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Trendforscherin Christine Boland: Kreative Explosionen, Paradoxien und Anzüge bestimmen die FW23-Trends

Von Caitlyn Terra

27. Juni 2022

Mode

Bilder: Fendi FW23 via Catwalkpictures/ Dior FW22 via Dior/ Alberta Ferretti FW22 via Catwalkpictures

Wir leben in turbulenten Zeiten – das betont die niederländische Trendforscherin Christine Boland mehrfach während ihres Trendseminars für die Saison FW23. Die Welt steht an einem Wendepunkt, nicht nur im Bezug auf das Klima, sondern auch im Bezug auf Geschlechterrollen und was in der Mode als weiblich und männlich angesehen wird. „Das ist das Spannungsfeld, in dem wir leben", betont sie. „Obwohl diese Zeiten turbulent sind, bieten sie auch Raum für eine 'kreative Explosion'", so Boland. „Die grenzüberschreitende Kraft von Kreativität und Vorstellungskraft wird uns bei dem Wandel, der uns bevorsteht, helfen." Und es ist genau die Kraft der Kreativität und der Vorstellungskraft, die sich in der Trendprognose für FW23 deutlich zeigt.

In der heutigen Zeit gibt es ein großes Paradoxon, sagte Boland. „Wir wollen uns zurückziehen, aber auch mehr denn je verbinden." Dieser Widerspruch findet sich in vielerlei Hinsicht in ihren Einschätzungen für die Saison Herbst/Winter 2023 wieder.

Grenzüberschreitende Kreativität wird den Wandel beschleunigen

Zwei von der Trendforscherin genannten Themen hört man nicht zum ersten Mal – bereits in der FS23-Prognose tauchten sie auf, sie bleiben allerdings allgegenwärtig: es geht um die Entwicklung des Metaverse und des Nanoverse der Natur sowie um die Konzentration auf das Natürliche und Einfache, das in raffinierte Muster und Strukturen umgesetzt wird. Das erste Thema, das sie anschneidet, heißt daher ‘Einfach bis edel’. „Dieses Thema hat eine gewisse Unbeständigkeit, ist aber dennoch sanft", sagt Boland. Denken Sie an skulpturale Formen bei Oberteilen, Accessoires und auch Schuhen. Es gibt eine Taktilität in diesem Thema – zum Beispiel in Form von haarigen und pelzige Strukturen oder Kunstpelz in Kombination mit sehr glatten Oberflächen. Das Thema ist voll von Rhythmen, Strukturen, Mustern und Konstruktionen. Es gibt sogar Elemente der Kunstbewegung Dada, die sich durch einen collagen-artigen Stil auszeichnet.

Bild: Ports 1961 FW22 via Catwalkpictures
Bild: Alberta Ferretti FW22 via Catwalkpictures

Die Entwicklungen im Metaverse und die Forschung im Nanoverse – bei der immer tieferes Wissen über die Natur gesammelt wird – werden unter dem Thema ‘Der natürlichen Intelligenz auf der Spur’ zusammengefasst. „Es ist eine Mischung aus Surrealismus und Hyperrealismus”, sagte Boland. Diese drückt sich durch ein klares Spiel von Linien und Mustern aus, die auf Zellen und Fäden von Mycelium-Strukturen basieren. „Die Formen wirken wie zufällig gewachsen”. Die Mode greift diese Formen durch Ballonärmel und Texturen, die durch Kordelzüge entstehen auf. Nicht zu vergessen ist die Biolumineszenz – ein Naturphänomen, bei dem durch chemische Reaktionen Licht in einem lebenden Organismus entsteht. In der Mode wird es mit leuchtenden Farben umgesetzt, die die Looks beleben.

Bild: Bottega Veneta FW22 via Blanchon Agency
Bild: Bottega Veneta FW22 via Blanchon Agency

Auch der Anzug, der längst nicht mehr der Herrenmode vorbehalten ist, wird ein Comeback feiern. Wie in der Sommersaison 2023, zeigt der Anzug auch in der kühleren Jahreszeit feminine und maskuline Elemente. Anstelle der fließenden Formen der Sommersaison sind die Anzüge nun messerscharf und dennoch elegant. „Es wirkt wie ein Klassiker, ist es aber nicht. Wir sind mit dem Anzug noch lange nicht fertig", sagt Boland. Der Anzug passt zum Thema 'Klischees überwinden', das die Werte der Weiblichkeit und Männlichkeit untersucht. „Die leuchtende rosa Farbe ist geschlechtslos geworden", fügt Boland hinzu. Innerhalb des Themas sticht eine weitere Bewegung hervor: die Vorliebe für Retro-Drucke. Die kommende Saison bringt eine gewisse Nostalgie aus der Mitte des Jahrhunderts mit sich, die in modernen Farben ausgeführt wird. „Farbe ist sehr wichtig. Die Vorliebe für die Drucke und ihre Schlichtheit erinnert teilweise auch an Bolands Vorhersage aus dem Sommer '23, in der der '2D-Look' eine starke Gegenreaktion zur 3D-Welt des Metaverse darstellte.

Bild: Fendi FW22 via Catwalkpictures

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Boland räumt ein, dass einige Themen, die bereits zuvor in anderer Form aufgegriffen wurden, auch in der FW23-Saison weitergeführt werden. Es gibt geringfügige Unterschiede, und darin liegt nach Ansicht von Boland das Wesentliche für die Erneuerung. Der Wandel, den die Welt derzeit in verschiedenen Aspekten durchläuft, ist natürlich nicht von einer Jahreszeit zur nächsten verschwunden. Aber es kommen auch neue Elemente hinzu, wie das Thema der 'Umgestaltung der Geschichte', wie Boland es nennt. Die Geschichte wird gewissermaßen neu untersucht und ergänzt. Sie beschreibt es als eine Kombination aus Romantik und Realität und einen neuen Blick auf das, was gut und schlecht ist. Dieses Thema bedeutet die Rückkehr von Rüstungen, Burgfräulein und Rittern. Es sind Elemente von Kettenhemden zu sehen, "Perlen sind wieder da" und die Farbkombination von Schwarz, Beige und Gold mit üppigen Verzierungen überwiegt. „Es ist super reich und üppig, hat aber eine befremdliche Note." Es könnte sogar ans Hysterische grenzen, sagte Boland und bezog sich dabei auf den historischen Twist, den die Netflix-Serie Bridgerton den Kostümen verleiht.

Bild: Dior FW23 via Dior
Bild: Dior FW23 via Dior
Bild: Dior FW23 via Dior

Einige Themen sind zwar bereits bekannt, aber die FW23-Saison bietet trotz allem ein interessantes Spektrum an Geschichten – von Burgfräulein und Rüstung bis zu messerscharfer Weiblichkeit. Neben üppigen Mustern und Gold gibt es auch einen Reichtum an Strukturen. Zum Glück müssen Modeprofis nicht mit allem zeitgleich arbeiten, aber es gibt genügend Inspiration, um das auszuwählen, was am besten zur Zielgruppe passt.

Dieser übersetzte Beitrag erschien zuvor auf FashionUnited.nl.

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