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Hat die Mode genug von ihren 'Disruptoren'?

Von Jackie Mallon

4. Mai 2018

Das Cambridge English Dictionary beschreibt das Wort 'Disruptor' als "eine Person oder Sache, die verhindert, dass etwas, insbesondere ein System, Prozess oder Ereignis, wie gewohnt oder wie erwartet weitergeht." Aber im vergangenen Monat schien es so, als ob die Disruptoren selbst gestört würden. Ein umstrittener Artikel mit unbenannten Quellen - Käufer, Filialleiter und andere Händler -, die behaupteten, die Marke "Vetements" sei "over" und die Läden würden Umsatzrückgänge bemerken, wurde auf HighSnobiety.com veröffentlicht. Die Geschichte nahm Fahrt auf, als die Brüder Gvasalia auf Instagram und in WWD gegen den "Möchtegernjournalismus, basierend auf Lügen und Klatsch", zurückschlugen und behaupteten, dass ihre Marke stärker sei als je zuvor. Eine Parade hochkarätiger Einzelhändler von Harrods über Saks bis MyTheresa trat dann nach vorne, um zu bestätigen, dass sich die Vetements-Kollektionen weiterhin gut abverkaufen würden, dass die Marke für die Kunden weiterhin von Bedeutung sei und sie keine Änderungen an den Umsätzen bemerkt hätten.

Alles nur geklaut?

War es nur eine Online-Medienverschwörung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die höchst einflussreiche Marke und den Hype um sie zu diskreditieren? Wurde der Anschlag auf den Ruf von Vetements möglicherweise durch die Ankündigung in der Woche davor angestoßen, dass Virgil Abloh von Off-White die künstlerische Leitung der Männermode bei Louis Vuitton übernehmen sollte? Die Vorwürfe der Nachahmung und des Mangels an Originalität haben sowohl Gvasalia als auch Abloh seit Gründung ihrer Marken verfolgt (sie machen keinen Hehl aus ihrer Anerkennung für Martin Margiela und Helmut Lang) und beide haben darauf geantwortet, dass die Aneignung und Bezugnahme auf andere Designer die Mode antreibt. Ablohs Gewohnheit, den gesamten Text, sei es auf Hoodies oder auf seiner Website, in Anführungszeichen zu setzen, legt nahe, dass er nicht einmal vorgibt, seine Botschaft sei neu.

Erzeugt Vertrautheit Verachtung?

Raf Simons, dessen eigene Marke sicherlich auch auf den Inspirationsboards der beiden genannten Designer zu finden ist, hat vor über einem Jahr in einem GQ -Interview die allzu familiäre Ausrichtung der Arbeit dieser beiden Designer diskutiert: "Wenn es um jemandem wie Demna geht: ich denke, er weiß, wer er ist. Was ich an seinen Designs mochte, ist nun das, was alle hassen. Dass es sich auf etwas bezog, was ich mag: Martin Margiela und ich. Weißt du, den Mut zu haben und es so direkt anzugehen. Weil es Leuten gefällt. Leute mögen Martin. Sie lieben Martin. Und die Leute lieben Jugend und Rebellion. Und all diese Dinge brachte er mit.“ Simons ist anderen Designern immer einen Schritt voraus und jetzt, wo Grunge, Minimalismus und Antwerpener Dekonstruktion auf allen internationalen Laufstegen zu sehen sind, haben wir es satt, noch mehr abgekupferte 90er-Anspielungen zu sehen? Simons gab im selben Interview auch seine Meinung zu Virgil Abloh preis: „Er ist ein netter Kerl. Ich mag ihn sehr gerne. Aber ich bin inspiriert von Leuten, die etwas mitbringen, von dem ich denke, dass es noch nicht gesehen wurde; das es originell ist."

Der Aufstieg der Streetwear

Abloh, der eng mit dem Hype des aktuellen Luxus-Streetweartrends in Verbindung gebracht wird, hat auch unter wahren Streetwear-Aficionados Ärger ausgelöst. Sie legen ihm zur Last, dass ausgerechnet jemand, der zufällig mit Kanye West befreundet ist, "Streetwear auf die Landkarte" gebracht haben soll. Und was ist mit all den Off-White-Fans, die jede Kollaboration gekauft haben, in die Abloh involviert war? Die Produkte kaufen, die sich auf einem erschwinglicheren Preisniveau bewegen, als Louis Vuitton, von Kith bis Ikea bis hin zu den meistverkauften Nike-Sneakern? Verliert Abloh durch die Einladung, zur Elite bei LVMH aufzusteigen, seinen Reiz, seine Glaubwürdigkeit als Brand zwischen Sneakerheads und Hypebeasts?

Demna Gvasalia arbeitete drei Jahre lang bei Maison Margiela, nachdem er die Royal Academy of Art in Antwerpen abgeschlossen hatte, bevor er für zwei Jahre zu Louis Vuitton wechselte. Erst nach diesen Lehrjahren wagte er es, Vetements zu gründen. Die Dynamik der Marke war unmittelbar und wurde zum Synonym für rohe, ironische Provokationen und steigende Preise. Virgil Abloh ist eher ein echter Außenseiter, da er Ingenieurswesen und Architektur studiert und zuvor noch nie in einem Designhaus gearbeitet hat. Aber dieses Paar von Disruptoren —Söhne von Einwanderern, die vor weniger als fünf Jahren, mit Mitte dreißig, als kaum bekannte Emporkömmlinge in übergroßen Hoodies mit ihren Cliquen bestehend aus Stylisten, DJs, Social-Media-Influencern (und Kanye), die Sprache der Ironie und Rebellion fließend beherrschend, die Modewelt gestürmt hatten —hat tatsächlich verhindert, dass die Fashion Weeks von Paris und NYC sich wie gewohnt oder wie erwartet fortsetzten.

Den Status Quo der Mode stören

"Keiner von uns unterschreibt eine gewisse Falschheit, die in der Modewelt der Status Quo ist", sagte Abloh in einem Interview über sich selbst und Gvasalia. Also warum der Backlash? Andere Designer wurden aus der relativen Dunkelheit, ja sogar aus der Bedeutungslosigkeit herausgeholt, um in Luxushäusern untergebracht zu werden, ohne Online-Mobs ausgesetzt zu sein, die ihre Unzufriedenheit ausdrückten. Könnte man nicht den Aufstieg von Abloh mit Alexander McQueen vergleichen, als er zu Givenchy berufen wurde? Es ist schwer, McQueens Schneiderlehre auf der Savile Row zu vergessen, die er absolvierte, bevor er seinen Modekurs bei Central Saint Martins begann. Galliano schlief unter dem Schneidertisch, um seine eigene Linie zu finanzieren, obwohl seine Graduiertenkollektion von der Londoner Topboutique Browns gekauft worden war. Als er bei Givenchy und später Dior angestellt wurde, gab es vielleicht eine unausgesprochene Absolution, dass er seine Würden redlich verdient hatte. Als Alessandro Michele 2015 zum Kreativdirektor von Gucci ernannt wurde, arbeitete er bereits 13 Jahre in der Firma, sowie zuvor bei Fendi und Les Copains, so dass sein Aufstieg in die Führungsposition eher organisch schien. Und der vorher erwähnte Simons hat sein eigenes Geschäft ein Jahrzehnt lang geführt, bevor er bei Jil Sander einstieg, das erste von vielen Unternehmen, denen er neues Leben einhauchte.

Gvasalia und Abloh sind daher eine andere Kategorie als ihre Vorgänger, besonders als diejenigen, für die sie so viel Bewunderung hegen. Hashtags, Likes und ein unverbindlicher genreübergreifender Ansatz für Kreativität sind die Stärken von Menschen, die heute in der Branche arbeiten, die sich von jener von vor fünf Jahren stark unterscheidet. Aber ist der Hype wie der Nebel auf einer Morgendämmerung? Online ist es leicht, Argumente zu finden, die sagen, sie seien Eintagsfliegen, die uns in der Ära der Fake News zum Schmunzeln brachten, und später wird es uns peinlich sein, dass wir darauf reingefallen sind? Sind wir bereit, unkontrollierte Disruptionen hinter uns zu lassen und stattdessen eine Systemreparatur zu fordern, die ein neues Zeitalter der Originalität einläuten könnte? Anstatt Disruptoren, deren Modus Operandi es ist, zu deaktivieren, Ausrutscher zu feiern, auf Wiederholen zu drücken und Designs in Anführungszeichen zu setzen, ist es Zeit, dass wir nach Aktivatoren suchen, nach qualifizierten Machern, die Codes verstehen, aber auf bestehenden Systemen aufbauen können, um unantastbare, echte Aussagen zu treffen?

Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mallon lehrt Mode in NYC und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Bilder von CatwalkPictures.com und Off-White.com