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Vorwiegend flauschig: Menswear auf der Copenhagen Fashion Week

Von Jan Schroder

6. Feb. 2017

Mode

Mode für Männer spielt auf der Kopenhagener Modewoche traditionell eine große Rolle. Und in dieser Saison umso mehr: „Ich mich nicht erinnern, wann wir zuletzt so viele interessante Menswear-Designer im Programm hatten“, hatte Camilla Frank, die neue Chefin der Copenhagen Fashion Week, schon im Vorfeld gesagt. Dementsprechend lag der Fokus in der vergangenen Woche auf den Männerkollektionen. Und die enttäuschten nicht.

Tonsure: Hoffnungsträger mit eigener Handschrift

Die größten Erwartungen ruhten auf dem Label Tonsure. Die 2013 gegründete Marke hatte zuletzt unter anderem durch den Gewinn des europäischen Woolmark-Preises international auf sich aufmerksam gemacht. Am Mittwoch durfte sie die neue „Showscene“, die erstmals eigens für Modenschauen eingerichtete Halle der Messe CIFF, eröffnen – und präsentierte eine hochinteressante Kollektion, die gleich einige der wichtigsten Menswear-Trends der Kopenhagener Modewoche vorführte. Dass es in der Männermode derzeit nicht um scharfe, körperbetonte Silhouetten, sondern eher um lässige Oversize-Kreationen geht, hatte ja schon Raf Simons im vergangenen Sommer mit seiner Präsentation auf der Pitti Uomo in Florenz deutlich gemacht. Und die gleiche Richtung schlug Tonsure ein.

Das Label ist bekannt für seine Vorliebe für ausgesprochen flauschige Materialien – mit dem Sieg beim Europa-Finale des Woolmark-Preises bewies es seine Expertise im Umgang mit Merino-Wolle, auch echter Pelz und Kunstfell spielen bei Tonsure eine große Rolle. Bei den originellen Pelzattrappen hat das Label einen Partner gefunden, der einiges über den Charakter der Entwürfe aussagt: Es lässt die entsprechenden Stoffe beim deutschen Plüschtier-Hersteller Steiff fertigen. Und so fielen auch die Kreationen entsprechend kuschlig aus.

Highlight der Kollektion war ein Kunstfellmantel in Orange- und Brauntönen. Den Stoff hatte Steiff geliefert, die Drucke kamen von Tonsure. Bequem waren auch die Schnitte: Weit, kastig und körperfern. Klassische Vorbilder bildeten den Ausgangspunkt, die kreative Überzeichnung charakteristischer Elemente – etwa Revers, die so überdimensioniert waren, dass sie ein Eigenleben gegenüber den zugehörigen Jacken zu entwickeln schienen – zeigte den durchaus vorhanden Avantgarde-Anspruch. Hier bewies das Label eine unverwechselbare Handschrift. Ebenfalls nicht fehlen durften voluminöse Steppjacken – die scheinen ein langlebiger Trend zu sein, waren sie in Kopenhagen doch nicht nur auf den Laufstegen, sondern auch schon im Publikum bei den Schauen allgegenwärtig.

Henrik Vibskov: clever und smart

Bequeme Körperferne – und die damit einhergehende latente Androgynität – gehört bei der Männermode von Henrik Vibskov schon immer zum Programm. So hat der Großmeister der dänische Menswear seit Jahren unabhängig von aktuellen Trends entworfen.

In dieser Saison trafen seine Kreationen nun auch den Zeitgeist. Überdimensionierte Daunenjacken, avantgardistische Pullover, bei denen die bekannten Polka Dots sich höckerartig vorwölbten, und japanisch angehauchte Entwürfe mit fedrig ausfasernden Stickereien hatte er diesmal zu bieten. Aber in einer Saison, in der ansonsten lässige Weite und informelle Gemütlichkeit dominierte, wusste Vibskov mit einigen für seine Verhältnisse ausgesprochen smarten Teilen zu überraschen. Zu den Höhepunkten seiner Kollektion zählten gestreifte Anzüge aus einem weichen, dreifarbigen Gewebe, die mit dem Farbkanon Blau-Weiß-Rot an klassisches Dandytum des vorletzten Jahrhunderts anknüpften.

Dass Vibskov immer nicht nur Kleidung, sondern auch eine künstlerisch hochwertige Inszenierung zu bieten hat, die weit über den Horizont konventioneller Modenschauen hinausgeht, gehört schon zur Tradition. Diesmal hatte er für seine Performance den spektakulärsten Ort der Fashion Week gewählt: das Østre Gasværk Teater, ein zum Theater umgebautes Gasometer aus dem 19. Jahrhundert. In der riesigen, kuppelbekrönten Rotunde ließ Vibskov seine Models eine abstrakte Performance von Tänzerinnen umkreisen, die eine Maschinerie luftgefüllter Kolben bewegten. Mode und Kunstinstallation ergänzten sich hier perfekt,

Han Kjøbenhavn: kontroverse Show, trendige Entwürfe

Etwas anders sah dies beim Label Han Kjøbenhavn aus. Es nutzte die geräumige Halle der CIFF-Showscene für eine Inszenierung, die ein geteiltes Echo fand. Inmitten des Laufstegs hatte Han Kjøbenhavn eine Holzbühne aufgebaut, auf der als mannsgroße Ratten maskierte Schauspieler – in Bademänteln des Labels – mit Kapuzen verhüllte Models im Laufe der Show an Galgen scheinexekutierten. Sogar in der offiziellen Tageszeitung der Fashion Week, die ansonsten den Schauen nicht unbedingt kritisch gegenübersteht, war zu lesen, die Aufführung sei „unsensibel“ und „geschmacklos“ gewesen. In New York, wo Han Kjøbenhaven durchaus erfolgreich einen eigenen Flagshipstore betreibt, hätte man das Label aufgrund der Darbietung „aus der Stadt gejagt“, hieß es in der Rezension der Show.

Selbst Zuschauer, die das ganze weniger emotional sahen, erklärten, die Performance habe von der gezeigten Kollektion abgelenkt. Was schade war, denn Han Kjøbenhavn bediente mit seine neuen Entwürfen geschickt die aktuellen Begehrlichkeiten. Zu sehen waren auch hier gelungene Interpretationen von Menswear-Klassikern in Übergröße, etwa weite, dick gesteppte Bomberjacken oder weiche, körperfern geschnittene Mäntel. Des kalkulierten Eklats hätte es nicht bedurft, um die gewollte Aufmerksamkeit zu erregen.

Auf den ersten Blick scheint die neue Kopenhagener Männermode nicht nur internationale Trends zu bedienen, sondern auch perfekt zum derzeit so angesagten dänischen Gemütlichkeitsklischee der „Hygge“ zu passen. Aber die Designer haben bei näherem Hinsehen doch deutlich mehr zu bieten als simple Stereotype.

Fotos: Victor Jones (1), Copenhagen Fashion Week (10), FashionUnited (1)