Paris Fashion Week: Virtuelle Ausgabe enttäuscht Kritiker

"Gebt uns die Laufstege zurück"! Künstlerischer Ehrgeiz war bei der ersten digitalen Fashion Week in Paris an der Tagesordnung, aber die Filme überzeugten nostalgische Kritiker nicht wie die Emotion des "echten" Laufstegs. Zu sehen waren „Kurzfilme, Musikvideos, Trailer, Parfümwerbung. Auch etwas Kleidung", schrieb die einflussreiche Modekritikerin Vanessa Friedman ironisch in der US-Zeitung New York Times.

Wegen des Coronavirus mussten sich die Haute Couture und auch die am Montag zu Ende gehende Männerwoche neu erfinden und die wenigen Outfits, für deren Gestaltung die Designer nach dem Lockdown Zeit hatten, in "kreativen" Videos präsentieren. Eine gute Sache, so die Fachleute: Sie sind für alle zugänglich, jenseits der winzigen Welt der Privilegierten, die sonst zu den Shows eingeladen werden. "Aber ehrlich, geben Sie mir den Laufsteg zurück. Auch wenn ich nie daran gedacht hätte, so etwas zu schreiben", sagt Vanessa Friedman. "Wie prätentiös einige dieser Kurzfilme sind", kommentierte Bridget Foley, Kolumnistin für das Fachmagazin WWD. "Diese digitale Modewoche macht das Modell der realen Show relevant, wenn nicht sogar unerlässlich". "Ich bin durch und durch digital, aber für mich war es nicht gut", sagte die Kritikerin Diane Pernet, die auch das Modefilmfestival ASVOFF leitet, gegenüber der AFP.

Simple Ankündigungsfilme

"Die digitale Sprache ist nicht etwas, das mir gehört, sie ist generationsübergreifend", sagte die künstlerische Leiterin der Dior-Frauenkollektion Maria Grazia Chiuri gegenüber AFP. Der italienische Regisseur Matteo Garrone ("Pinocchio", "Dogman", "Gomorra") inszenierte seine Haute-Couture-Miniaturkleider in einer traumhaften, von Nymphen und Meerjungfrauen bevölkerten Welt. Der 10-minütige Film wurde mehr als 3,7 Millionen Mal angesehen.

Die Haute-Couture-Kollektion von Chanel war ein Teaser-ähnlicher Clip von 1 Minute 22 Sekunden und wurde mehr als 400.000 Mal angeschaut.

Der Designer der Herrenkollektionen von Louis Vuitton, Virgil Abloh, enthüllte kein einziges Kleidungsstück in einem Kurzfilm mit Zeichentrickfiguren und erklärte, dass er die Art und Weise des Herstellens und Präsentieren neu gedacht habe. Seine Kollektionen werden am 6. August während einer Modenschau in Shanghai enthüllt.

Dasselbe gilt für Valentino: ein Mikro-Clip, der ankündigt, dass die Couture-Kollektion des italienischen Modehauses am 21. Juli in Rom in den Cinecittà-Studios live präsentiert wird.

Kleinere Marken sparen Zeit

"Ich bin ein großer Befürworter traditioneller Defilees. Ich vermisse all die Dinge, die man durch Modenschauen einbringen kann. Ich vermisse sie schrecklich. Auch wenn ich sehr stolz auf den Dokumentarfilm bin, den wir gemacht haben, ersetzt er die Emotionen nicht", sagte Kris Van Assche von Berluti gegenüber AFP. In seinem Film spricht er mit dem amerikanischen Keramiker Brian Rochefort, dessen Werke die Kollektion des französischen Luxusgüterherstellers inspiriert haben.

"Nichts bringt so viele Emotionen wie eine Live-Modenschau mit sich, bei der man vom kreativen Moment, der Deadline elektrisiert ust und das Adrenalin spürt", sagt auch Dior-Chef Pietro Beccari. Tatsächlich bereitet Dior am 22. Juli auf dem zentralen Platz von Lecce, in Süditalien, ohne Gäste eine Cruise-Kollektion vor.

Aber für kleinere Marken kann die Online-Modewoche Vorteile haben, sagt Laurent Coulier, Einkäufer der Herrenkollektionen der französischen Kaufhäuser Galeries Lafayette und BHV Marais. "Was die Zeitersparnis betrifft, ist das äußerst interessant. Es ermöglicht uns, die Kollektionen jede halbe Stunde zu sehen und sie alle zu sehen. Bei Modenschauen ist es sonst schwierig, eine globale Vision des Marktes zu haben", sagte er gegenüber AFP. "Es gibt Marken, mit denen wir nicht zusammenarbeiten und die Lust darauf machen können, sie zu entdecken".

Für bekannte Marken ist es eine Gelegenheit, Originalität zu demonstrieren, so der Einkäufer, der als Beispiel die Präsentation von Y/Project anführt, die zeigt, wie man dasselbe "transformierte" Kleidungsstück auf unterschiedliche Weisen tragen kann.

"Was ein bisschen verloren gegangen ist", räumt er ein, "ist das persönliche Gefühl, das man bekommt, wenn man an einen bestimmten Ort eingeladen wird" für die Show. "Modenschauen müssen zurückkehren: die Kleider müssen zurückkommen, ihr Fall und die Stoffe müssen wieder gesehen werden", sagt Paul García, Gründer der spanischen Herrenlabels Oteyza. (AFP)

Dieser übersetzte Beitrag erschien zuvor auf FashionUnited.fr.

Bild: Maison Mihara Yasuhiro

 

Themenverwandte Nachrichten

WEITERE NACHRICHTEN

 

AKTUELLSTE STELLENANGEBOTE

 

MEISTGELESEN