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Shanghai Fashion Week: Tradition als Triebkraft der Moderne

Vom schwarzen Tons als Inspiration für Nike-Sneaker bis zum weißen Porzellan bei Maison Margiela: Die Shanghai Fashion Week ist ein Schmelztiegel für Kreativität und kulturellen Austausch.
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Feng Cheng Wang's Show während der Shanghai Fashion Week wird mit einer Perfomance begleitet. Credits: via Label
Von Weixin Zha

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Wie kaum eine Modewoche beweist Shanghai, wie die Trends von morgen durch das kulturelle Erbe eines Landes relevant werden. Die HW26-Kollektionen vieler aufstrebender Labels waren gerade deshalb spannend, weil sie ebenso sehr im Zeitgeist wie in der Geschichte verwurzelt waren. Gleichzeitig bleibt die Stadt auch ein Testlabor für Events globaler Konzerne – von Adidas, über Apple bis zu Margiela.

Zwischen Millionenmetropole und Mythenwelt

Die Modeszene in China ist noch recht jung. Vor etwa zehn Jahren begannen unabhängige Designer:innen – teils nach einem Studium an einer renommierten Mode-Akademie im Ausland – mit dem Aufbau einer eigenen Marke und Fangemeinde. Es gibt kein Archiv wie bei etablierten Modehäusern, vielmehr orientieren sie sich an den weltweiten Laufstegen und adaptieren Trends inzwischen blitzschnell.

Zuletzt schaffen es Designer:innen stets mehr Einflüsse und eine eigene Bildsprache einzubringen, die in lokalen Traditionen wurzeln. Die Kleidung als Produkt wird dadurch nicht nur lokal relevant, sondern durch diese eigene Note stets attraktiver für ein breiteres Publikum.

Samuel Gui Yang FW26 Credits: via Label / Shanghai Fashion Week

Welche Eleganz und Coolness aus der dynamischen Verquickung von Ost und West entstehen, demonstriert die Shanghai Fashion Week Saison für Saison in den Showrooms und auf den Laufstegen.

Die feinsinnige Kollektion des Labels Samuel Gui Yang, der wieder off-schedule während der Modewoche zeigte, gehört sicherlich zu den bemerkenswertesten in dieser Hinsicht. In ihren Looks zwischen Traum und Realität, Mythos und Metropole schreiten die Models versteckt unter einem Baldachin, eingehüllt in eine orangefarbene Seidendecke oder ein weißes Feder-Cape über die Bühne des Laufstegs. Dort verschwimmen die Grenzen von Ost und West zwischen Denim, chinesischen Knotenknöpfen, clean-geschnittenen Mänteln und fließenden Seidenstoffen.

Ao Yes FW26 Credits: via Labelhood

Das vor vier Jahren gegründete Label Ao Yes scheint mittlerweile ebenfalls sein Rezept gefunden zu haben. Die bieder anmutenden und gerade deshalb schicken Looks sprechen mit ihrem clever bis ironischen Spiel von klassischen Kultur-Symbolen eine hyper-urbane Klientel aus den chinesischen Millionenmetropolen an. In dieser Saison wurde eine stilisierte Orchidee durchdekliniert, als Mini-Print auf knielangen Röcken, als Stickerei auf Cardigans oder als Applikationen auf einem Blazer-Rock-Ensemble.

Ultrafeminine Typen

Eine andere wiederkehrende Tendenz auf der Shanghai Fashion Week ist die zur ultrafemininen Mode. Das Label Shushu/Tong präsentierte Looks zwischen Schuluniform und 30er Jahre Glamour für die bourgeoise freche Großstadt-Lolita Shanghais.

Shushu/Tong FW26 Credits: via Label

Die Entwürfe des Designer Jacques Wei erinnerten an die eleganten Ladies aus dem dekadenten Shanghai der zwanziger Jahre, die auf den Pariser Chic schwören, aber ihre eigenen Akzente setzen. In der Kollektion des Designers Xu Zhi waren ebenfalls französische Einflüsse zu erkennen: Leder, Spitze und fließende Fransen sollen an die Bohemians der Rive Gauche der späten sechziger Jahre erinnern.

Jacques Wei FW26 Credits: via Shanghai Fashion Week
Xu Zhi AW2026 Credits: via Shanghai Fashion Week

Die Designerin Susan Fang hat eine unverwechselbare Sprache aus ätherischen Roben entwickelt, deren Schwerelosigkeit von den himmlischen Geschöpfen aus der chinesischen Sagenwelt stammen könnte. Die charakteristischen, verträumten Kleider aus transparenten Stoffen wurden in der HW26-Saison durch Gewänder mit Schleifen in mannigfaltiger Ausführung ergänzt.

Susan Fang FW26 Credits: via Label

Labelhood oder Markenaktivierung vom Feinsten

Doch nicht nur auf den Laufstegen war zu beobachten, wie das Einweben von chinesischer Philosophie und Handwerkskunst visuell ansprechende Designs erschuf, die sowohl authentisch als auch trendsetzend sein können. Auch die Kampagne von Labelhood, einem Inkubator und Store für aufstrebende Modelabels sowie Plattform für Shows während der Shanghai Fashion Week war ein eindrucksvolles Beispiel.

Jede Saison lanciert Labelhood eine Kampagne für sein Festival, das neben den Laufstegen und Showrooms auch Events für Modeinteressierte umfasst. Alle von Labelhood ausgerichteten Shows – wie zum Beispiel die von Oude Waag, WMWM oder Swaying Knit – werden doppelt durchgeführt, einmal für ein Fachpublikum und einmal für Fans und Modeinteressierte.

Die aufstrebenden Labels Oude Waag, WMWM und Swaying Knit zeigten ihre HW26-Kollektionen bei Labelhood. Credits: via Labelhood

Mit ihrer Zugänglichkeit will die Plattform die Wertschätzung und Begeisterung für die Labels von aufstrebenden Designer:innen fördern. Tatsächlich strömen viele bis auf die Knochen gestylte Fans, denen man die Modebegeisterung ansieht, jede Saison so zu den Schauen und dem Modefestival.

Die Kampagne zum Festival ist jede Saison eine interessante Blaupause für Markenaktivierung mit lokaler Ansprache. Für Herbst/Winter 2026 wurde ein bedeutungsvoller Slogan in chinesischer Kalligraphie, “Take a Leap” (dt. "Wag den Sprung”, mit einem trendigen Fotoshoot im Retro-Stil kombiniert.

Passend zum Motiv lancierte Labelhood gleichzeitig in Kollaboration mit dem US-Schuhkonzern Nike einen von chinesischer Handwerkskunst inspirierten Sneaker. Dieser schwarze Shox Z Calistra wird auch gleich von den Models in der Fashion-Week-Kampagne getragen und im Shanghaier Labelhood-Store als Pop-up inszeniert. Das funktioniert so gut, weil die Inspirationen zum Sneaker tiefgründigen Erzählstoff bieten.

Labelhood gestaltet zusammen mit Nike einen Schuh, der subtil in der Kampagne zur Shanghai Fashion Week zur Geltung gebracht wird. Credits: Labelhood

„Der Kern dieses Designs liegt in der Interpretation und Aufwertung kultureller Symbole”, heißt es in einer Mitteilung von Labelhood. „Das Designteam hat die Essenz der meisterhaften Technik der schwarzen Keramik aus der späten Jungsteinzeit Chinas eingefangen und mithilfe eines speziellen Lackleder-Verfahrens die tiefschwarze Farbe und den warmen Glanz nachgebildet, die durch das Feuer des Brennofens entstehen.”

Die Form des Schnürverschlusses ist von den Gitterfenstern der Region Jiangnan inspiriert. Eingebettet in schwarze Tonwaren und die chinesische Glücksfarbe Rot, die sich im Inneren des Schuhs und im Nike-Logo wiederfindet, wird die Zusammenarbeit im Store präsentiert. So findet klassische Ästhetik ihren zeitgenössischen Ausdruck als trendigen Schuh, der im Alltag getragen werden kann.

Der Store von Labelhood setzt die jüngste Nike-Kollab in Szene. Credits: Labelhood

Testlabor Modewoche

Außer Nike nutzten auch andere weltbekannte Marken die Modewoche, um innovative Formate auszuprobieren.

Das Modehaus Maison Margiela zeigte zum ersten Mal in China und markierte mit seiner Show den Start eines innovativen Dialogs mit dem chinesischen Publikum. Zum Abschluss der Shanghai Fashion Week lud Kreativchef Glenn Martens die Gäste in einen Containerhafen, wo die von einem Pariser Flohmarkt inspirierte Ready-to-Wear- und Couture-Kollektion kombiniert gezeigt wurden.

Margiela FW26 Credits: via Label

Direkt im Anschluss an die Show eröffnete eine zwölftägige Ausstellungsreihe in vier verschiedenen chinesischen Städten. Der Dialog mit dem Publikum wurde sorgfältig gestaltet. Auf dem Laufsteg gab es gleich bei den ersten Looks Anklänge an eine bedeutende chinesische Kulturtechnik – Models, die wie Porzellanfiguren anmuten, in ihren Couture-Kleidern aus mit vielen Organza-Schichten überdeckten Gazar-Stoff und passender Maske.

Der Veranstaltungsort der zweiten Ausstellung in Beijing – ein Haus der Peking-Oper – ist mit Blick auf das Thema Anonymität und Masken bei Margiela ebenfalls treffend gewählt. Der Vorstoß des zum italienischen Modekonzern OTB gehörenden Labels folgt den Strategien anderer Luxushäuser, die zuletzt bei ihren Kampagnen stark auf Lokalisierung setzten, um Kundschaft zu gewinnen. Die Investition in die Events steht auch für die Reife des chinesischen Modemarktes, der nun Potential für eine eher unter Modekenner beliebte Nischen-Luxusmarke wie Margiela aufweist.

Margiela FW26 Credits: via Label

Der Sportartikelkonzern Adidas investierte ebenfalls mit einem dreitägigen Event auf dem historischen Gelände der Xintiandi Laguna Grundschule in den chinesischen Markt. Neben einer Modenschau gab es einen Retro-Fußball-Markt und eine Ausstellung mit einem Archiv aus WM-Trikots der Herzogenauracher.

Nächste Welle

Die Modeszene in Shanghai arbeitet auch bereits an der Zukunft der aufstrebenden Designer:innen. Mit den “New Wave Fashion Awards” verlieh die Shanghai Fashion Designers Association erstmals Preise, die eine 360-Grad-Vision von Designer:innen auszeichnen.

Die „New Wave Fashion Awards“ verstehen sich nicht als einmaligen Wettbewerb, sondern als langfristiges Projekt, um vielseitig begabte kreative Talente in der Modebranche zu fördern. Kreative Persönlichkeiten sollen nach ganzheitlicheren Maßstäben beurteilt werden und es geht darum, umfassendere Wege für die innovative Entwicklung chinesischer Designermarken zu erschließen, so eine Mitteilung.

Die HW26-Kollektion von 8NO8 spielt mit absurd-ironischen Details und surreal anmutender Dekonstruktion. Credits: via Label
Ein surreal anmutendes Schlafzimmer im Einkaufszentrum: Installation des Finalisten 8NO8. Credits: via Shanghai Fashion Week

Die sechs Finalist:innen mussten vom 25. bis 30. März ein ortsspezifisches Projekt an Locations in Shanghai vorstellen, das über eine reine Mode-Kollektion hinausging. Gefragt war ein systematisch kreativer Ansatz, um ein immersives Markenerlebnis für Konsument:innen zu schaffen.

Designer Gong Li erschuf beispielsweise für sein Label 8NO8 eine Bettinstallation, ganz im Sinne der launigen Großstadtkinder, die seine Kollektionen bevölkern. Am Ende setzten sich aber andere durch. Das Label Motoguo nahm den ‘Future Force Award’ mit nachhause, Chen Sifan bekam den ‘Public Impact’ Award.

Die Gewinner:innen des New Wave Fashion Awards von links nach rechts: Designer Chen Sifan, Designerin Feng Chen Wang, Motoguo-Duo Huang Gai Wei, Guo Wen Han Credits: via Shanghai Fashion Week

Der Hauptpreis “Visionary of the Year Award” ging an Designerin Feng Chen Wang, die zum zehnjährigen Jubiläum ihres Labels einen Pop-up Store im historischen Gebäude einer britischen Teehandelsgesellschaft in Shanghai ausrichtete. So treffen nicht nur in ihren Kollektionen westliche Streetwear-Einflüsse auf traditionelle Pflanzenfärbetechniken, die Räume des Gebäudes spiegelten ebenfalls den konstanten Dialog zwischen Ost und West wider. Und durch den Bezug zum Tee aus ihrer Heimatprovinz Fujian, mit dem im Pop-up Getränke serviert wurden, brachte sie auch eine persönliche Note ein.

Feng Chen Wang's Pop-up Store in einer ehemaligen Teehandelsgesellschaft. Credits: via Label

Wang hat eine aufregende Woche hinter sich. Sie wählte die Shanghai Fashion Week, um hier mit einer Modenschau zum zehnten Jubiläum ihre Womenswear zu lancieren. Bisher präsentierte sie ihre Menswear-Kollektion in Paris. Zusätzlich präsentierte sie eine Fashion Show in Kollaboration mit dem Techkonzern Apple während der Modewoche.

„Die Anerkennung trägt zur Sichtbarkeit bei und stärkt die Marke”, sagte sie per E-Mail über ihre Auszeichnung. Mit Blick auf die Zukunft geht es für sie im nächsten Schritt darum, die richtige Balance zu finden.

„Kreativität steht nach wie vor im Mittelpunkt, aber wir müssen auch auf eine ganzheitlichere Weise wachsen – kreativ und kommerziell – und etwas Nachhaltiges aufbauen”, sagte Wang. „Persönlich möchte ich neugierig bleiben, weiter lernen und mich ständig weiterentwickeln.”

Feng Chen Wang zeigt ihre Mode zu den Feierlichkeiten von Apple's 50. Geburtstag in Shanghai. Credits: via Label
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