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Li Edelkoort: Fashion is dead - lang lebe die Mode

Von Simone Preuss

15. Apr. 2015

Mode |HINTERGRUND

Die niederländische Trendforscherin Lidewij "Li" Edelkoort schockte die Modewelt vor einigen Wochen, als sie die Mode für tot erklärte - "It's the end of fashion as we know it" behauptete sie und schob gleich noch ein Manifest mit dem Titel "Anti-Fashion" hinterher, das das derzeitige Modesystem für obsolet erklärte. FashionUnited wollte genauer wissen, ob an der provokanten These etwas dran ist und hat seine eigenen Erkundigungen angestellt beziehungsweise Expertenmeinungen eingezogen.

Edelkoort präsentierte ihr Manifest mit dem Untertitel "Ten reasons why the fashion system is obsolete" auf der Konferenz Design Indaba als jährliche Vorschau ihrer Pariser Agentur Trend Union - eine Präsentation, die normalerweise eine inspirierende Mischung aus Impressionen, Kunst, Kultur, Mode und Natur ist. Die Besucher waren daher sehr überrascht als Edelkoort, nachdem sie erklärte, dass sie Mode leidenschaftlich liebe, in eine Tirade über den Tod der Mode ausbrach.

Hochschulen bilden 'kleine Karls' aus

Konkret kritisierte Edelkoort die Modehochschulen, die ihre Studierenden zu Laufsteg-Designern und Divas heranbilden (zu "kleinen Karls"), einzeln agierende Individuen statt einem vernetzten Kollektiv. "Wir fordern von unseren Studenten noch immer, dass sie herausragende Individuen sind, dabei geht es in der Gesellschaft heute mehr um Austausch und das Arbeiten in Teams und Gruppen", erläuterte Edelkoort.

Rebecca Louise Breuer, Dozentin für kulturelle Philosophie und visuelle Kultur am Amsterdamer Fashion Institute (Amfi) hält dagegen, dass junge Designstudierende dazu ermutigt werden müssen, ihren eigenen Stil und ihre eigene Vision zu entwickeln, damit neue Visionen für die Zukunft der Mode entdeckt werden können. "Diese Studierenden sind keine 'kleinen Karls' und werden es nie sein", sagt sie mit Nachdruck.

Edelkoort prangert auch an, dass Modestudierende ihre Energie mit zu viel anderem verschwenden - sie etwa neben Kleidung auch Taschen und Accessoires kreieren und sich auch noch um Shows, Marketing, Kommunikation und Fotografie kümmern müssen. Dabei komme nicht nur die Kleidung zu kurz, sondern auch das Wissen um Materialien, Stoffe und Designkompetenz. "Die Mode hat den Draht zur Welt und zu den Menschen verloren", behauptet sie.

Breuer sieht dies anders und weist darauf hin, dass Eldelkoort an keiner Modehochschule lehrt, sondern als Trendforscherin Teil desselben "Modezirkuses" ist, den sie kritisiert. Über die heutigen Modestudierenden sagt Breuer: "Sie arbeiten als Teil eines intensiven Studienprogramms, indem sie mit Sicherheit lernen werden, wie man das Wissen über Textilien und Materialien, die Geschichte und Kultur der Mode und traditionelle Techniken auf die Gegenwart anwedenet. Und auch wenn sie lernen, dass es wichtig ist, ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren, so ist dies sicherlich nicht ihre Hauptaufgabe."

Auch die Presse bekommt ihr Fett von Edelkoort ab - die Trendforscherin kritisiert, dass diese ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat und kein allgemeines Fachwissen vorliegt. “Wir haben zum Beispiel in wichtigen Zeitschriften wie Vogue oder Marie-Claire triumphierende Ankündigungen gesehen, dass Muster wieder in sind. Machen Sie Ihre Hausaufgaben, Frau Redakteurin, und hören Sie auf, von Mustern zu reden, wenn eigentlich Jacquard gemeint ist.”

Öffentlichkeit, Marketing tragen Schuld am Untergang der Mode

Auch der Öffentlichkeit ergeht es nicht besser: Edelkoort kritisiert den Mangel an Hintergrundwissen und Zusammenhängen: dass immer billigere Bekleidung auf dem Rücken der Arbeiter in den Herstellungsländern ausgetragen wird, dass Fachwissen vor Ort uninteressant wird und Kleidung durch immer schnellere Saisonwechsel zum bloßen Accessoire wird.

"Marketing hat die Modeindustrie durch übermäßige Ausbeutung zur Strecke gebracht, indem es Designer unglaublichem Stress aussetzt (sie müssen alles tun). Ihre Originalität wird der ständigen Suche nach Slogans geopfert, indem der Markt mit Produkten gesättigt wird, die nette Designs sind, die 'gemocht' werden können (um Parfüm zu verkaufen), zum Nachteil der Kleidung."

Der Londoner FashionUnited-Korrespondent Don-Alvin Adegeest glaubt, dass nicht nur Marketing die Innovation beeinträchtigt hat, sondern auch die wachsenden Zahl von Prominenten, die sich als Designer versuchen und ihre Popularität und Medienpräsenz ausnutzen, um Mode zu verkaufen.

"Was Prominente in einer Saison erreichen können, muss sich ein durchschnittlicher Designer mit eigenem Label über viele Jahre hart erarbeiten. Trotzdem steht jeder in der Modebranche, ja jeder in den meisten kreativen Branchen, angesichts einer allgegenwärtigen Prominentenkultur unter Druck, den größtmöglichen Bekanntheitsgrad zu erlangen. Die Verbraucher sind erfahren und haben Zugang zu all den gewünschten Informationen, also muss auch die Mode Innovation und Technologie einbeziehen", findet Adegeest.

Die Frage, ob die Modebranche tot ist, stellt sich für Adegeest nicht. Er weist darauf hin, dass wir von einer 700-Milliarden-Industrie sprechen, die einen der wichtigsten Sektoren der Weltwirtschaft darstellt. "Sie schafft Arbeitsplätze und Bekleidung für Menschen überall auf der Welt, beschäftigt mehr als 25 Millionen Arbeiter in mehr als 100 Ländern. Es ist zu einfach, sie als 'abgesondert' zu betrachten", so Adegeest.

Breuer sieht Edelkoorts Behauptung ebenfalls gelassen und stellt sie in den kulturellen Kontext - schließlich wurden bereits die bildenden Künste, Fotografie, Geschichte, Philosophie und der Kapitalismus alle schon für tot erklärt, erfreuen sich aber immer noch bester Gesundheit.

Fotos: Sonia Reynolds Kollektion (William Murphy), Anti-Fashion Manifest (Dezeen)