Warum litauische Designer:innen auf eine eigene Fashion Week setzen
Auf die Frage von FashionUnited, was der litauischen Modeszene fehle, antwortet der Designer Kęstutis (Kestas) Rimdžius prompt. Es mangele nicht an Talent, Kreativität oder Können, sondern an einer größeren Plattform. „Da wir ein kleines Land sind, fehlt uns manchmal die internationale Anerkennung“, sagt er.
Das ist einer der Gründe, warum Rimdžius, seit 25 Jahren in der Branche und in Litauen eine bekannte Größe, bei der zweiten Ausgabe der Vilnius Fashion Week gezeigt hat. Zuvor hat er bereits auf der Pariser und der Rigaer Fashion Week präsentiert. Die Vilnius Fashion Week war 2025 nach 25 Jahren Pause zurückgekehrt, organisiert von Elle Litauen und Elle Baltic.
„Wir möchten Vilnius auf die internationale Modekarte bringen“, sagt Berta Čaikauskaitė, Kommunikationsleiterin der Vilnius Fashion Week, gegenüber FashionUnited. „Wir müssen mutig und ehrgeizig sein, wenn wir wachsen wollen.“ Programm, Teilnehmerfeld und Besucher:innenzahl sind gegenüber dem Vorjahr gewachsen.
Die Woche läuft vom 28. August bis zum 7. September 2026. Ihr Herzstück war am 2. September die Elle Iconic Night im Großen Innenhof des Palasts der Großfürsten von Litauen, bei der zehn litauische Designer:innen kuratierte Kollektionen zeigten, von Kapselkollektionen exklusiv für die Veranstaltung bis zu saisonalen Arbeiten. Rimdžius war zum zweiten Mal in Folge dabei, ebenso Agnė Kuzmickaitė, eine erfahrene Bühnen- und Kostümbildnerin mit eigenem gleichnamigen Label.
Ein Heimatmarkt von 2,8 Millionen Menschen reicht nicht
„Litauische Marken können sich nicht allein auf unseren Heimatmarkt verlassen“, sagt Rimdžius. Mit rund 2,8 Millionen Einwohner:innen ist das Land zu klein, um das Wachstum einer etablierten Marke wie seiner oder der von Kuzmickaitė zu sichern. Deshalb zeigt er weiterhin im Ausland und in seiner Heimatstadt, statt internationale Anerkennung nur anderswo zu suchen.
„Die Fashion Weeks in Riga, Paris und Vilnius haben alle ihre eigene Energie, und ich genieße es, auf allen zu präsentieren. Aber es ist wichtig, einen starken Markt am eigenen Standort zu haben und sich mit lokalen Einkäufer:innen und Kund:innen zu vernetzen.“ Kuzmickaitė, die bereits in London, Berlin und Paris gezeigt hat, sieht es ähnlich. „Designer:innen brauchen eine Plattform wie die Fashion Week, um ein größeres Publikum zu erreichen“, sagt sie. Im Oktober veranstaltet sie zusätzlich ihre eigene Show, bei der sie die Inszenierung vollständig selbst bestimmen kann.
Was eine internationale Fashion Week kostet
Sichtbarkeit hat ihren Preis. Als Rimdžius im März sein Debüt auf der Paris Fashion Week vorbereitet hatte, kam es zu unerwarteten Reiseunterbrechungen. Seine Models, das Haar- und Make-up-Team und Teile seiner Kollektion konnten nicht wie geplant anreisen, dazu kam ein Wechsel des Veranstaltungsortes. Statt abzusagen, buchte er alles um, zu erheblichen Mehrkosten. „Sie wollen nicht wissen, wie viel Geld ich ausgegeben habe“, sagt er. Zu seiner Überraschung kamen am Ende nicht nur Freund:innen und Stammkund:innen aus Litauen, sondern auch internationale Einkäufer:innen und Redakteur:innen.
„Ich wünschte, es gäbe mehr Transparenz bei den finanziellen Aspekten einer Fashion-Week-Show“, sagt Kuzmickaitė. Die richtige finanzielle Unterstützung zu sichern gehöre zum Schwierigsten an der Führung einer Modemarke in Litauen. Für eine internationale Skalierung wäre sie offen für Partner:innen oder Geldgeber:innen, allerdings nicht um den Preis ihrer kreativen Unabhängigkeit.
Zwischen Kreativität und Kommerz
Kuzmickaitė ist bekannt für extravagante und dennoch moderne Entwürfe. Kommerziell erfolgreich wurde zuerst ihr Schmetterlingsmotiv, das sie Anfang der 2010er-Jahre auf T-Shirts und Baby-Strampler druckte und das inzwischen ihr Markenzeichen ist. Aus dem Motiv entstand eine Kooperation für Bettwäsche, von der sich 600.000 Stück verkauften und die ihr Kategorien eröffnete, in die sie nie eintreten wollte. „Manchmal möchte ich künstlerischere oder avantgardistischere Designs entwerfen, aber ich muss das mit den Wünschen und Erwartungen meiner Kund:innen in Einklang bringen“, sagt sie. Ihrer Arbeit soll die jüngere Generation litauischer Designer:innen etwas abschauen können.
Generationswechsel im litauischen Modedesign
In den 25 Jahren der Pause hat sich die litauische Modeszene verändert. Zu Beginn von Rimdžius' Karriere war eine klassische Ausbildung die Regel, viele arbeiteten wie Kuzmickaitė als Kostümbildner:innen. „Aufstrebende Designer:innen sind heute mehr von Trends und Streetwear geprägt“, stellt er fest, und legten weniger Wert auf technische Konstruktion oder eigenen Stil. Kuzmickaitė sieht es ähnlich. Viele litauische Designer:innen, die im Laufe der Jahre kamen und gingen, hätten Schwierigkeiten gehabt, kulturell relevant zu bleiben, weil sie zu trendorientiert gewesen seien.
Auch die soziale Dynamik ist eine andere. Früher habe es unter den Designer:innen des Landes mehr Konkurrenzkampf gegeben, erzählt Rimdžius, manche hätten schnell schlecht über andere geredet. In den letzten Jahren sei daraus Kameradschaft geworden. „Es ist schön zu sehen, dass sich so viele Designer:innen jetzt gegenseitig unterstützen und ermutigen“, sagt er.
Kuzmickaitė wuchs auf, als Litauen noch unter sowjetischer Herrschaft stand. Sie erinnert sich, wie sie nach der Unabhängigkeit Fernsehwerbung sah und die Botschaften über kommerziellen Erfolg unbewusst aufnahm, große, polierte, laute Spots darüber, warum man ein bestimmtes importiertes Produkt braucht. Diese Botschaften entschlüsselt sie bis heute.
Teil dieses Wegs ist die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln. Ihre jüngsten Kollektionen greifen die litauische Nationaltracht auf, in Kopfbedeckungen, Kleidern und Schals. Was eine ältere Generation als Kunst praktizierte, weil Kunst das einzig verfügbare Register war, kehrt nun als Identität zurück.
Darin liegt vielleicht die eigentliche Ambition der zweiten Vilnius Fashion Week. Es geht nicht nur darum, litauische Designer:innen internationalen Redakteur:innen zu zeigen, sondern einer Generation eine Bühne zu geben, die Erfolg noch nach ihren eigenen Maßstäben definiert.