Vegane Mode am Pranger: Dämonisierung tierischer Produkte soll aufhören

Vegane Mode ist in. Zeichen dafür ist die erste Vegan Fashion Week, die Anfang Februar in Los Angeles Premiere feierte. Doch der Boom ruft immer mehr Kritiker auf den Plan, die den Tierschützern ausgerechnet mangelnde Nachhaltigkeit vorwerfen.

Die „Mythen“ veganer Mode sollen entlarvt werden

Vor etwa einer Woche verkündigte das britische „Consumer Choice Center“ in einer Pressemeldung den Start der Kampagne #ChoiceInFashion: „Wir möchten die Verbraucher über tierische Materialien informieren und die Mythen und urbanen Legenden über vegane Mode entlarven, die von selbsternannten Tierschutzgruppen verbreitet werden.“ Die Konsumenten würden einem zunehmenden Druck ausgesetzt um tierische Produkte zu meiden, beklagt die Kampagne. Der CCC (der sich abkürzt wie die Clean Clothes Campaign) vertritt Verbraucher in über 100 Ländern und kämpft für die Erhaltung der Auswahl an Konsumgütern (nicht nur in der Mode) und gegen die zunehmende Regulierung. „Wir beobachten aufmerksam die regulatorischen Trends in Ottawa, Washington, Brüssel, Genf und anderen Hotspots der Regulierung und informieren und aktivieren die Verbraucher, um für den Fortbestand der Wahlmöglichkeit zu kämpfen“, heißt es weiter. Kurz: Die Dämonisierung tierischer Produkte soll aufhören!

Echtpelz steht seit Jahrzehnten in der Kritik

Angefangen hat alles mit Pelz. Spätestens seit den 80er Jahren weiß jedes Kind, dass echter Pelz eigentlich uncool ist oder zumindest fragwürdig. Wer sich in Deutschland im Nerz auf die Straße traut, muss sich auf Anfeindungen gefasst machen. Seltsamerweise hat das aber nicht verhindert, dass mit der Parkamode seit Jahren wieder Echtpelz an unzähligen Kapuzen oder Mützenbommeln zu finden ist. Oft ohne dass es den Trägerinnen und Trägern dieser Mode bewusst wird. Umfragen ergeben immer wieder, dass sie den Echtpelz für Fake Fur gehalten haben. Sicherlich sind die Unterschiede zwischen echt und unecht inzwischen schwer auszumachen. Spätestens aber das Textilkennzeichnungs-Etikett würde Aufschluss geben können. Fakt scheint: Zwar sind viele Verbraucher gegen Echtpelz, aber sie handeln nicht unbedingt so.

Tierschützer werden Aktionäre

Damit sich das endlich ändert, setzen die Tierschutzorganisationen seit Jahren auf Konfrontation und initiieren medienwirksame Aktionen in den Innenstädten, vor Geschäften, Firmenzentralen oder Messen. Oft mit prominenter Unterstützung. In Deutschland wurden in jüngster Zeit die Filialen von Breuninger und die Luxus-Skimarke Bogner wegen der Verwendung von Echtpelz attackiert. Im Herbst 2018 lenkte Breuninger ein und verkündete, ab 2020 keinen Echtpelz mehr im Sortiment zu haben. Die Nachricht lief sogar auf RTL, und der zunehmende Erfolg beflügelt die Tierschützer. Die Tierschutzorganisation PETA hat sich zudem bei zahlreichen Modehäusern eingekauft und will als Shareholder von innen Einfluss darauf nehmen, welche Materialien in den Kollektionen verwendet werden. So wurde die PETA zum Beispiel Aktionär von Canada Goose, LVMH, Prada etc.

Veganer wollen alle tierischen Fasern verbieten

Inzwischen geht es längst nicht mehr nur um Pelz. Mit der weltweiten Verbreitung des veganen Lebensstils – teilweise ausgelöst durch skandalöse Tierhaltemethoden – landete jeder von Tieren stammende oder erzeugte textile Rohstoff auf der roten Liste – von Leder über Seide bis hin zu Wolle und Daune. Grausame Berichte über Tierquälerei bewirkten so viel öffentlichen Druck, dass zahlreiche Modeunternehmen lauthals nicht nur die Verwendung von Echtpelz oder exotischem Leder eingestellt haben, sondern auch von Mohair, Angora und Seide. Die Liste der Marken wird immer länger und reicht von Chanel bis Esprit. Gleichzeitig werden immer mehr vegane Kollektionen eingekauft, beispielsweise bei Marks & Spencer. Selbst Messen reagieren: die Helsinki Fashion Week hat im letzten Sommer Leder verboten.

Die Nutzung von Exotenleder ist Tierschutz

Jetzt ist es aber so, dass inzwischen einige Tierschützer das genaue Gegenteil verkünden: Gerade die wirtschaftliche Nutzung bestimmter Tierprodukte sichert den Fortbestand dieser Rassen und verhindert eine unkontrollierbare Tötung von Wildtieren. Das gelte zum Beispiel für viele Exotenleder. Diese Tiere werden in Farmen zur Ledergewinnung gezüchtet und seien nur deshalb noch nicht vom Aussterben bedroht. Als Chanel 2018 auf den öffentlichen Druck hin aus der Verwendung von Reptilienleder ausstieg, lautete die Reaktion: „Statt daran zu arbeiten Verbesserungen herbeizuführen, wählt Chanel den faulen Weg“, zitiert Business of Fashion Dr. Rosie Cooney, Vorsitzende der IUCN Species Survival Commission's Sustainable Use and Livelihoods Specialist Group. Das Prädikat „guilt-free“, das sich vegane Mode auf die Fahnen schreibt, wird so ins glatte Gegenteil verkehrt.

Vegane Mode ist umweltschädlich

Doch damit nicht genug: In dem Maße wie der vegane Lebensstil zum Mainstream wird, mehren sich auch die Vorwürfe der Umweltschützer, die zwar den Tierschutz grundsätzlich befürworten, aber die Verwendung synthetischer Materialien ablehnen. Was als veganes „Leder“ verkauft wird, ist oft nichts anderes als Polyester oder Polyurethan. Also eine Kunststofffaser, die erstens aus Erdöl gewonnen wird und damit nicht nachwachsend ist, zweitens nicht biologisch abbaubar ist und so unseren Planeten vermüllt und drittens als Mikroplastik in die Nahrungskette gelangt. Und viertens: Es gibt derzeit noch keine Methode um Schuhe zu recyceln. Problematisch ist auch der vegane Wollersatz: Für einen wollähnlichen Look sorgt die Kunstfaser Polyacryl.

Vegan ist nicht gleich umweltfreundlich

Daraus ergibt sich, dass vegane Mode eben nicht unbedingt eine umweltfreundliche oder nachhaltige Alternative ist. Dass hier unterschieden werden muss, ist wichtig und wird vielleicht tatsächlich oft übersehen. Dennoch ist der Ton so mancher aktuellen Anti-Vegan Kampagne irritierend. Dem gängigen Argument, vegane Mode setze auf Plastik und vermülle die Umwelt, fehlt genauso die Tiefenschärfe wie dem generellen Vorwurf der Veganer, Tierprodukte entstammen grausamen Tierzuchtmethoden. Beides ist nicht richtig: Weder sind alle Tierfasern per se umweltfreundlicher als Synthetikfasern noch werden alle Tiere grausam gehalten. Das eigentlich Irritierende ist daher: Hier werden ethische und nachhaltige Argumente vermischt und instrumentalisiert. Wer sich entscheidet, keine Tierprodukte zu nutzen, tut das in der Regel aus ethischen Gründen. Und diese haben nicht per se etwas mit Umweltschutz zu tun.

Foto: FashionUnited / Regina Henkel

 

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