Shanghai Fashion Week: Die Heimkehr der Designer, die "Made in China" neu definieren

Auf der internationalen Modelandkarte positioniert sich die Shanghai Fashion Week als eine Bühne, auf der Labels neu definieren, was "Made in China" bedeuten könnte.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2003 hat sich die Shanghai Fashion Week zu einer attraktiven Modedestination entwickelt, indem sie chinesische Designer fördert, die das Potential haben die Welt zu erobern. Westliche Marken nutzen das Ereignis weiterhin als Tor zum bald weltgrößten Modemarkt und um bei der wachsenden chinesischen Mittelschicht Fuß zu fassen. Mehr als 100 Marken zeigen vom 31. März bis 7. April ihre Kollektionen auf der Shanghai Fashion Week, die voll aufstrebender Talente eine breite Palette von Stilen präsentiert, von ausgefallener Streetwear bis hin zu ultra-romantischen Tüllkreationen.

Kritische Infrastruktur für aufstrebende Designer

Die Teilnahme an einer der vier großen Modewochen steigert das Renommee, aber nur auf der Shanghai Fashion Week stehen die chinesischen Talente im Vordergrund. Die Veranstaltung will einer Generation von Designern, von denen viele an angesehenen Modeschulen studiert haben und oft im Ausland sitzen, die nötige Infrastruktur zum Erfolg bieten. "Die Rolle der Shanghai Fashion Week besteht darin, ein einzigartiges Ökosystem aufzubauen", sagte Lu Xiaolei, stellvertretende Sekretärin der Shanghai Fashion Designers Association, letzte Woche gegenüber der South China Morning Post.

Angel Chen, von Forbes auf die Liste "30 unter 30 Jahren" gewählt, hat seit der Präsentation ihrer ersten Kollektion auf der Shanghai Fashion Week 2014 globale Akzente gesetzt. Inspiriert von japanischen Biker-Gangs und mit dem Traum, der chinesische John Galliano zu werden, erreichte sie das Halbfinale des renommierten Woolmark Prize im vergangenen Jahr. Ihre gleichnamige, in Shanghai ansässige, Marke wird derzeit von Boutiquen wie Luisaviaroma oder Lane Crawford bereits weltweit vertrieben. Nachdem Chen im Februar in Mailand ihre Herbst/Winter-Kollektion 2019 vorgestellt hatte, präsentierte sie auf der Labelhood-Plattform in Shanghai ihre farbintensive, von Streetwear geprägte Kollektion mit ethnischem Touch.

Die Mode Shanghai Fashion Trade Show wird jede Saison von mehr als 4000 Einkäufern besucht, die hauptsächlich vom chinesischen Festland kommen. Entdecken Sie weitere Showrooms und - locations während der Shanghai Fashion Week, indem Sie Ihre Maus über die Karte bewegen.

Der wohl bedeutendste Ort der Modewoche, um aufstrebende Talente zu entdecken, bleibt Labelhood, das mehrere Shows im Tank Shanghai veranstaltet, einem kulturellen Zentrum im Kunstquartier am Flussufer der Stadt. Die Plattform wurde von Tasha Liu aufgebaut, die auch Dongliang (dt.: Säule oder Beauftragter für wichtige Staatsfragen) mitbegründete, einen Concept Store, der hauptsächlich unabhängige chinesische Designer führt. Labelhood unterstützt nicht nur neue Ideen, sondern bietet auch Nachwuchsdesignern die Möglichkeit, Endkunden ihre Kollektionen zu präsentieren und gleichzeitig Einkäufer aus der Modebranche zu gewinnen. Dieser flexible Ansatz unterscheidet sich von den etablierten Modewochen, bei denen nur Fachleute Zugang haben.

Nach ihrer Präsentation auf der Labelhood wurde das Design-Duo Liushu Lei und Yutong Jiang für den International Woolmark Prize nominiert. Mit dem rebellischen “Sweet Girl Look” ihres Labels ShuShu/Tong konnten die beiden bereits eine große Gefolgschaft unter der Generation Z aufbauen. Für Herbst/Winter 2019 zeigte ShuShu/Tong eine Kollektion, die die moderne Power des Lolita-Mädchens mit einem dunklen romantischen Touch ausschmückt.

Der bald weltgrößte Modemarkt

China ist nicht nur reich an Talenten, sondern auch an Superlativen. Das Land könnte die USA als größten Einzelhandels- und Modemarkt der Welt in diesem Jahr übertreffen, während dem Beratungsunternehmen Bain zufolge der Anteil der chinesischen Verbraucher an den globalen Luxusausgaben von 32 Prozent im vergangenen Jahr auf 45 Prozent bis 2025 steigen könnte. Auch wenn Chinas Mittelschicht bereits die größte weltweit ist, wird ihre steigende Kaufkraft internationale Marken fortwährend anziehen.

Shanghai Fashion Week: Die Heimkehr der Designer, die "Made in China" neu definieren

Foto: Diesel Showroom auf der Labelhood

Reebok, die Marke des deutschen Sportartikelherstellers Adidas, präsentierte am ersten Tag der Shanghai Fashion Week eine Laufsteg-Show unter dem Motto "The Other Side". Die gezeigte See now, Buy now Kollektion konnte sofort nach der Show gekauft werden. Die italienische Denim-Marke Diesel arbeitete mit dem Designer Xiangyu (Xander) Zhou an einer Kapselkollektion. Zhou gilt als Pionier der neuen Herrenmode-Ästhetik und Vertreter der ersten Welle chinesischer Designer, die in der Branche weltweit für Furore sorgten. Seine Kollaboration mit Diesel wurbe bei Labelhood lanciert, wo es auch einen animierten Workshop im interaktiven Showroom gab, in dem Denim und andere Kleidungsstücke aus der Kapsel von Zhou selbst gestaltet wurden.

Einst bedingungslose Verehrer westlicher Marken, sind die chinesischen Verbraucher mit der Zeit reifer geworden. Sie legen heute Wert auf Qualität, nicht bloß Marken, und achten auch zunehmend auf das Preis-Leistungsverhältnis. Viele Verbraucher wenden sich daher heimischen Marken zu, die auch ein Gefühl der Identität vermitteln können. Denn die oft jungen Labels haben keine Angst, Risiken einzugehen und zu experimentieren – genau wie die heutigen chinesischen Verbraucher.

Chinesische Designer erlangen weltweite Anerkennung

Designerin Caroline Hu aus Shenzhen erobert die Welt gerade im Sturm. Sie wurde für den LVMH-Preis 2019 nominiert und erst am vergangenen Freitagabend zur Gewinnerin des allerersten Business of Fashion China Prize gekürt, der sie mit 100.000 US-Dollar ausstattete und der Chance, auf der London Fashion Week zu zeigen. Nach ihren M.F.A. an der Parsons School of Design arbeitete Hu beim New Yorker Modedesigner Jason Wu, bevor sie ihr eigenes Label gründete. Ihre romantischen, von dem Maler Matisse inspirierten, Tüllkleider aus für Herbst/Winter 2019 zeugen von einer raffinierten Handwerkskunst.

Susan Fang, die in diesem Jahr ebenfalls für den LVMH-Preis nominiert wurde, nahm ihr Publikum mit auf eine Reise in die "unrealistischen Fantasien" ihrer Erinnerungen. Models in ephemeren und fluoreszierenden Kleidern schwebten in Kristallglaskugel-Sandalen über den Laufsteg. Die aus China stammende und in den USA und Kanada aufgewachsene Designerin mit Sitz in London gründete ihr gleichnamiges Label 2017 nach ihrem Abschluss an der Londoner Modeschule Central Saint Martins.

Ein weiterer Designer, der sein Handwerk an der Central Saint Martins perfektionierte, ist Li Gong, der die Marke 8on8 gründete, ebenfalls im Jahre 2017. Es ist bereits das dritte Mal, dass der Designer auf der Shanghai Fashion Week teilnimmt. Gongs Neuinterpretation klassischer Herrenmode mit futuristischem Look und maßgeschneiderten Silhouetten hat GQ China ins Auge gefasst und 8on8 wurde ausgewählt, um auf der London Fashion Week Men im Juni zu präsentieren.

Bei so vielen Talenten, die nicht vor Experimenten zurückschrecken, bleibt die Frage, welche Designer den Durchbruch schaffen werden, um eine moderne Definition von "Made in China" in der Welt zu repräsentieren. Vorerst spiegeln zutiefst urbane Kollektionen den globalen Streetstyle-geprägten Zeitgeist wider, viele Stücke verwiesen eher auf eine imaginäre Zukunft als auf die Vergangenheit. Auf der Shanghai Fashion Week findet die Realität eines Landes Ausdruck, das mit rasantem Tempo wächst und in den letzten Jahrzehnten immer nur nach vorne blickte, aber nie zurück.

Dieser Text wurde mit Hilfe von Aileen Yu geschrieben. Karte: Heidi Law.

Bild: Shanghai Fashion Week

 

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