:innen bauen auf ihre heimische Produktion. Dabei arbeiten sie entweder mit lokalen Partnern zusammen oder haben eine eigene Fabrik im Rücken. Ein gutes Beispiel dafür ist Ionel. Der Ursprung des Unternehmens geht bis 1945 zurück, als es mit rund 50 Mitarbeitenden und etwa 15 Nähmaschinen begann. In den vergangenen 80 Jahren wurde die Näherei für Produkte wie Anzüge, Mäntel sowie Arbeitsbekleidung immer weiter ausgebaut und modernisiert. Neben der gleichnamigen Eigenmarke, die fünf eigene Läden in Chișinău betreibt, gehören auch die Marken Giovanni Primo und Prima Bella zum Portfolio.
Marken wie die auf Knitwear spezialisierte Womenswear-Marke La Tyana sowie die für ihre romantischen Kleider bekannte Marke Georgette, die 1997 von Georgeta Mir als Maßschneiderei gestartet wurde, setzen derweil auf die Fertigung im eigenen Atelier. Bei Georgette ist daraus inzwischen ein Betrieb mit rund 100 Mitarbeitenden geworden, der auch für internationale Brands produziert.
Einige der lokalen Kreativen haben sich auch selbst schon international einen Namen gemacht. Die gleichnamige Marke der Designerin Julia Allert, die sie 2005 gründete, ist beim britischen Einzelhändler Wolf & Badger sowie bei den Modehändlern Doors und The Canvas in New York erhältlich. Doors verkauft auch die Womenswear-Marke Șotropa, die klassische Eleganz mit Menswear-Elementen verbindet. Wolf & Badger listet auch Georgette und soll zudem in Gesprächen mit La Tyana und Katea Gri sein, wie es vom MBR-Team heißt. Die Womenswear-Marke Katea Gri aus dem Contemporary-Segment wurde 2015 von der Designerin Ecaterina Grigor gegründet und ist für ihre selbstbewusste Weiblichkeit bekannt.
Vom Palast in den Schacht
Nach dem offiziellen Opening am ersten Abend konzentrierten sich die beiden folgenden Tage jeweils auf eine Location, den Konzertsaal Nationalpalast „Nicolae Sulac“ beziehungsweise Mediacor, ein Zentrum für kreative Medientechnologie an der Staatlichen Universität Moldau. Am vierten und letzten Tag sorgten dann die Veranstaltungsorte für die eine oder andere Überraschung.
Am Samstagmittag ging es auf dem Bahnhofsvorplatz mit einem inszenierten Flohmarkt los, für den sich Alexei Sorokin von Straßenhändler:innen inspirieren ließ. Der Designer war dort früher regelmäßig auf der Suche nach Fundstücken und ungewöhnlichen Looks, erklärt er gegenüber FashionUnited. Nun wollte er an diesen Ort zurückkehren. „Alle Stoffe der Kollektion wurden direkt auf dem Flohmarkt gekauft, und jedes Teil ist als Unikat entstanden“, so Sorokin. „Damit wurde die Verbindung zwischen dem Ort und den Kleidungsstücken ganz wörtlich. Materialien, die zwischen den Marktständen entdeckt wurden, bekamen eine neue Form und ein zweites Leben.“
Er zeigte teils wilde Kombinationen wie eine kurze braune Jacke zu einem weiten Tüllrock, über den ein Stepp-Innenfutter ragte, und kunterbunten Animal-Print-Leggings. Abgerundet wurde der Look mit Leoparden-Heels. Florale Muster, Schlaghosen und ein chaotischer, aber in sich abgestimmter Materialmix prägten das Bild. Da passte es auch, dass einige Passant:innen, die offenbar nicht wussten, worauf sie sich einließen, den Laufsteg zu ihrer eigenen Bühne machten und das Publikum erheiterten. Die Kollektion zählte zu den wenigen, die auch Menswear zeigten.
Außerdem war es die einzige Show dieser Ausgabe, die im Freien gezeigt wurde. Dieses Detail wird durch die darauffolgende Show umso interessanter. Designer Alexandru Rotari entschied sich nämlich, Gäste in eine noch funktionsfähige Mine zu kutschieren, wo die Models die Kollektion in einem Schacht auf einem sandigen, unebenen Untergrund präsentierten. Passend zu der düsteren und beklemmenden Atmosphäre unter Tage wirkten die stärksten Looks mit ihren grobmaschigen Strick-Cardigans und Überwürfen wie von mystischen Wesen und Gothic inspiriert. Untermalt wurde die Stimmung von einer düsteren Arie und Trommelschlägen, als wäre man in eine Opferzeremonie geraten.
Theatralisch und düster wurde es auch bei Vyaz, dem experimentelleren Label des Designers Denis Vang, der mit seinem cleaneren und kommerzielleren Label Duca einen Tag später den Laufsteg in ein Schlafzimmer verwandelte und eine an Nightwear angelehnte Kollektion zeigte. Die Show von Vyaz hatte eines der besten Konzepte der aktuellen Ausgabe. Zentrum des Geschehens war ein Krimi, bei dem der Designer selbst zum Opfer wurde. Zu Beginn der Show lag ein Model, dessen rote Haare an die des Designers erinnern sollten, regungslos auf einem Teppich in der Mitte des Laufstegs. Die anderen Looks waren verschiedenen Charakteren nachempfunden, etwa Polizist:innen samt Spurensicherung, potenziellen Täter:innen, der trauernden Witwe oder dem Totengräber. Am Ende wurde Vang selbst in Handschellen von der Polizei über den Laufsteg geführt. Der Mörder in der Story sei eine neue Version seiner selbst gewesen, erklärte der Designer. Damit habe er seine Reinkarnation und die Weiterentwicklung der Marke verdeutlichen wollen.
Kreislauf
Neben Sorokin schenkten aber auch andere Marken gebrauchten Stücken einen zweiten Frühling. Allert nutzte für das Styling unter anderem das Know-how ihrer Tochter. Diese beschäftigt sich mit dem Wiederverkauf von Vintage-Taschen und stellte eine Auswahl für die Show zur Verfügung.
Die finale Show am Samstagabend fand in der Produktionsstätte des moldauischen Kosmetikherstellers Viorica Cosmetic statt, wo das Label Patru seine neueste Kollektion präsentierte. Das Upcycling-Label ist Teil des Kreislaufkonzepts von Evghenia Gruzdeva, die hinter dem lokalen Luxusmodehändler Dofamin steht. Der Concept Store führt Neuware internationaler Marken wie Dries Van Noten und Maison Margiela sowie aufstrebender Designer:innen. Mit Holy Chic betreibt Gruzdeva zudem einen eigenständigen Secondhand-Laden für Luxusmode. Restbestände aus beiden Stores werden für die Kollektionen von Patru eingesetzt. Zu sehen war ein sportlich-lässiger Look, der durch den Einsatz von Denim, Rüschendetails und seine recht reduzierte Farbauswahl an skandinavisches Design erinnerte. Gruzdeva wolle das Konzept im nächsten Jahr auch in Paris vorstellen, heißt es.
Teamwork
Auch wenn der MBR international seine Fühler ausstreckt, baut die Modewoche klar auf den Zusammenhalt der Kreativen. Dort unterstützt man sich gegenseitig. Der Zusammenhalt sei aber auch Teil des Wachstums der Modewoche, erklärt Mitereva. Es seien seit den Anfängen deutlich mehr Kooperationen zwischen Designer:innen, Unternehmen und der breiteren Kreativszene entstanden.
Designer wie Vang und Sorokin waren vor und nach ihren Schauen auch immer wieder unter den Gästen der anderen Designer:innen zu sehen. Letzterer half bei der Show von Patru dabei, das Set mit auf- und abzubauen und Geschirr von der langen Tafel abzuräumen, bevor die Besucher:innen bei der Aftershow-Party auf ihr zu tanzen begannen.
Sorokin wiederum bekam Unterstützung von Mitereva, die ihm half, die Flohmarkt-Atmosphäre zu erzeugen und Stücke bereitzustellen, die für Fotoshootings erworben oder aus persönlichen Archiven ausgewählt worden waren, erklärte der Designer. Aber auch ihre eigene Doppelrolle als Gesamtverantwortliche sowie Patru-Designerin unterstreicht die Verbindung.