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Von Feenstaub bis skulpturale Mode: Die FW26-Trends aus Tokio

Mode
Pays des Fées FW26 Credits: ©Launchmetrics/spotlight
Von Ole Spötter

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Mit der Tokyo Fashion Week neigt sich nun auch die internationalen Laufsteg-Schauen der Saison Herbst/Winter 2026 der Womenswear dem Ende zu. Die Designer:innen blickten in der japanischen Hauptstadt in die Vergangenheit, um sich von längst vergangenen Epochen und mystischen Wesen inspirieren zu lassen, zeigten aber auch ihr Geschick für Handwerk und das Kreieren von modischen Skulpturen.

Modegeschichte

FW26 (v.l.n.r.): Houga, Agnes B. und Mukcyen Credits: ©Launchmetrics/spotlight
In dieser Saison scheinen einige Designer:innen – nicht nur in Tokio – die Geschichtsbücher der Mode durchforstet und sich von vergangenen Tagen inspiriert zu haben. So wurden verschiedene Silhouetten präsentiert, die an Kreationen aus dem 18. und 19. Jahrhundert erinnerten. Die meisten Looks waren hoch geschlossen, zeigten fast keine Haut, setzten auf Layering und zurückhaltende Farben, darunter Schwarz, verschiedene Weißtöne und Navyblau. Abgerundet wurden sie oft mit einem verspielten Detail wie einem besonderen Head-Piece. Rüschen-Details – besonders am Kragen – verliehen einigen der Kombinationen den Feinschliff.

Die Designerin Moe Ishida des in Tokio ansässigen Labels Houga ließ sich für ihre Kollektion „Our Playground“ von New Yorks experimentellen Theaterstücken des Off-Off-Broadway und anscheinend auch dessen Fundus inspirieren. So zeigte sie unter anderem ein blaues Trägerkleid mit einem stufigen, weitgefächerten Rock, das über einer schlichten weißen Bluse gestylt wurde.

Die Französin Agnès Troublé, Gründerin der Marke Agnès B., zeigte im Rahmen des “by R”-Projekts des Fashion Week-Sponsors Rakuten und präsentierte 35 Pieces, die exklusiv über die Fashion-Plattform des japanischen Mischkonzerns erhältlich sind. Besonders hervor stach dabei ein taillierter Gehrock in Beige, der mit einem Dreispitz-Hut und Lederschuhen mit großem Riemen kombiniert wurde. Kenner:innen der Marke fällt auf, dass es nicht das erste Mal ist, dass die Designerin diesen Look auf den Laufsteg schickt. Er war bereits Teil der SS26-Kollektion, die im Rahmen der Pariser Modewoche gezeigt wurde.

Auch das japanische Label Mukcyen der Designerin Yuka Kimura integrierte verschiedene historische Referenzen in die Kollektion, die auch immer wieder auf zeitgenössische Stoffe und Schnitte trafen. Dabei ist ein knielanger Mantel hervorzuheben, dessen Silhouette durch eine Corsage tailliert und einen transparenten Unterrock ausgestellt wird. Darunter wurde eine weiße, lange Rüschenbluse in Szene gesetzt, die besonders durch ihre voluminösen Manschetten sowie den hoch geschlossenen, aufgebauschten Kragen hervorsticht.

Fairytaile

FW26-Kollektionen (v.l.n.r.): Mukcyen, Pays des Fées und Marika Suzuki Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Weniger von den historischen Pieces, als von den Geschichten der Brüder Grimm inspiriert, scheinen die verzaubernden Looks der Marken Pays des Fées und Marika Suzuki zu sein

Das japanische Label Pays des Fées (franz.: Märchenland) ließ Feen für sein 20-jähriges Jubiläum über den Laufsteg gleiten, dessen Looks zum Teil von dem eigenen Archiv der letzten zwei Jahrzehnte inspiriert waren. Dazu kamen Einflüsse aus der animistischen und pantheistischen Weltanschauung, die in religiösen Gemälden vom 6. bis 11. Jahrhundert zu finden ist, heißt es in den Shownotes. So war die ganze Kollektion von einem Zusammenspiel aus mystischen Wesen im Einklang mit Flora und Fauna durchdrungen. Schmetterlingsflügel reihten sich neben Hörnermützen ein, während fast die gesamte Kollektion in Glitzer und Tüll gehüllt war. Farben wie ein zartes Rosa, verschiedene Grüntöne und Himmelblau dominierten die Looks.

Marika Suzuki tauchte derweil in die versunkene Welt der Meerjungfrauen ab. Die Spezialistin im Bereich Fashion Research – hinter dem gleichnamigen japanischen Label – nutzt ausrangierte Plastikflaschen sowie beschädigte Kimonos und Textilien als Grundlage für ihre Kollektion. Plastik taucht in der Kollektion bei verschiedenen Headpieces und als Details in voluminösen Kleidern auf, die durch die gekräuselte Form und Farben wie Grün und Rot an Korallen und Algen erinnern lassen, die die Träger:innen umschließen. Transparente Stoffe, Tüll und schimmernde Stoffe, die mit einer Farbgebung aus Rot, Blau und Türkis dem Regenbogenfisch gleichen, vertiefen das Gefühl, sich irgendwo in den Weiten des Ozeans zu befinden.

Creepy Cute

FW26 (v.l.n.r.): Taiwan Select, Yushokobayashi und Yueqi Qi Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Erstmals präsentierte auch der Modeverband Taiwan Textile Federation das Projekt Taiwan Select während der Modewoche, an dem die drei Labels PCES Studio, Yentity und Chia teilnahmen. Das Designer:innen-Trio hinter PCES wollte mit seiner Kollektion “There is no Party without you” die Träger:innen in den Mittelpunkt stellen und zum “Star” machen. Sie brachten unter diesem Motto den feenhaften Vibe mit Tüll und Rüschen in die Gegenwart zu einer Generation, die sich hauptsächlich im Internet bewegt. Besagte Komponenten wurden mit Streetwear-Pieces wie von Sternen verzierten Kapuzenpullovern kombiniert.

Designerin Yueqi Qi, die ihr gleichnamiges Label 2019 nach ihrem Abschluss an der renommierten Londoner Modeschule Central Saint Martins (CSM) gründete und Stickereien sowie Glasperlen in ihre lebhaft bedruckten Stoffe integriert, schien eine ähnlich Ästhetik aufzugreifen. Sie wurde dabei allerdings eher von Nostalgie geleitet, da sie sich für FW26 von einer ehemaligen unterirdischen Einkaufspassage im japanischen Niigata inspirieren ließ. Dabei trafen von Dessous inspirierte Details auf Looks zwischen Schuluniform und Skikleidung, die abseits der dicken Winterjacken mit Fellkragen viel Haut zeigten. Pixel-Motive wie Kätzchen und Blumen waren neben einem Zeichenblock-Print und Häschen-Stickereien zu sehen. Das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Elemente ließ die frühen 2000er wieder aufleben, ohne den bisherigen Key-Pieces des Y2K-Trends der vergangenen Saisons zu folgen.

Yusho Kobayashi, der ebenfalls einen Abschluss an der CSM machte, verwandelte derweil seinen ganzen Laufsteg in ein Meer aus künstlichen Blumen in Rosa und Lila, durch das die sehr jungen, fast schon kindlich wirkenden Models zu einer mystisch, elektronischen Pop-Musik schritten. Sie präsentieren eine verspielte Kollektion, die auf Patchwork, Layering und Häkel-Elemente baute. Im Fokus standen mit großen Schleifen verzierte, voluminöse Kleider, deren Material wie zerknittertes Papier wirkte und von kindlichen Malereien verziert waren. Der chaotisch-wirkende Mix harmonierte mit der japanischen "Kawaii"-Ästhetik – Pastell-Farben, weiche Texturen, einfache Grafiken und Niedlichkeit – zu der auch das etwas düstere Subgenre Gurokawa – "Creepy Cute" – gehört. Düster und niedlich zugleich scheinen auch bei der Kollektion die tragenden Adjektive zu sein.

Skuplturen

FW26 (v.l.n.r.): Enföld, Ryunosukeokazaki und Grounds Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Einen ganz anderen Weg schienen die folgenden Marken eingeschlagen zu haben, die ein besonderes Augenmerk auf die Silhouette selbst legten.

Die in Japan ansässige Marke Enföld, die für ihre skulpturalen Designs bekannt ist, setzte für diese Saison mit der Kollektion “Living Sculpture” eine von Formen und Layering geprägte Kollektion in Szene. Von weichen Kanten und Rundungen geprägte Pieces wurden mit asymmetrischen Schnitten und gekürzten Oberteilen gegenübergestellt.

Ryunosuke Okazaki, der 2022 bereits zu den Finalist:innen des LVMH-Nachwuchspreises gehörte, baut mit seinen Kleidungsstücke aus Draht und dehnbarem Stoff ebenfalls auf skulpturale Arbeiten. Diese Elemente schlängeln sich teils wie die Visualisierung von Bewegungen in Zeichentrickfilmen um den Körper und wirken fast wie ein futuristische Rüstung aus einem Videospiel. Auch wenn der japanische Designer bisher weniger auf Ready-to-Wear-Pieces setzte, probierte er einzelne Stücke wie Poloshirts in die Kollektion zu integrieren. Doch selbst diese kamen nicht ohne einen Draht in den Schulterpartien aus.

Auch beim japanischen Sneaker-Spezialisten Grounds, der seine FW26-Kollektion schon einige Wochen zuvor in Paris zeigte, war eine ähnliche skulpturale Form beim finalen Look zu erkennen. Zu sehen war ein voluminöses, langes Kleid, das besonders durch die stark ausgestellten Schultern auffiel, die fast schon Engelsflügeln gleichen.

Weitere Trends im Überblick

Abseits der konzeptionellen Übereinstimmungen schien es in Tokio diese Saison aber auch wieder einzelne Designelemente zu geben, die sich bei mehreren Designer:innen in den Kollektionen wiederfanden, darunter Rautensteppung und Foto-Drucke.

Rautensteppung

FW26 (v.l.n.r.): Pays des Fées, Viviano und Eitaro Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Die Rautensteppung ist in der Oberbekleidung besonders im Reitsport beliebt, findet ihren Anklang aber auch immer wieder bei experimentellen Pieces. In Tokio fand sie vor allem bei weißen, knielangen Mänteln Verwendung, die an Tagesdecken erinnern. Pays des Fées integrierte den Stoff aber auch in ein kurzes – fast schon Cape-artiges – Jäckchen mit Keulenärmeln.

Fotodurcke

FW26-Kollektionen (v.l.n.r.): Kotohayokozawa, Yoshiokubo und Agnes B Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Auch der Einsatz von Fotos, die Alltagsgegenstände oder -situationen zeigen, waren ein beliebtes Design-Element. Dabei reichen die Varianten von einem einfachen großen Print, der sich über das gesamte Oberteil zieht, über eine Kachel-Collage mit verschiedenen Motiven bis zum Allover-Print.

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