Neuer EFA-Bericht widmet sich den Bedürfnissen einer nachhaltigen, fairen und kreativen Modebranche
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Die European Fashion Alliance (EFA), ein europäisches Netzwerk nationaler Modeverbände und Institutionen, hat am heutigen Donnerstag einen Branchenbericht zu den Bedürfnissen der europäischen kreativ-getriebenen Modebranche 2025 („On the Needs of the European Creativity-Driven Fashion Industry 2025“) veröffentlicht. Dazu wurden 26 EFA-Mitglieder umfassend befragt, mit besonderem Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Ebenso herangezogen wurden die Erkenntnisse der zuvor veröffentlichten Umfrage „Status of European Fashion“.
„Wenn Europa weltweit eine Führungsrolle einnehmen will, müssen wir die Kreativen stärken, die seine Zukunft gestalten. Dieser Bericht gibt die Richtung für diese Unterstützung vor und zeigt klar auf, wo gezielte Investitionen, eine Angleichung der politischen Maßnahmen und strukturelle Verbesserungen erforderlich sind“, kommentiert Scott Lipinski, CEO des Fashion Council Germany und Vorsitzender der European Fashion Alliance, in einer Pressemitteilung.
Der Bericht benennt sieben Kernbereiche, die systemische Unterstützung benötigen, um sicherzustellen, dass Europa eine weltweit führende Kraft in nachhaltiger und kreativer Mode bleibt. Zu diesem Zweck wurden 63 Empfehlungen zusammengestellt, die den Behörden der Europäischen Union vorgelegt werden sollen. Bei den sieben Kernbereichen handelt es sich um Nachhaltigkeit, Innovation, Ausbildung, Kommunikation und Distribution, verantwortungsbewussten Konsum, systemische Unterstützung der kreativen Modebranche und Stärkung der gesamten Wertschöpfungskette. FashionUnited hat die Kernpunkte und Empfehlungen jedes Kernbereichs zusammengefasst.
1. Nachhaltigkeit und Beschaffung
Während 88 Prozent der Branchenvertreter:innen in Nachhaltigkeit investieren, fehlen 59 Prozent der Unternehmen die notwendigen Instrumente für hochwertige Praktiken. Zu den Barrieren, mit denen KMU konfrontiert sind, gehören die hohen Kosten für „nachhaltige“ Materialien, eine unübersichtliche Landschaft unzuverlässiger Zertifizierungslabels und ein Mangel an Daten über verfügbare Lieferbetriebe.
Der Bericht empfiehlt deshalb eine Überarbeitung der Mehrwertsteuerrichtlinie, um ermäßigte Sätze für zertifizierte nachhaltige Materialien zu ermöglichen. Desweiteren die Entwicklung einer zentralen EU-Plattform mit einer Liste zertifizierter nachhaltiger Materiallieferbetriebe, um Lieferketten zu verkürzen. Auch die Bereitstellung von Gutscheinen oder finanzieller Unterstützung für KMU, um Zugang zu teuren Nachhaltigkeitszertifizierungen zu erhalten, wird hervorgehoben.
2. Innovation und Technologie
Innovation in der Mode wird als zweischneidiges Schwert betrachtet: eine Notwendigkeit für Transparenz (Rückverfolgbarkeit), aber eine Bedrohung für immaterielles kreatives Know-how. Zu den aktuellen Lücken gehört, dass 75 Prozent der befragten Unternehmen derzeit keine innovativen Lösungen zur Gewährleistung der Produktrückverfolgbarkeit nutzen.
Der Bericht schläft daher Zuschüsse für KMU zur Implementierung von Ökobilanz-Tools (LCA), Blockchain und dem digitalen Produktpass (DPP) vor. Ebenso die Finanzierung KI-gestützter IP-Überwachungstools, um gefälschte Waren in Echtzeit zu erkennen und zu entfernen. Auch die Einführung modespezifischer F&E-Steuergutschriften oder spezieller Finanzierungssysteme wäre sinnvoll.
3. Ausbildung und Kompetenzen
Der Sektor ist mit einem kritischen Mangel an Fertigungskompetenzen und einem Wissensdefizit in Bezug auf komplexe neue EU-Vorschriften konfrontiert. Hier zeigt sich eine Regulierungslücke: Nur 52 Prozent der Befragten sind mit der Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) vertraut, einem Eckpfeiler der kommenden Textilgesetzgebung.
Der Bericht empfiehlt daher den Start EU-weiter Kampagnen zur Förderung von Karrieren in der Fertigung und traditionellen Handwerkskunst, ebenso die Schaffung einer grenzüberschreitenden Mobilität im „Erasmus-Stil“ speziell für Lehrlinge in technischen Modeberufen. Er nennt auch die Entwicklung einer einfachen Checkliste zur Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und eines Fahrplans für KMU.
4. Kommunikation und Distribution
Der Bericht stellt erhebliche Unterschiede in der Unterstützung zwischen den Mitgliedstaaten fest, insbesondere zwischen West- und Osteuropa. Zu den Marktherausforderungen gehört, dass sich viele Marken aus Nachhaltigkeitsgründen dafür entscheiden, klein und lokal zu bleiben, sie benötigen aber eine bessere digitale Sichtbarkeit, um gegen „Ultra-Fast Fashion“ bestehen zu können.
Zu den wichtigsten Empfehlungen gehören daher Subventionen für die Digitalisierung, einschließlich Website-Entwicklung und Schulungen für nachhaltigen E-Commerce. Auch Zuschüsse für Marken aus kleineren Märkten zur Teilnahme an internationalen Modemessen und Showrooms werden vorgeschlagen.
5. Verantwortungsbewusster Konsum
Der Bericht betont, dass eine Änderung des Verbraucher:innenverhaltens unerlässlich sei, um kreative Marken zu unterstützen. Was die Verbraucher:innenstimmung angeht, glauben 66 Prozent der Befragten, dass das öffentliche Bild der Modeindustrie derzeit eher negativ oder negativ sei. Die Etablierung eines EU-Siegels „Made in Europe“ bietet sich daher für Produkte an, bei denen Design, Handwerk und Fertigung in der EU erfolgen.
Die Einführung von „Reparaturbonus“-Systemen auf EU-Ebene, um die Kosten für Kleiderreparaturen für die Verbraucher:innen zu senken, wird ebenfalls als sinnvoll erachtet. Schließlich wird die Finanzierung von Forschung zur Bewertung der „extrinsischen Haltbarkeit“ (das heißt der emotionalen Bindung an Kleidungsstücke) und zur sozialen Kennzeichnung genannt.
6. Systemische Unterstützung und Wertschöpfungskette
Die EFA fordert, dass Mode mit der gleichen kulturellen und regulatorischen Flexibilität behandelt wird wie andere Sektoren auch, etwa Musik oder Theater.
Als strategische Initiative wird ein „European Fashion Hub“ vorgeschlagen, eine zentrale digitale Plattform zur Bereitstellung von regulatorischer Beratung, Toolkits und Networking für alle kreativen Marken. Gemäß der De-minimis-Regeln soll die kreative Mode zudem in die kulturellen Ausnahmen der Allgemeinen Gruppenfreistellungsverordnung (AGVO) aufgenommen werden, um ein höheres Maß an öffentlicher Unterstützung zu ermöglichen. Im Rahmen der finanzielle Inklusion sollen zinsgünstiger Darlehen und Mikrofinanzierungen speziell für kleine, in der EU ansässige Produzent:innen eingeführt werden.
7. Stärkung der gesamten Wertschöpfungskette
Der Bericht argumentiert, dass es unerlässlich sei, das Ökosystem, in dem kreative Modeunternehmen agieren zu stärken, um diese systemische Perspektive zu unterstützen. Dazu gehöre, den Zugang zu verantwortungsvollen Materialien für Kleinproduzenten zu erleichtern, handwerkliches und produktionstechnisches Know-how in ganz Europa zu erhalten und zu modernisieren sowie transparentere, nachvollziehbare und fairere Lieferketten zu fördern – sowohl innerhalb der EU als auch durch Partnerschaften mit vertrauenswürdigen Lieferbetrieben aus Drittländern. Indem die EU jedes Glied der Wertschöpfungskette stärke, könne sie die Voraussetzungen für eine wettbewerbsfähigere, zirkuläre und kulturell vielfältigere Wirtschaft schaffen.
„Für Nachwuchsdesigner:innen und unabhängige Labels zeigt dieser Bericht klar auf, was für eine nachhaltige Karriere in der europäischen Modebranche notwendig ist. Die Förderung junger Talente durch gezielte Maßnahmen, leicht zugängliche Finanzierung und faire Rahmenbedingungen steht im Mittelpunkt der Arbeit des Österreichischen Modeverbands, und dieser Bericht bekräftigt diese Mission nachdrücklich. Gleichzeitig erfordert die Erreichung dieser Ziele ein klares und nachhaltiges Engagement der politischen Entscheidungsträger:innen auf europäischer und nationaler Ebene, um die Empfehlungen des Berichts in wirksame Rahmenbedingungen und langfristige Unterstützungsstrukturen für die Modebranche umzusetzen“, fasst Camille Boyer, Präsidentin des Österreichischen Modeverbands, zusammen.
Mehr zum Bericht findet sich auf der Website der European Fashion Alliance.