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London Fashion Week: Junge Modetalente üben sich in Gesellschaftskritik

Von Rachel Douglass

24. Feb. 2022

Mode

Bild: Margn

Das DiscoveryLab der Londoner Modewoche präsentierte die Kollektionen von 15 aufstrebenden Designer:innen. Bei den kreativen Prozessen hinter den Entwürfen spielte Gesellschaftskritik eine wichtige Rolle.

Die Modeschaffenden, die am DiscoveryLab teilnehmen, werden vom British Fashion Council ausgewählt. Sie erfüllen noch nicht die Anforderungen, um in das Hauptprogramm der Londoner Modewoche aufgenommen zu werden, sondern unterliegen speziellen Kriterien, die eigens für das Discovery Lab aufgestellt wurden. Die Bewerber:innen sind alle erst seit weniger als drei Jahren in der Konfektionsmode tätig und kommen aus verschiedenen kreativen Bereichen.

Die ausgewählten Designer:innen zeigten ihre Kollektionen digital über die Online-Plattform der London Fashion Week. Dabei präsentieren sie Videos, die die Konzepte hinter ihren Kollektionen, genauer erläutern.

In diesem Jahr stachen vier Themen besonders hervor – von sozialenBewegungen bis hin zur Entwicklung virtueller Identitäten.

Kulturelles Erbe und gesellschaftliche Anliegen

Bild: Margn, Anciela, Strongthe

Kollektionen, die sich stark auf ein kulturelles Erbe stützen, waren eines der wichtigsten Themen des DiscoveryLab in dieser Saison. Junge Designer:innen brachten Elemente aus ihrer persönlichen Erfahrung und ihrer Herkunft in den Entstehungsprozess der Kollektionen mit ein. Der in London lebende, thailändische Designer Strong Theveethivarak ließ sich für die Kollektion seines Labels Strongthe von der Tradition seines Heimatlandes inspirieren. Er kombinierte thailändische Geistergeschichten mit persönlichen Erfahrungen, die an seinen Namen geknüpft sind – was zu einer von „körperlichen Beeinträchtigungen inspirierten Design-Sensibilität" führte, wie der Designer selbst beschrieb.

Designerin Saskia erforschte auf ähnliche Weise ihre “trans-nationale” Identität. Ihre Kollektion reflektiert einen kulturübergreifenden Lebensstil und bietet einen tiefen Einblick in die damit verbundenen politischen Auswirkungen. Durch wiederverwendete Militär-Strickwaren und Upcycling-Techniken brachte Saskia die Geschichte der positiven Ergebnisse, die sich aus den negativen Auswirkungen der Dislokation der Vorfahren ergeben, zum Ausdruck. Eine ähnliche Anekdote wurde in der Kollektion des indischen Labels Margn aufgegriffen. Die 2020 gegründete Marke legte den Fokus auf die Reise von Einwanderern – mit dem Ziel, ein Gespräch über Grenzen und Spaltung zu initiieren. Die Botschaft wurde durch strukturierte Strickwaren, unkonventionelle Silhouetten und upgecycelte Wasserrohre vermittelt, die die „Verbundenheit" der Gesellschaft darstellen sollen.

Bild: Saskia, Abigail Ajobi, Anciela

Abigail Ajobi und Anciela hingegen konzentrierten sich in ihren Kollektionen mehr auf die Schönheit des kulturellen Erbes und die Geschichten von Migranten. Sie ließen sich vom kolumbianischen Blumenfest und der Geschichte der „Silletero", den Blumenträger:innen, inspirieren. Im Mittelpunkt der Kollektion stand die Freude am Migrant-Sein, die in einem digitalen Film mit Darbietungen von lateinisch-britischen Tänzern zum Ausdruck kam. Insbesondere die Kollektion von Ajobi zelebrierte kulturelle Identität – durch einen Film, der die Liebesgeschichte der Eltern der Designerin in Nigeria erzählte. Ajobi zeigte in ihrer Kollektion zwei Drucke, die die Geschichte symbolisch aufgriffen: einen Liebesbrief, der von ihrem Vater geschrieben wurde, und Geldscheine, die Reichtum repräsentieren. Beide Drucke werden als NFTs verkauft.

Wahrnehmung und Experimente

Die FW22-Kollektionen von Je Cai und Sól Hansdóttir zeigten eine experimentelle Sicht auf Mode. Durch systematische Zusammenstellungen und eine Mischung aus Konformität und Individualität stellte Je Cai eine Kollektion vor, die den Austausch zwischen Designer:in und Träger:in fördern soll. Die untereinander austauschbaren Teile der Looks sollen eine eigene Ausdrucksform erlauben und repräsentieren einen nachhaltigen Ansatz für saisonunabhängige Mode.

Bild: Sól Hansdóttir, Je cai

Sól Hansdóttir, die vor kurzem ihren Abschluss am Central Saint Martins gemacht hat, setzte bei ihren Entwürfen ebenfalls auf Experimente und eine nachhaltige Kollektions-Entwicklung, was sich in der Wahl lokaler Produktionsstätten und der Dekonstruktion von Altkleidern zeigte. Hansdóttir wollte mit den Entwürfen vor allem das Verständnis von Realität testen. Dafür modifizierte sie Kleidungsstücke auf eine Art, die sie als etwas gänzlich Neues erschienen ließen.

Weiblichkeit und Gendernormen

Das Thema Weiblichkeit wurde ebenfalls durch einige Kollektionen hervorgehoben. Insbesondere Dreaming Eli by Elisa zeigte eine deutliche Anlehnung an das Thema. Die Marke, die bereits in ihrer zweiten Saison bei DiscoveryLab vertreten ist, ließ sich von Klischees leiten, die typischerweise den Geist und den Körper von Frauen auf bestimmte Stereotypen beschränken. Das Label verdrehte die Wahrnehmung dieser Klischees, indem es Elemente von Edgar Degas Ballettänzerinnen-Gemälde und viktorianischen Miederwaren aufgriff – aber entgegen der üblichen Norm die weibliche Sicht der Dinge zum Ausdruck brachte. In einer Beschreibung der Präsentation sagte die Designerin: „Diese Kollektion ist meine Erfahrung damit, was es bedeutet, weiblich zu sein".

Bild: Florentina Leitner, Ester Kubisz, Dreaming Eli by Elisa

Auch die Designerin Esther Kubisz stellte die Geschlechterkonformität mit ihrer Kollektion in Frage. Dafür interpretierte Kubisz ihre charakteristischen Anzug-Designs neu und schuf eine Diskussionsgrundlage über Masochismus, Beziehungen und allgemeine Gegensätze. Während die österreichische Designerin Florentina Leitner ihren Fokus auf Nachhaltigkeit legt, war auch in ihrer Kollektion das Thema der Weiblichkeit zu erkennen. Leitner, die zuvor für Dries Van Noten arbeitete, präsentierte Looks, die teilweise aus recycelten Abfallsäcken und Flaschendeckeln kreiert wurden. In Kombination mit auffälligen Verzierungen, sollte die Kollektion zeigen, dass eine verbesserte Produktion auch ohne Abstriche an charakteristischem Design möglich ist.

Futurismus und individuelle Identitäten

Natürlich spielte auch die digitale Welt eine maßgebliche Rolle in den Kollektionen der ausgewählten Designer:innen. Das Thema kam besonders bei der Präsentation von Christoph Ritter Studio zum Vorschein. Der in Österreich geborene Designer beschäftigte sich mit Themen wie Futurismus und virtueller Selbstidealisierung – und entwarf eine Kollektion für die umweltbewusste, feierfreudige Jugend. Kleidungsstücke aus recyceltem Kunststoff, wie Shapewear und Catsuits, förderten das Element der Selbstdarstellung. Die wichtigsten Stücke der Kollektion werden als NFTs und als virtuelle Kleidungsstücke über die digitale Plattform Rally verkauft.

Die Schmuckmarke Ex-A Studio entschied sich für eine 3D-Visualisierung und präsentierte die erste Accessoire-Linie des Hauses in einer eindrucksvollen digitalen Präsentation. Die geschlechtsneutrale Kollektion wurde unter Verwendung einzigartiger Rendering-Techniken erstellt, um die Bedeutung der Technologie für den Designprozess zum Ausdruck zu bringen.

Bild: Christoph Ritter Studio, Ex-A Studio
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