Nachhaltigkeit und Arbeiterrechte in der Bekleidungsindustrie: Der Druck auf Unternehmen wächst

Paris - Nach mehreren öffentlichkeitswirksamen Skandalen verpflichtete sich die Textilbranche unter dem Druck der Verbraucher – und im Zusammenspiel mit der aktuellen Gesundheitskrise – sowohl ihre sozialen als auch ihre ökologischen Standards zu verbessern.

Eine problematische Industrie

Für die Nichtregierungsorganisation Greenpeace symbolisiert die Wegwerfmode-Industrie „die Sackgasse unseres Wirtschaftssystems“ und treibt „die Verschmutzung und Zerstörung von Ökosystemen, die Verletzung von Menschenrechten, die Verantwortungslosigkeit multinationaler Unternehmen und die viel zu kurze Nutzdauer von Produkten“ an.

Der Einsturz der Bekleidungsfabrik Rana Plaza in Dhaka, Bangladesch, im April 2013, tötete mehr als 1.130 Menschen und rückte die dunkle Kehrseite der Mode ins Rampenlicht: Ausbeutung, schlimmste Arbeitsbedingungen und die Missachtung von Sicherheitsmaßnahmen. In jüngster Zeit zeigen Berichte und Untersuchungen über die Verwendung von Baumwolle, die aus der Zwangsarbeit von Uiguren in China stammt, dass diese Probleme in der Lieferkette noch lange nicht der Vergangenheit angehören.

Dennoch hat Nathalie Lebas-Vautier „in den letzten drei Jahren“ eine Beschleunigung bei der Berücksichtigung von Fragen der sozialen und ökologischen Verantwortung von Unternehmen (CSR) in der Branche beobachtet. Für die Gründerin von Good Fabric, die Unternehmen bei ihrer CSR-Strategie berät, hat sich der Trend in diesem Jahr sogar „dank oder wegen der Corona-Pandemie noch verstärkt.“

„Wir nutzen keine Baumwolle mehr aus China, nicht nur aus Xinjiang“, erklärte Cara Chacon, Vice President, Social & Environmental Responsibility bei Patagonia in einer E-Mail an AFP. Wir mussten „unsere Lieferkette bis auf die Ebene der Bauernhöfe zurückverfolgen“, erklärte sie und sammelte Informationen von den Lieferanten über ihre eigene Lieferkette, um „die Herkunftsländer der Baumwollfasern zu identifizieren.“

Unterbrochene Lieferkette

Alles andere als einfach, „besonders in Asien“, sagte Olivier Salomon, Direktor bei AlixPartners, zuständig für Vertrieb und Konsumgüter. „Es ist immer wieder überraschend, wie schwierig es ist, genaue Informationen zu bekommen.“

Nicht unbedingt eine Frage des bösen Willens, sondern der Interaktion zwischen den Teams, der Sprache, der Klassifizierung von Informationen. Eine Harmonisierung ist „machbar, kann aber Zeit brauchen“, erklärt der Spezialist. „Es ist eine sehr fragmentierte Branche“, bestätigt Nathalie Lebas-Vautier. „Eine Transformation der Unternehmen erfordert eine kohärente Strategie auf allen Ebenen“, sowie die Einbeziehung aller Stakeholder der Branche.

Zwangsläufige Entwicklung

Die Situation ändert sich auch deshalb, weil „das inflationäre System der Vorordern an seine Grenzen gestoßen ist“, erklärte Céline Choain. „Der Konsum von neuer Kleidung ist rückläufig und die Verbraucher suchen nach nachhaltigen Produkten und greifen immer öfter zu Secondhand-Ware.“

Der Import aus Asien bedeutet jedoch längere Vorlaufzeiten und, wie uns das Jahr 2020 in Erinnerung gerufen hat, eine größere Anfälligkeit im Falle von Grenzschließungen. Die Unternehmen versuchen, ihr Verhältnis zwischen fernen und nahen Importen auszubalancieren", auch wenn das bedeutet, dass sie beim Kauf mehr bezahlen müssen.

Eine weitere Folge von Covid-19, die die Bekleidungsbranche getroffen hat – nach einer vorläufigen Einschätzung des französischen Modeinstituts gingen die Umsätze in Frankreich 2020 um 17 Prozent zurück. Viele Marken haben nicht mehr die Mittel, um exzessive Kollektionen zu finanzieren“, erklärt Céline Choain.

Neue Modelle

Die Krise könnte deshalb zum Entstehen neuer Modelle führen. Die HAKA-Marke Asphalte bietet zum Beispiel an, nur auf Anfrage zu produzieren, auf der Basis eines Prototyps, wobei das fertige Produkt erst einige Monate später beim Kunden eintrifft.

Ein weiteres Arbeitsfeld: Recycling, für Céline Choain „eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahre“, vor allem für Länder wie Frankreich, wo höhere Lohnkosten verhindern, dass das Land mit den Hochburgen der Bekleidungsindustrie konkurrieren kann.

Laurent Thoumine, Executive Director von Accenture Frankreich und Benelux, plädiert schließlich dafür, in den Geschäften "die negativen, sozialen oder ökologischen Auswirkungen" eines Produkts auszuweisen, um das Bewusstsein der Verbraucher dafür zu schärfen, dass ein Zwei-Euro-T-Shirt nicht die gleichen Auswirkungen hat wie ein teureres, aber qualitativ besseres Produkt. (AFP).

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.fr veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Bild : Unsplash, Orchard Road, Singapore, von Francois Le Nguyen

 

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