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Ist Fischleder die Lösung für die Modebranche?

Von Barbara Russ

20. Nov. 2019

Mode |INTERVIEW

Nach 25 Jahren Zusammenarbeit mit Luxusmarken wie Moschino, Christian Dior und Diane von Furstenberg ist Elisa Palomino überzeugt, dass ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit darin besteht, Fischabfälle für die Entwicklung modischer Lederartikel zu nutzen. Sie hat gerade ein renommiertes Fulbright-Stipendium in den USA absolviert, ist derzeit Senior Dozentin im BA Fashion Print Programm im Londoner Central Saint Martins und hält Präsentationen auf der ganzen Welt, um Designer, Kreative und Verbraucher zu inspirieren und zu überzeugen, dass die Zukunft der Mode im Fischleder liegt.

Wie sind Sie auf Fischleder als Material für die Modeindustrie aufmerksam geworden?

Das Forschungsprojekt entstand aus meiner Design-Erfahrung, die ich mit Fischlederbekleidung bei John Galliano und Christian Dior im Jahr 2002 sammelte. Wir haben Fischleder aus der isländischen Gerberei Atlantic Leather verwendet, das wir in den Kontext der Luxusindustrie einsetzen konnten.

Was ist die Geschichte von Fischleder?

Fischleder hat bei indigenen Völkern eine lange Traditionen, es wird von arktischen Gesellschaften entlang von Flüssen und Küsten gewonnen und für Kleidung und Accessoires genutzt. Insbesondere nutzen es die Inuit, Yup'ik und Athabascan-Völker aus Alaska und Kanada, sibirische Völker wie die Nivkh und Nanai, die Ainu von der Insel Hokkaido in Japan und der Insel Sakhalin in Russland; die Hezhe aus Nordostchina und Island. Die Gerberei Atlantic Leather verarbeitet seit 1994 Fischleder, basierend auf der isländischen Tradition, Schuhe aus Welshäuten herzustellen.

Welche Eigenschaften hat Fischleder und warum ist sie eine umweltfreundlichere Alternative zu normalem Leder?

Fischleder ist ein Nebenprodukt der Fischindustrie und das Recycling der Abfälle minimiert Abfälle und gibt diesen Ressourcen ein zweites Leben. Atlantic Leather verwendet Fisch aus nordischen, staatlich regulierten, nachhaltigen Farmen; die Häute werden lokal aus der nahgelegenen Fischerei bezogen. Die Beschaffung und Verarbeitung erfolgt vor Ort, was die Transportwege verkürzt, den CO2-Ausstoß senkt und die Transparenz in der gesamten Lieferkette erhöht. Fischleder benötigt nicht die Ressourcen und hat einen geringeren CO2-Fußabdruck als die Rinderzucht und verwendet keine gefährdeten Arten, die die biologische Vielfalt gefährden könnten. Geothermische Energie aus isländischen Vulkanen wird für die Produktionsprozesse genutzt, und die Produktion hat den Küstenbewohnern neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnet. Außerdem besitzt es als Material aufgrund seiner kreuzförmigen Faseranordnung eine neunmal höhere Festigkeit als normales Rindsleder ähnlicher Dicke.

Welche Ergebnisse haben Sie im Rahmen der Fulbright-Forschung gewinnnen können?

Ich erhielt ein Fulbright UK Stipendium für die USA, um von Juni bis August dieses Jahres ein pädagogisches Forschungsprojekt mit dem Titel "Indigene arktische Fischlederbekleidung: Kulturelle und ökologische Auswirkungen auf die Hochschulbildung in der Mode" zu entwickeln. Ich hatte das Glück, mit William Fitzhugh, Direktor des Arctic Studies Center am National Museum of Natural History am Smithsonian Institute und seinem Team zusammenzuarbeiten, um die kulturelle, ökologische, soziale, spirituelle und technologische Bedeutung des Fischleders zu verstehen, die bis zu den arktischen Ureinwohnern zurückreicht. Ich führte umfangreiche Forschungsarbeiten außerhalb von Washington DC durch, reiste durch die staatlichen Museen Alaskas, wo ich drei Monate lang in beispiellose Sammlungen eintauchte, die Ursprünge und Traditionen der arktischen Rohstoffe für die Mode und den Einsatz von Nebenproduktmaterialien wie Fischleder, Darm, Vogelleder, Gräsern, Hölzern und Birkenrinde erforschte.

Neben der Forschung - konnten Sie auch etwas von dem weitergeben, was Sie gelernt haben?

Während meiner Tätigkeit in den USA habe ich zwei Workshops konzipiert und geleitet. Der erste war ein viertägiger Workshop am Parsons Institut zusammen mit dem Handwerker Joel Isaak aus Alaska. Wir zeigten Studenten und Dozenten die Herstellung von Fischleder-Kunsthandwerk unter Verwendung traditioneller Fähigkeiten der Athabasken. Im Mittelpunkt stand die Untersuchung der Designpraxis im Kontext sozialer Innovationen für Nachhaltigkeit, Gerbeverfahren und Nähtechniken mit dem Ziel, lokale Traditionen bei der Entwicklung von Stiefeln, Taschen und Mänteln mit einzigartigen kulturellen Merkmalen zu bewahren. Und den Parsons-Studenten eine breitere Perspektive zu bieten, wenn sie ihren individuellen Ansatz für nachhaltigere Praktiken entdecken.

Der zweite war ein Modeskizzenbuch-Workshop im Arctic Studies Center im Museum von Anchorage, in dem sieben Künstler aus Alaska an einem zweitägigen Workshop teilnahmen, bei dem persönliche Recherchen aus verschiedenen Quellen gesammelt und durch Zeichnung, Fotografie und Collage dokumentiert wurden, um ein einzigartiges Skizzenbuch zu erstellen, das ihnen bei ihrer persönlichen kreativen Praxis hilft. Der Workshop fand im Rahmen der Ausstellung des Arctic Studies Center statt: "Living Our Cultures, Sharing Our Heritage: Die indigenen Völker Alaskas.”

Was ist ihr Ziel?

Wege zu finden, den arktischen Gemeinschaften, zu denen das Wissen über Fischleder gehört, etwas zurückzugeben, ist für mich von großer Bedeutung. Die Workshops sind als Beginn eines kontinuierlichen und erweiterten Diskurses über die Zukunft des Arbeitens mit Fischleder gedacht. Die Zusammenarbeit mit indigenen Partnern hat mein Verständnis bereichert, und die gesammelten Erfahrungen leiten und informieren weiterhin die Methoden und Einstellungen, mit denen ich mit einheimischen Gemeinschaften arbeite. Die meisten Werkstätten verwenden bereits Fischleder, waren aber froh, neue Gerb-, Färbe- und Drucktechniken zu erlernen, die sie in ihre eigene Praxis integrieren konnten.

Wenn sowohl Luxus als auch schnelle Mode sich von Mohair, Kaschmir, Tierhäuten und Pelz abwenden, wie reagieren Sie dann auf diejenigen, die Fischleder als praktikable Materialoption in Frage stellen?

Die Aquakultur oder Fischzucht hat in den letzten zehn Jahren stetig zugenommen, da die Welt zu einer gesünderen Ernährung übergegangen ist, die Fleisch durch Fisch ersetzt. Mehr als 50 Prozent der für den menschlichen Verzehr gefangenen Fische werden jedoch entsorgt, was zu fast 32 Millionen Tonnen Abfall führt. Ein erheblicher Teil davon ist die Haut, aber eine verbesserte Nutzung von Fischnebenprodukten könnte dazu beitragen, die steigende Nachfrage nach Fisch ohne zusätzliche Belastung des Ökosystems zu nutzen. Fischleder benötigt weniger Energie und Ressourcen für den Anbau als herkömmliche Materialien, so dass die Entwicklung von Verfahren zur Umwandlung von Post-Consumer- und Industrieabfällen in neue Materialien den Druck von der Baumwoll- und Polyesterproduktion nimmt und Abfälle minimiert.

Die isländische Fischledergewinnung hat sich seit über 20 Jahren als zuverlässig und nachhaltig erwiesen und kann weltweit dupliziert werden, um ein Wiederaufleben des Handwerks in Küstengebieten zu fördern, die sich für ihre Ernährung auf Fisch verlassen. Einheimische Fischergemeinden, die früher mit Fischhäuten lebten und sich mit Fischleder bekleideten, konnten Vereinbarungen mit nahegelegenen Fischereigewerben treffen und ihr altes Handwerk wieder aufnehmen, indem sie Fischhäute abholen, sie gerben und daraus etwas entwickeln, was die Wirtschaft positiv beeinflusst.

Nimmt die Luxusindustrie Fischleder als Alternative wahr?

Ja. Marken wie Chanel und Prada verbieten die Verwendung von exotischen Fellen in ihren Kollektionen und PETA kämpft gegen die Verwendung von Reptilienhäuten in LVMH-Marken, da gibt es also eine Chance, Fischleder zu platzieren. Rick Owens und Courrèges tauschten bereits für ihre F/S 20-Kollektion Pelz gegen die Haut der Pirarucu-Fische, ein Grundnahrungsmittel der Amazonasvölker, ein Fischleder, das andernfalls entsorgt werden würde. Es könnte eine Alternative zu gefährdeten Arten wie Krokodil und Python werden.

Sehen Sie eine große Akzeptanz von Fischleder bei der Arbeit von Studenten oder Nachwuchsdesignern?

Diese Workshops bieten Techniken, Methoden und Wissensgrundlagen, die zur Nachhaltigkeitsbildung in Modekursen an Hochschulen beitragen können. Folglich werden die Studenten dann die Modehäuser inspirieren, in denen sie weiterarbeiten, um Fischleder als alternatives, nachhaltiges Material zu betrachten. Einige Schüler, wie zum Beispiel Foning Bao, der es in die Strickwarenindustrie integriert hat, formen unser allgemeines Denken über die Möglichkeiten neu und verwandeln es in einzigartige Modeartikel, die sowohl mit den Ureinwohnern als auch mit dem Ort in Verbindung stehen, oft auf unvorhergesehene Weise.

Was passiert als nächstes im Bereich der Fischleder?

Ich bin derzeit Leiterin des von der University of the Arts London geförderten Projekts "FishSkin; Developing Fish Skin as a Sustainable Raw Material for the Fashion Industry", Teil der Horizon 2020 RISE (Research Innovation Staff Exchange) Ausschreibung. Zu den akademischen Partnern gehören unter anderem die Shenkar University in Israel, die Iceland University of Arts und die Kyoto Seika University in Japan. Unser Ziel ist es, Fischleder in die Modebranche zu integrieren, indem wir die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in Verbindung mit modernster Technologie und dem sich ändernden Geschmack der Verbraucher in den Vordergrund stellen und die bestehenden modischen Annahmen für eine industrielle Markteinführung von Fischleder in Frage stellen. Durch Netzwerktrainingsveranstaltungen generieren wir Wissen über die Disziplinen Modedesign, Materialwissenschaft und Meeresbiologie.

Aber die Möglichkeiten sind endlos. Island, das in der Fischereiindustrie eine Vorreiterrolle spielt, hat eine Vielzahl weiterer Anwendungen für Fischabfälle entwickelt: Enzyme, Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika. Es wurde sogar neues Hautgewebe geschaffen; FDA-zugelassene Pflaster, die Entzündungen reduzieren und die Heilung chronischer Wunden durch Omega-3-Fettsäuren und Kollagen beschleunigen. So könnte es mit Vitaminen und Heilkräften angereicherte Textilien aus altem Fischleder geben, die dieselbe Art von Kollagen und Keratinproteinen enthalten, aus der auch die menschliche Haut besteht. Diese kosmetischen und heilenden Eigenschaften könnten wieder in die Haut eingebracht werden, um ein neues, intelligentes Bio-Material zu schaffen.

Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mallon lehrt Mode in New York und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Photos Elisa Palomino